Die Migranten, der Papst, die Megacitys

Der Segen "Urbi et Orbi“ folgt der Logik römischen Reichsdenkens. Heute müsste der Papst erst in die Welt horchen: "Orbi et Urbi“ wäre die Devise eines heutigen Rituals.

Die katholische Kirche ist bei der Wahl des neuen Papstes mit globaler Aufmerksamkeit bedacht worden. In einer umfassend vernetzten Zivilisation hat die Sichtbarkeit des Papstamtes eine globale Schwerkraft, aber damit zugleich für die Kirche eine andere Dimension. In einer Welt, in der sich viele Menschen nach Sichtbarkeit sehnen, ihre Überlebensnöte aber meistens unsichtbar bleiben, ist sie eine Ressource der Kirche nach außen, um auf drängende Probleme hinzuweisen. Aber nach innen ist sie ebenso ein Brennglas für kirchliche Probleme mit der Moderne, mit vatikanischen Geheimnissen, mit Strukturen hinter Missbrauchsfällen, mit zu großer Nähe zu Militärdiktaturen.

Die Fliehkräfte der Globalisierung

Auch wenn Filmemacher den sechsten Sinn der katholischen Kirche für globale Inszenierungen preisen, so sehen auch wohlwollende Beobachter ihren Gestus der Selbstbestätigung als leeren Widersinn in einer global vernetzten Zivilisation. Das letzte Konzil hat der Kirche eine Wechselseitigkeit von ad intra und ad extra, von innen und außen, verordnet. Der neue Papst Franziskus wird daher gefragt werden, wo Kirche gegen die enormen Fliehkräfte der Globalisierung gravierende Orte anbietet, an denen die Menschheit ihren Problemen nicht ausweichen kann.

Besonders Migranten sind solchen Kräften ausgesetzt; sie bilden einen Brennpunkt der heutigen Welt, jedoch einen verschämten. Ob die katholische Kirche des Weltformates würdig ist, das die Aufmerksamkeit auf die Papstwahl bestätigt hat, entscheidet sich ad extra auch am neuen Spitzenmann. Kann er die Lage heutiger Menschen erfassen, darstellen und umsetzen? Als Nachfolger von Apos-teln ist er geistlich ein Migrant. Ist er tatsächlich auch "einer von ihnen“, der versteht, was diesen Menschen geschieht und was sie allen anderen zu sagen haben? Der Ort, wo ihre Unsichtbarkeit seine Sichtbarkeit trifft, hat es aber in sich.

Historisch ist es nicht neu, dass Menschen oft nicht bleiben, wo sie herkommen. Neu ist aber der Ort, in den sie vorrangig migrieren. Es sind die megaurbanen Räume. Je größer diese sogenannten Postmetropolen sind, desto mehr Migration ziehen sie an. Hier bieten sich mehr Chancen als in jedem anderen Lebensraum. Riesenstädte sind auf Hoffnungen gebaut. Auf dem Land fällt Menschen Migration am schwersten. Riesenstädte anonymisieren dagegen Menschen und bieten viel informelle Ökonomie, beides wichtig für illegale Migration. Sie bauen Ungleichheiten dynamisch aus, was sie attraktiv für Finanz- wie Migrationsströme macht, weil Gewinne und Nischen zu erwarten sind.

Mehr als die Hälfte der Menschheit lebt heute in Städten, die UNO rechnet für 2050 mit fast sieben Milliarden Städtern. Räume mit mehr als 10 Millionen Einwohnern nehmen zu wie Istanbul, Mumbai, Seoul, Los Angeles, São Paulo, Kairo. Als größte Megacity gilt Chongqing mit 32 Millionen und einer Fläche etwa von Österreich. Solche Räume sind Magneten der Migration. Integration ist nicht ihr größtes Problem; sie wird umso wichtiger genommen, je ländlicher die Räume sind. In Gesellschaften mit ländlichem Sozialidyll lässt sich deshalb mit Integrationsthemen gut Wahlkampf machen. Man darf gespannt sein, welches Sozialidyll im österreichischen Superwahljahr sichtbar wird.

Zivilisation megaurbaner Räume

Auch die katholische Kirche hat ihre Integrationsidee; sie zeigt sich im päpstlichen Segen Urbi et Orbi. Er setzt eine Sichtbarkeit der Kirche und ihres Heils von Rom her voraus. Das prägt die barocke Identifizierung der Kirche als societas perfecta. Sie ist in sich selbst begründet und nicht von außen abhängig, vor allem nicht vom Staat, der eigentlichen "perfekten Gesellschaft“. Seit Robert Bellarmin († 1621) wurde es wichtig, das durch Kontroversen gegen andere sichtbar zu demonstrieren. Sie richten sich nach außen, aber verwahren sich gegen außen, vor allem gegen liberalen Staat, häretische Protestanten und Modernisten in den eigenen Reihen. Kontroversen suchen die Schwächen der Gegner, um so die eigenen Stärken sichtbar zu machen.

Dem dient besonders das Zentrum Rom, wo der Vatikan mit der Peterskirche als seinem Zentrum die Schätze des Heils sichtbar herausstellt. So wird der Segen Urbi et Orbi von dem nach außen sichtbarsten Teil von St. Peter erteilt, der Benediktionsloggia der Barockfassade. Er setzt auf die globale Sichtbarkeit des christlichen Heils im Papst. Aus dem römischen Reichsdenken stammend, wird lediglich ein Anspruch zelebriert. Der Segen setzt das Zentrum einer von Unheil gequälten Welt voraus. Ohne ein repräsentatives Zentrum funktioniert er nicht.

Eine Zivilisation aus megaurbanen Räumen setzt diese Strategie unter großen Druck. Denn Postmetropolen haben kein Zentrum mehr, sondern viele Zentren, die sich unvermittelt verlagern können. Sie konkurrieren um eine Aufmerksamkeit, die nicht die Sichtbarkeit belohnt, sondern Anonymität bereitstellt. Integration will dagegen Anonymität sichtbar auflösen und idealisiert überschaubare Lebensräume. Mit Urbi et Orbi beansprucht die Kirche, alle Menschen zu ihrem Wohl in einen zentralen katholischen Glauben zu integrieren. Wenn das nicht einmal alle in der eigenen Religionsgemeinschaft wollen, bleibt die Sichtbarkeit des Segens Fassade. Die Suggestion einer Welt mit der Kirche im Zentrum folgt einer katholischen Utopie, die Sichtbarkeit propagiert, aber Anonymität als wichtige soziale Ressource ausgrenzt. Pluralität wird zugunsten einer Einheit übergangen, die nur als mediale Fassade erfahrbar ist.

Wenn der zentrale Platz fehlt

Urbi et Orbi geht von der Raumstruktur der Metropolen aus. Sie wurde bereits von den Sumerern entdeckt und hielt bis ins 19. Jahrhundert. An einem zentralen Platz gruppieren sich die zwei Gebäude der Macht: Zitadelle und Tempel bzw. Residenz und Dom. In Postmetropolen gibt es keinen zentralen Platz mehr. Seine Funktion wird von Internet und Satelliten-TV übernommen, wo sich kein Tempel glanzvoller Sichtbarkeit mehr bauen lässt. Deshalb ist die katholische Version Gottes, jeder Relativität zu widerstehen, zu einer hehren Idee geworden. So wird Gott ortlos und die Kirche zivilisatorisch sprachlos. Das Konzil verband dagegen Gott mit einem Ort: "in der Welt von heute“. Gott ist in Ereignissen, Bedürfnissen und Wünschen heutiger Menschen unterscheidbar, so Gaudium et spes, wenn die Kirche daran Anteil nimmt. Der ewige Gott ist nicht zeitlich, aber hat den Lebensraum der Zeitgenossen. Er ist lokalisierbar in den großen und kleinen Geschichten vor allem jener Menschen, die um die Anerkennung ihrer Würde ringen müssen.

Migranten ringen besonders in megaurbanen Räumen um die Anerkennung ihrer Würde. Dort ist also Gott präsent. Aber wo, wenn das Zentrum wegfällt? Es sind andere Räume, Heterotopien. Diese "Andersorte“ muten Fragen zu, welche die zentral herrschenden Ordnungen der Dinge befremden. Die megaurbanen Räume von Migranten sind voller Andersorte.

Sie stellen auch die Frage nach religiöser Integration anders, weil sie den christlichen Gott relativierender Pluralität aussetzen. Das kommt ihm aber entgegen; denn er ist kein Landspaziergang in eine kommende Idylle, sondern ein prekäres Stadtereignis jetzt. So lokalisiert die Bibel Gott in Städten mit prekären Räumen: das zerstörte Jerusalem, die Wasser zu Babel, Golgotha, die zerstrittene Gemeinde von Korinth. Solche Orte befremden, was zuvor als selbstverständlich für Gott galt. Gottes Präsenz ist auf solche Heterotopien bezogen. Migranten der globalisierten Zivilisation kennen viele davon - die Lampedusas dieser Welt, die kleinen Booten, die so oft spurlos verschwinden, die Vorstädte, deren Adresse Jugendliche von Lehrstellen fernhält, die Schulen, Krankenhäuser und Kulturtempeln, die ausschließen, wenn Geld, Sozialversicherung, Bildung fehlt.

Wenn der Papst in Erzählungen von diesen anderen Räumen hinein horcht, bevor er Urbi et Orbi spricht, wird sich der Segen umdrehen zu Orbi et Urbi. In dieser Umkehr beginnt Kirche für Globalisierung tauglich und dem Evangelium gemäß zu werden.

Der Autor ist Professor f. Dogmatik an der Universität Salzburg

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