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Die Güte von Religion

Was das Christentum in den interreligiösen Dialog einzubringen hat.

Die Ambivalenz des Phänomens Religion, in seiner monotheistischen Ausprägung zumal, ist uns in den letzten Jahren wieder verstärkt bewusst geworden. Wo ein Gott umfassende, den Menschen in seinem Innersten verpflichtende Ansprüche stellt, liegt die Gefahr der politisch-gesellschaftlichen Instrumentalisierung auf der Hand. Entzündet haben sich die einschlägigen Debatten im Kontext der Auseinandersetzung mit dem Islam, rekurriert wird dabei aber ebenso auf das Christentum, das auch eine Gewaltgeschichte geschrieben hat und bis heute vor fundamentalistischen Tendenzen nicht gefeit ist; das Judentum kommt eher indirekt, über den Nahost-Konflikt und, damit verbunden, das Feindbild usa ins Spiel, also über das Amalgam aus Antizionismus,-amerikanismus und-kapitalismus, welches (zumindest) latent auch immer antisemitisch kontaminiert ist. Zuletzt war es bei der verharmlosend "Karikaturensteit" genannten Eskalation zu sehen: Wer den "Westen" treffen will, verhöhnt nicht das Christentum oder seine Repräsentanten, sondern rüttelt am Tabuthema Holocaust.

"Was ist eine gute Religion?" fragt vor diesem Hintergrund die Neue Zürcher Zeitung seit einigen Wochen Menschen, die - so das Blatt - "sich mit religiösem Glauben denkend befassen". Karl Lehmann, Kardinal und Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, hat mit feinem Gespür für die eingangs beschriebene Versuchung monotheistischer Religionen eine Antwort unter dem Titel "Dialog ohne Machtanspruch" formuliert: "Er (Gott; Anm.) darf nicht verwechselt werden mit der Absolutsetzung endlicher Dinge. Dies wären nur Idole und Götzen. Damit ist auch gegeben, dass der Name Gottes nicht instrumentalisiert werden darf für offene oder verkappte Interessen", schreibt Lehmann. Er warnt aber auch vor einer Ausklammerung der Wahrheitsfrage im Gespräch zwischen den Religionen zugunsten einer allenfalls leichter möglichen Verständigung über ethische Grundsätze: "Es wäre geradezu paradox", meint der Kardinal, "wenn der interreligiöse Dialog sich um alles kümmern würde, aber nicht um die Suche nach Wahrheit und die Erfüllung dieses Suchens im Glauben an Gott." Zentrale Bedeutung als Kriterium für eine "gute Religion" hat bei Lehmann der Begriff der Religionsfreiheit: Diese entbindet den Einzelnen nicht von seiner "moralische(n) Pflicht", "den wahren Glauben zu suchen und anzunehmen" - aber durch sie wird Religion, werden Glaubensfragen "von den Eingriffsmöglichkeiten staatlicher Gewalt kategorisch geschieden und gegen sie gesichert". Hinter dieses Verständnis von Religionsfreiheit sollte in der Tat kein interreligiöser Dialog zurückgehen, mehr noch: es müsste unaufgebbare Prämisse für ein solches Gespräch sein.

Was hat das Christentum hier einzubringen? Zunächst eine Perspektive, die radikal Maß am Menschen nimmt - mit seiner Bedürftigkeit, seinem Elend, aber auch mit seinen Möglichkeiten zur Selbsttranszendenz im Zwischenmenschlichen, im Kreativen, im Spirituellen. Daraus folgt ein kritisches Potenzial gegenüber jedweder angemaßten, auch religiösen Autorität - für deren "Gebote" als Kriterium nur gelten kann, ob sie zu einem weiteren und tieferen Menschsein, einem "Leben in Fülle" zu helfen vermögen: "Der Sabbat ist für den Menschen da", lautet die bleibend gültige Kurzformel dafür.

Sinnfälligsten Ausdruck findet ein solches, christliches Menschenbild im Passions-und Ostergeschehen: "Die genaueste Interpretation der menschlichen Existenz, die ich kenne und die sich mir erwiesen hat, ist das Kreuz Christi" - so hat es die evangelische Theologin Dorothee Sölle einmal auf den Punkt gebracht. Freilich: Dass hier nicht einfach nur ein an den politisch-religiösen Eliten seiner Zeit Gescheiterter grausam gehenkt wurde, sondern in eben dieser Person "menschliche Existenz" sich bündelt und - "zu Ostern" - aufgefangen wird, ist die kühne, fast wahnwitzige Hoffnung des Glaubens.

Davon werden Christinnen und Christen künftig wieder verstärkt Zeugnis zu geben haben, wenn es ihnen mit dem Dialog ernst ist - wenn sie ihn "ohne Machtanspruch", aber auf Augenhöhe mit ihren Partnern führen wollen.

rudolf.mitloehner@furche.at

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