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Die heilsame Kraft des Wortes

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Kommunikation ist wesentlich mehr als der Austausch von Worten. In der Medizin leistet Zuwendung einen grundlegenden Beitrag zur Heilung.

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Kommunikation ist wesentlich mehr als der Austausch von Worten. In der Medizin leistet Zuwendung einen grundlegenden Beitrag zur Heilung.

Die hochentwickelte Medizin hat ein unterentwickeltes kommunikatives Gewissen," meint Universitätsprofessor Maximilian Gottschlich vom Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften der Universität Wien gleich zu Beginn dieses glänzend geschriebenen Buches "Sprachloses Leid".

Gottschlich weiß, daß Kommunikation wesentlich mehr ist als der bloße Austausch von Worten. Sie ist ein komplexer Prozeß "wesentlicher Teilhabe" an anderen Menschen. Worte können dem anderen zum Wohl und zum Heil, aber auch zum Unheil und Schaden gereichen.

"Sprachloses Leid" ist ein wichtiges Buch, denn es zeigt auf, daß mangelnde kommunikative Sensibilität im Bereich der Medizin leider häufig dazu beiträgt, daß Menschen ihr das Vertrauen entziehen und sich zunehmend alternativen, ganzheitlichen Heilverfahren zuwenden.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Teil eins beleuchtet den "Ist-Zustand" in der medizinischen Kommunikation. Es geht darin um die krankmachenden Kommunikationsstrukturen im Medizinbereich, unter denen nicht nur Patienten, sondern auch viele Ärzte leiden. Der vielfach beklagte "Burnout", die Empfindung der Sinnlosigkeit des eigenen Tuns, ist aus der Erfahrung der Beziehungslosigkeit und des Kommunikationsverlustes zu erklären. Der Burnout erhöht heute, gemeinsam mit Depression, Medikamentenabhängigkeit und dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit, die Selbstmordgefahr bei Ärzten. In Österreich ist die Selbstmordrate bei Ärzten um rund 50 Prozent und bei Ärztinnen um 250 Prozent höher als die der Durchschnittsbevölkerung!

Höchste Zeit also, sich mit diesen Problemen kritisch auseinanderzusetzen und Möglichkeiten für eine kommunikativ verbesserte Arzt-Patient-Beziehung aufzuzeigen.

Dies geschieht in Teil zwei, der sich als "Programm einer kommunikativen Medizin" mit den Themen Information des Patienten, Heilkraft des Glaubens, Bedeutung des Vertrauens zwischen Arzt und Patient, Verwundbarkeit des Arztes und das Eingehen auch auf seine Bedürfnisse auseinandersetzt.

Daß auch der Glaube sehr wesentlich zur Heilung beitragen kann, ist so wahr wie bekannt. "In dem Kranken den Glauben an seine Genesung zu wecken" scheint Energien freizumachen, die Linderung und auch Heilung bewirken können. Daß der Arzt den Kranken zur Annahme seines Schicksals und damit seiner selbst verhelfen kann, ist eine der ganz wichtigen kommunikationstherapeutischen Dimensionen ärztlicher Kunst. M. Balint wird zitiert: "Therapie ereignet sich weder im Arzt noch im Patienten, sondern zwischen beiden."

Vielleicht klingen die Appelle Gottschlichs an Solidarität und an subjektives Betroffensein in Zeiten der Krankenscheinarithmetik und des Zeitmangels in Arztpraxen und Spitälern etwas übertrieben. Man wird aber über die Folgeschäden mangelnder Kommunikation in unserem derzeitigen Gesundheitssystem für Patienten und auch für Ärzte auf Dauer nicht hinwegsehen können.

Hohe Selbstmordrate Daß Gesundheit heute auch zu den Leitthemen der modernen Kommunikationsgesellschaft zählt, daß es heute eine erhöhte mediale Aufmerksamkeit und ein wachsendes öffentliches Interesse für Fragen der Gesundheitskultur und der Gesundheitspolitik gibt, wird in Teil drei des Buches beleuchtet. Trotz einer enormen kommunikativen Dauerversorgung durch Medien wächst heute die Sprach- und Verständnislosigkeit zwischen der Welt der Gesunden und der Welt der Kranken. Wesentliche Fragen wie die Unausweichlichkeit von Krankheit, Schmerz, Leid und Tod bleiben heute weitgehend ausgeklammert. Gottschlich weiß sehr genau, daß angebotene Informationen nicht automatisch auch zum Verstehen führen. Mit dem Anwachsen der Informationsflut ist die Garantie ihrer sinnvollen Verarbeitung keinesfalls gewährleistet.

Der Autor, der Publizistik, Pädagogik, Politikwissenschaft und Philosophie in Wien studierte, ist ein profunder Kenner der Probleme unserer Kommunikationsgesellschaft. Er hat sich mit dem Verhältnis von Religion, Medien und Gesellschaft mehrfach auseinandergesetzt und beschäftigt sich schon lange mit Fragen der medizinischen Kommunikation.

Der Autor macht aber sehr deutlich, daß Heilung nur dort möglich wird, wo es für den heilbedürftigen Menschen ein hohes Maß an Zuwendung, Vertrauen und Kommunikation gibt. Denn von einer gelungenen Arzt-Patient-Beziehung hängt wesentlich mehr ab, als bisher angenommen.

Sprachloses Leid. Wege zu einer kommunikativen Medizin.

Die heilsame Kraft des Wortes Von Maximilian Gottschlich Springer Verlag, Wien 1998 193 Seiten, öS 345,

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