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Die Kopten wollen gehört werden

Nach wie vor werden Christen in Ägypten verfolgt und diskriminiert. Österreichische Kopten demonstrierten in Wien - ein Protestmarsch für Gleichberechtigung in der ägyptischen Gesellschaft.

Zuerst könnte man glauben, es wäre ein Familienausflug. Frauen, Männer und Kinder jeden Alters treffen sich vor der Wiener Staatsoper, lachen und plaudern fröhlich durcheinander. Wären da nicht die Kreuze, Schilder und Banner, die sie mit sich tragen. "Stoppt die Zwangsislamisierung, stoppt Christenmörder" steht in großen Lettern auf einem Banner, den drei junge Mädchen hochhalten. "Unsere Familie in Ägypten hat keinerlei Rechte. Wir wollen die Welt endlich darauf aufmerksam machen", erklärt Christina, eine 17-jährige Schülerin aus Wien.

Mitglieder der koptischen Gemeinden aus ganz Österreich sind für diesen Tag angereist. Innerhalb einer Stunde werden aus den anfänglichen zwanzig über zweihundert Personen, die sich für die Demonstration am Freitag, dem 11. Juli, vor der Wiener Staatsoper versammeln.

Als Menschen zweiter Klasse

Die christliche Minderheit in Ägypten, die koptisch-orthodoxe Kirche von Alexandria, leidet schon lange unter Diskriminierung, Enteignung und Verfolgung und klagt über eine steigende radikale Islamisierung des Landes. "In Ägypten leben die Kopten als Menschen zweiter Klasse. Sie dürfen keine öffentlichen Ämter bekleiden, können die Universität nicht besuchen und sie haben auch kein politisches Mitspracherecht," sagt William Tadros, Mitorganisator der Demonstration. Der Fotojournalist und koptische Menschenrechtsaktivist setzt sich schon seit Jahren für die Gleichberechtigung der Kopten ein. "Christen sollen das Recht haben, ganz normale Bürger zu sein, mit den gleichen Aufgaben und Pflichten." Schließlich machen die 15 Millionen Kopten gut zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung aus. In Wien leben derzeit über 5000. Tadros erklärt den aktuellen Anlass für die Demonstration: Am 31. Mai griffen bewaffnete Islamisten das christliche Kloster von Abo Fana in der Stadt Minya (Mittelägypten) an, eines der ältesten Klöster der Welt. Sie beschossen es mit Maschinengewehren, verletzten vier Mönche und nahmen weitere gefangen. Derartige Angriffe gehören zum Alltag in Ägypten. Die Vorwürfe gegen die Regierung sind schwer. "Die ägyptische Regierung sieht nicht hin, sie will nicht hinsehen. Wenn Kopten gefoltert und abgeschlachtet werden, zieht niemand die Verantwortlichen zur Rechenschaft. Bis heute gab es noch keine Verurteilung", meint Hakim Botros, Obmann der koptischen Vereinigung in Graz. Auch er ist extra für die Demonstration nach Wien gekommen.

Gesang in der Mittagshitze

William Tadros freut sich besonders über das starke Interesse der Jugend. Kinder und Jugendliche marschieren ebenso bei der Demonstration mit, halten Kreuze in die Luft, verteilen Informationsflyer an interessierte Passanten. Einige legen sich die weißen Blätter als Sonnenschutz auf den Kopf, denn es hat immerhin 33 Grad in der Mittagssonne. Das tut der Stimmung jedoch keinen Abbruch.

Um 12 Uhr setzt sich der lange Zug der Demonstranten schließlich in Bewegung, über den Opernring bis zur Hofburg. Einige Männer stimmen mit kräftigem Bass das "Kyrie eleison" an, die restlichen Demonstranten fallen in den Gesang mit ein. So laut wie nur möglich - denn sie wollen gehört werden.

INFOS: www.coptic-news.net

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