Woelki - © picturedesk.com / Action Press / Christoph Hardt
Religion

Die Kölner Ereignisse um Kardinal Woelki. Ein Menetekel

1945 1960 1980 2000 2020

Kardinal Rainer Maria Woelki von Köln gelobte beim Umgang mit Missbrauch in seiner Erzdiözese maximale Transparenz. Mittlerweile ist klar, dass er sein Versprechen nicht gehalten hat.

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Kardinal Rainer Maria Woelki von Köln gelobte beim Umgang mit Missbrauch in seiner Erzdiözese maximale Transparenz. Mittlerweile ist klar, dass er sein Versprechen nicht gehalten hat.

„Unsäglich“ (Heiner Willmer). „Desaster“ (Georg Bätzing). Es sind Bischöfe, die sich so zum Vorgehen der Kölner Bistumsleitung bei der Aufklärung von Missbrauchsfällen äußern. Im Mittelpunkt ihrer Kritik steht Kardinal Woelki. Der hat die Veröffentlichung eines Gutachtens stoppen lassen, das eine Münchener Anwaltskanzlei zum sexuellen Missbrauch durch Kleriker im Erzbistum Köln erarbeitet hatte. „Gravierende methodische Mängel“ attestierte der Kölner Kardinal den Juristen. Ein Gutachten derselben Kanzlei präsentierte das Bistum Aachen dann im November vergangenen Jahres. In Köln muss man auf die Veröffentlichung eines alternativen Gutachtens bis März warten.

Als die Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz (MHG-Studie) 2018 vorgestellt wurde, ließ Kardinal Woel­ki protokollieren: „Die Aufarbeitung, wie wir in Fällen sexualisierter Gewalt gehandelt haben und welche Fehler gemacht wurden, ist von höchster Bedeutung.“ Woelki verband damit das Versprechen der radikalen Aufklärung. Seit dem Zurückhalten der Kölner Studie steht nun die Glaubwürdigkeit des Kardinals zur Diskussion. Die beiden Sprecher des Betroffenenbeirats der Erzdiözese Köln sind zurückgetreten, weil sie sich bei der Entscheidung, das Gutachten nicht zu ver­öffentlichen, „instrumentalisiert“ fühlten.

Verkorkst, nicht entschuldigt

„Wenn man Transparenz verspricht und dann nicht einhält, steht der Verdacht erneuter Vertuschung im Raum“, kommentierte der Missbrauchsbeauftrage der deutschen Bundesregierung den Vorgang. Diesem Verdacht hat Woelki weiter Nahrung gegeben. Aus dem Halbdunkel der Bistumsarchive spülte zunächst der Verdacht gegen den Hamburger Erzbischof ­Heße nach oben, den ehemaligen Kölner Personalchef, er habe einen Missbrauchsfall vertuschen wollen. Seine Funktion als geistlicher Assistent des Zentralkomitees der deutschen Katholiken ruht inzwischen. Der Kardinal selbst muss sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, dass er als Weihbischof einen Missbrauchsfall in seinem Zuständigkeitsbereich nicht angezeigt und damit gegen geltendes Kirchenrecht verstoßen habe. Dass es sich um einen Woelki persönlich nahestehenden Priester handelte, belastet die Situation zusätzlich. Die Bischofskongregation des Vatikan wird sich damit beschäftigen, während die Entwicklungen in Köln längst eine Eigendynamik angenommen haben.

„Unsäglich“ (Heiner Willmer). „Desaster“ (Georg Bätzing). Es sind Bischöfe, die sich so zum Vorgehen der Kölner Bistumsleitung bei der Aufklärung von Missbrauchsfällen äußern. Im Mittelpunkt ihrer Kritik steht Kardinal Woelki. Der hat die Veröffentlichung eines Gutachtens stoppen lassen, das eine Münchener Anwaltskanzlei zum sexuellen Missbrauch durch Kleriker im Erzbistum Köln erarbeitet hatte. „Gravierende methodische Mängel“ attestierte der Kölner Kardinal den Juristen. Ein Gutachten derselben Kanzlei präsentierte das Bistum Aachen dann im November vergangenen Jahres. In Köln muss man auf die Veröffentlichung eines alternativen Gutachtens bis März warten.

Als die Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz (MHG-Studie) 2018 vorgestellt wurde, ließ Kardinal Woel­ki protokollieren: „Die Aufarbeitung, wie wir in Fällen sexualisierter Gewalt gehandelt haben und welche Fehler gemacht wurden, ist von höchster Bedeutung.“ Woelki verband damit das Versprechen der radikalen Aufklärung. Seit dem Zurückhalten der Kölner Studie steht nun die Glaubwürdigkeit des Kardinals zur Diskussion. Die beiden Sprecher des Betroffenenbeirats der Erzdiözese Köln sind zurückgetreten, weil sie sich bei der Entscheidung, das Gutachten nicht zu ver­öffentlichen, „instrumentalisiert“ fühlten.

Verkorkst, nicht entschuldigt

„Wenn man Transparenz verspricht und dann nicht einhält, steht der Verdacht erneuter Vertuschung im Raum“, kommentierte der Missbrauchsbeauftrage der deutschen Bundesregierung den Vorgang. Diesem Verdacht hat Woelki weiter Nahrung gegeben. Aus dem Halbdunkel der Bistumsarchive spülte zunächst der Verdacht gegen den Hamburger Erzbischof ­Heße nach oben, den ehemaligen Kölner Personalchef, er habe einen Missbrauchsfall vertuschen wollen. Seine Funktion als geistlicher Assistent des Zentralkomitees der deutschen Katholiken ruht inzwischen. Der Kardinal selbst muss sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, dass er als Weihbischof einen Missbrauchsfall in seinem Zuständigkeitsbereich nicht angezeigt und damit gegen geltendes Kirchenrecht verstoßen habe. Dass es sich um einen Woelki persönlich nahestehenden Priester handelte, belastet die Situation zusätzlich. Die Bischofskongregation des Vatikan wird sich damit beschäftigen, während die Entwicklungen in Köln längst eine Eigendynamik angenommen haben.

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Am Ende der Christmette des vergangenen Jahres adressierte Kardinal Woelki eine Entschuldigungsbitte an die versammelte Gemeinde: „Was die von sexueller Gewalt Betroffenen und Sie in den letzten Tagen und Wochen vor Weihnachten im Zusammenhang mit dem Umgang des Gutachtens zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in unserem Erzbistum, was Sie an der Kritik darüber und insbesondere auch an der Kritik an meiner Person ertragen mussten – für all das bitte ich Sie um Verzeihung.“ Der Kardinal entschuldigt sich – für Kritik an ihm. Von persönlicher Schuld kein Wort. Nichts von Verantwortung. Keine Rede von Konsequenzen. Stattdessen nimmt der Kölner Erzbischof letztlich seine Kritiker für das in Haft, was nicht zuletzt die Betroffenen seit seiner Entscheidung, das Gutachten nicht zu veröffentlichen, ertragen mussten.

Der Kardinal entschuldigt sich in der Christmette – für Kritik an ihm. Von persönlicher Schuld kein Wort. Nichts von Verantwortung. Keine Rede von Konsequenzen.

Es handelt sich nicht um eine semantische Ungenauigkeit oder ein rhetorisches Missgeschick. Die Perspektive des Kölner Kardinals ist folgerichtig. Das zeigte sich im Zuge einer Einladung von Journalisten zu einem „Hintergrundgespräch“ in das Kölner Generalvikariat. Acht ausgewählte Pressevertreter sollten einen Einblick in das Münchener Gutachten erhalten, allerdings mit einer Berufsunfähigkeitsversicherung zusichern, dass nichts über die Angaben des Gutachtens berichtet werde.

Dass der Vorschlag an sich eine Zumutung darstellt; dass die Annahme, irgendein Journalist könnte diesen Maulkorberlass akzeptieren, unendlich ­naiv erscheint, dokumentiert eine Unprofes­sionalität, die sich niemand, schon gar nicht die katholische Kirche bei der Aufklärung des Missbrauchskomplexes leisten kann.

Missverständnis über die vierte Gewalt

Noch problematischer ist aber etwas anderes: das Verständnis der Bistumsleitung von der vierten Gewalt. Presse und Öffentlichkeit werden ungeniert als Teil der eigenen Kommunikationsstrategie beansprucht. Dahinter verbirgt sich eine theo­logisch-kirchliche Grundhaltung. Der Zugriff auf kritische Berichterstattung belegt, dass die Kölner Bistumsleitung weiterhin daran glaubt, man habe das Recht, die Bedingungen der Aufklärung des Missbrauchs festzulegen. Nicht die durchaus möglichen methodischen Mängel des Münchener Gutachtens stehen zur Diskus­sion, sondern dass die Kölner Bistumsleitung sie nicht zur Diskussion freigibt. In ­Aachen nahm sich Bischof Helmut Dieser kein Einspruchsrecht vorab heraus. Öffentlichkeit und Bischof wurden gleichzeitig informiert.

Wer das Recht reklamiert, die Informationspolitik bei der Aufklärung des kirchlichen Missbrauchs zu bestimmen, bleibt beim Church first. Diese Einstellung und die entsprechende Mentalität haben systemischen Charakter. Eine Kirche, die sich ihrer religiösen Wahrheit auf der Grundlage einer unverlierbaren kirchlichen Wahrheitsform vergewissert, kann sich selbst genügen. Am Ende steht Christus. Und er vermittelt sich im apostolischen Dienst der Bischöfe. Die eschatologischen Aussichten stehen. Dazwischen: Kollateralschäden. Für die man um Vergebung bitten kann. Vorzugsweise für die vermeintlichen Fehler anderer. Immunisierung als kirchliches Programm.

Des Kardinals Verantwortung

Mit seiner Weihnachtsansprache hat Kardinal Woelki einen Sachverhalt indes entscheidend verschoben. Er macht das Missbrauchsproblem auf einer zweiten Ebene zum Thema – der Ebene der angemessenen Aufklärung. Genau auf dieser Ebene verschärft sich das Problem für den Kardinal. Hier macht er sich entscheidend angreifbar. Denn es stellt sich nun die Frage, ob er als Bischof überhaupt geeignet ist, die Aufklärung des Missbrauchskomplexes und die daraus resultierenden Probleme anzugehen. Wer sich für Kritik an seiner Person entschuldigt, hat weder die Funktion externer Kritik verstanden noch ein klares Verständnis davon, wofür man sich entschuldigen kann und muss. Dementsprechend wurden einem Priester des Bistums, der sich den wachsenden Forderungen nach einem Rücktritt des Kardinals angeschlossen hat, Folgen angedroht. Die sind zwar wieder vom Tisch, aber auch hier zeigt sich, was man in Köln darunter versteht, Konsequenzen aus dem Missbrauchskomplex zu ziehen.

Verantwortlich dafür ist der Erzbischof von Köln. Sein Verhalten veranlasst auch kirchentreue Katholiken zum Kirchenaustritt. Was Aufklärung bringen soll, potenziert Unklarheiten. Seine Transparenzabsichtserklärungen lösen sich hinter geschlossenen Akten auf. Wer so agiert, macht nicht nur strategische und kommunikative Fehler in der Bearbeitung des Missbrauchskomplexes der Kirche – er erweist sich als nicht geeignet, diese historische Herausforderung auch nur anzunehmen, geschweige denn zu bewältigen. Wer auf diesem Anforderungsniveau Vertrauen verspielt, setzt mehr als nur seine persönliche Glaubwürdigkeit aufs Spiel: Er riskiert die Grundlage des Glaubens selbst.

Der Autor ist Professor für Fundamentaltheologie und Ökumene an der Universität Salzburg.

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