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Die Gretchenfrage der Zivilisation

Golgotha sei keine Zahnpasta und "Sodom und Gomorrha sind kein Ehepaar“. Mit solch drastischen Vergleichen beginnt Christine Brinck in der Zeit ihre "Polemik“ wider den "religiösen Analphabetismus der westlichen Gesellschaften“. Die deutsche Publizistin stößt eine Debatte an, die im angelsächsischen Raum längst geführt wird und die hierzulande überfällig ist: Das Wissen um die religiösen Wurzeln der Kultur schwindet rapid. Und das geschieht unabhängig davon, ob in der Gesellschaft nun ein noch reichlich vorhandener Bodensatz an Sehnsucht nach Transzendenz oder einer wie immer gearteten "Spiritualität“ zu orten ist.

Man soll die Menschen schon abholen, wo sie stehen: Wer nach dem Sinn sucht oder nach mehr verlangt, als eine säkulare Welt an Orientierung bietet, soll Religionen, Konfessionen, Kirchen in die Pflicht nehmen. Aber bei aller Notwendigkeit eines Angebots zu individueller Lebensbewältigung: Hier handelt sich um die Gretchenfrage der Kultur, wenn nicht gar der Zivilisation. Verliert eine Gesellschaft ihr religiöses Wissen, dann stehen ihre Grundlagen mit auf dem Spiel:

Was auf dem Spiel steht

Dieser Befund sollte ein Weckruf sein: Die Rezepte eines agnostisch-atheistischen Lagers, das der Religion die Nische des Privaten zuweisen will, taugen da ebenso wenig wie diejenigen religiöser Eiferer, welche eine christlich grundierte (und mit ein paar jüdischen Einsprengseln garnierte) Gesellschaft beschwören. Aber diese Kultur und ihr Zusammenhalt, ja das politische System ist ohne religiöses Wissen nicht zu haben.

Es klingt banal: Wenn Menschen immer weniger "wissen“, was hinter christlichen Festen steht (bei Weihnachten oder Ostern geht es noch, aber bei Pfingsten möchte man dazu nicht den Mann oder die Frau auf der Straße befragen …), so wird sich eher heute als morgen die Frage nach der Berechtigung der Feste stellen. Und wenn kaum jemand mehr die Bibel liest, wird - beispielsweise - die Literatur unverständlich: Wer religiöse Bilder und Anspielungen, aus denen die Literatur und andere Künste bestehen, nicht entziffern kann, dem geraten die Wurzeln seiner Kultur gleichfalls aus dem Blick.

Es scheint noch dramatischer: Ohne biblische Kenntnisse wird man auch die Grundlagen des - säkularen! - Staates nicht begreifen. Das Konzept der Menschenwürde, das den Menschenrechten zugrunde liegt, bleibt gleichermaßen unverständlich. Das mittlerweile oft missbrauchte Böckenförde-Theorem ("Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“) weist in dieser Debatte darauf hin, dass es auch darum gehen muss, die Kenntnisse dieser Voraussetzungen im Bewusstsein zu halten. Das gilt zurzeit umso mehr, als in der Migrantengesellschaft mit dem Islam ein neues markantes Element für die Kulturwerdung der Gegenwartsgesellschaft Einzug findet.

Feuer am Dach

In Europas muslimischer Kultur ist das religiöse Wissen (oft genug auch in einer Form, welche die Moderne noch vor sich hat) vorhanden. Aber nicht nur erzreligiöse Muslime staunen oft, dass hierzulande die Mehrheitsbevölkerung wenig oder nichts mehr darüber weiß, woher sie - religiös - kommt. Anders gesagt: Muslime erfahren im europäischen Alltag so gut wie nichts übers Christentum. Säkulare Zeitgenossen im Übrigen auch nicht. Hier ist Feuer am Dach.

Man wundert sich einmal mehr, warum diese Auseinandersetzung nicht ganz oben auf der Agenda steht. In der aufgeflammten Debatte um den schulischen Ethikunterricht etwa gibt es allerlei ideologisch oder konfessionell gefärbte Argumente. Dabei geht es auch hier ums Ringen der säkularen wie der religiösen Gesellschaft, darum, wie ein fundamentales kulturelles religiöses Wissen im Bildungssystem nachhaltig verankert werden kann. Es ist bezeichnend, dass genau diese Diskussion einmal mehr ignoriert wird.

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