Digital In Arbeit

Die Moral als Waffe

Dass religiöse Wahrheitsansprüche den Frieden zwischen den Religionen gefährden, gilt als eine nicht weiter zu überprüfende Selbstverständlichkeit. In diesem Sinne lässt schon Lessing in seinem "Nathan" dessen Stieftochter Recha sagen, die Christen müssten "aus Liebe quälen". Weil sie nämlich beanspruchten, den einzigen Weg zum ewigen Heil zu kennen, müssten sie den Anderen notfalls gegen seinen Willen auf den richtigen Weg bringen. Darum konnte Lessing sich ein friedliches Zusammenleben der Religionen nur unter der Voraussetzung vorstellen, dass diese ihre Wahrheitsansprüche zurücknehmen und sich im Umgang miteinander von moralischen Prinzipien leiten lassen, deren Geltung von religiösen Voraussetzungen unabhängig ist.

In seiner Einschätzung religiöser Wahrheitsansprüche geht Küng mit Lessing konform. Doch will er das gesuchte religiös neutrale Ethos nicht aus der Vernunft entwickeln, denn er erkennt in dieser die von Luther so genannte "Hure", die sich von allen und für alles in Dienst nehmen lässt. Darum versucht er das genannte Ethos den Religionen selbst zu entnehmen, denn unabhängig von ihren konkurrierenden Wahrheitsansprüchen verfügen sie schon heute über eine gemeinsame Schnittmenge moralischer Überzeugungen. Wenn es den Religionen dann gelänge, sich im Umgang miteinander von diesen gemeinsamen moralischen Prinzipien leiten zu lassen, könnten sie einen unersetzlichen Beitrag zum Weltfrieden leisten.

Dieses Anliegen wirkt schon auf den ersten Blick so überzeugend, dass derjenige, der ihm nicht sogleich die gebotene Zustimmung schenkt, sich schnell in die Ecke derer gedrängt fühlt, die womöglich den Weltfrieden gar nicht wünschen und stattdessen mit inquisitorischen Methoden immer noch die ganze Welt missionieren wollen. Auf den zweiten Blick mutet es allerdings überraschend an, wenn die Weltreligionen noch lernen sollen, dass ihnen grundlegende ethische Maximen gemeinsam sind. Hat es die so genannten Religionskriege etwa deshalb gegeben, weil den Religionen gar nicht bewusst war, dass sie ein Tötungsverbot kennen und dass die Geltung dieses Verbotes zwischen ihnen doch unstrittig ist?

Ärger im Konkreten

Die eigentlich gewaltanfälligen Probleme liegen hier nicht in der mangelnden Kenntnis eines verbindenden Ethos, sondern in der jeweils höchst unterschiedlichen Konkretisierung ein- und desselben Gebotes. Wann ist etwa die Vernichtung von Leben Mord, wann Notwehr? Wann wird die Falschaussage zur verbotenen Lüge, wann darf sie als Notlüge gerechtfertigt werden? Gerade wenn man sich auf ethischer Ebene im Prinzipiellen einig ist, kann eine anderslautende Konkretisierung zu einem um so größeren Ärgernis werden. Dies gilt insbesondere dann, wenn die verschiedenen Kulturkreise sich im Zuge der Globalisierung einander immer stärker durchdringen. Allzu schnell wird dann die eigene Moral zur Waffe, mit der man dem Anderen den guten Willen abspricht. Wenn etwa in Mozarts "Zauberflöte" die Königin der Nacht ihre Rachearie gesungen hat und daraufhin Sarastro die verwandelnde Kraft der Barmherzigkeit besingt, dann nimmt er zum Schluss fast unbemerkt jene Gewalt vorweg, die nicht mehr im Namen der Religion, wohl aber im Namen der Moral den Anderen zum Unmenschen erklärt: "Wen solche Lehren nicht erfreun, verdienet nicht, ein Mensch zu sein." Und die Neuzeit liefert viele Beispiele dafür, wie die inquisitorischen Mechanismen, die wir nicht zuletzt aus der Geschichte des Christentums kennen, im Namen der Moral ihre Fortsetzung finden.

Moral vor der Moral

Ein weiteres Problem ergibt sich aus der logischen Struktur des "Projektes Weltethos". Auf der einen Seite ist Küng der Auffassung, dass nur ein - im religiösen Sinne des Wortes - Unbedingtes unbedingt moralisch verpflichten könne. Auf der anderen Seite handelt es sich bei seiner Feststellung "Wir brauchen ein Weltethos" aber selbst um eine moralische Forderung, die er zunächst einmal von außen an die Religionen richtet und die dem geforderten Weltethos vorausliegt. Insofern dokumentiert das "Projekt Weltethos" bereits im Ansatz eine näher zu untersuchende "Moral vor der Moral". Damit liegt aber nun ein zirkuläres Begründungsverfahren vor: Ohne Gott lässt sich das Faktum unbedingter moralischer Verpflichtung nicht begründen. Wie aber ist der Glaube an Gott begründet? Darin, dass wir ohne diesen Glauben unseren moralischen Forderungen nicht den Status unbedingter Verpflichtung verleihen können.

Dieses Problem ist in struktureller Hinsicht jedem schon einmal begegnet, der Erfahrungen mit pädagogischem Lob gemacht hat. Denn es gibt Menschen, die Lob und Anerkennung brauchen, um die von ihnen geforderten Leistungen zu erbringen. Sobald sie aber bemerken, dass sie nur deshalb gelobt werden, weil sie sonst nicht die gewünschte Leistung zustande bringen, bricht beides zusammen: die Glaubwürdigkeit des Lobes wie auch die Fähigkeit zu der erwarteten Leistung. Gleiches gilt für das Weltethos, das wir erklärtermaßen brauchen: Derjenige, der in einer religiösen Tradition lebt, kann nur so lange seinen Beitrag zu diesem Ethos leisten, wie sein Glaube selbst glaubwürdig ist, nicht aber, weil er so ein von außen kommendes Bedürfnis bedient. Dann müssen aber die von den Religionen formulierten Wahrheitsansprüche darauf hin befragt werden, inwieweit sie mit dem von außen an sie herangetragenen Bedürfnis konvergieren.

Diese Frage kann nur aus jeder einzelnen Tradition gesondert beantwortet werden. Für das Christentum bleibt festzustellen: Sein Wahrheitsanspruch verdankt sich einem biblischen Aufklärungsprozess, und diese Aufklärung ist von solcher Radikalität, dass sie nicht nur das historisch verfasste Christentum unter ihr Maß stellt, sondern vor allem auch mit dem neuzeitlichen Prozess der Aufklärung an genau der Stelle konvergiert, wo die Vernunft zur "Hure" im Dienst menschlicher Gewaltneigung wird.

Der genannte biblische Aufklärungsprozess kann hier nur in aller Kürze nachgezeichnet werden. So überwindet der biblische Monotheismus, der sich im 6. Jahrhundert vor Christus durchsetzt, den Glauben an einen parteiischen Gott, der Israel errettet, seine Feinde aber der Vernichtung weiht. Denn wenn der eine Gott der Schöpfer allen Lebens ist, dann werden auch diejenigen Menschen als meine Geschwister ansprechbar, die mir zunächst als Fremde und Andersgläubige gegenübertreten. Auf diese Weise wird die Barmherzigkeit gegenüber dem Fremden zum Gottesdienst, sodass wir in dieser Hinsicht auch vom ethischen Monotheismus sprechen können.

Dieser setzt jedoch eine ganz neue Gewaltneigung frei: nämlich die Verdammung derer, die dem Gebot der Barmherzigkeit die fällige Anerkennung verweigern. Hier liegt der Ansatz zum Konflikt Jesu mit dem jüdischen "Gesetz" seiner Zeit. Denn die jesuanische Kritik am "Gesetz" gilt nicht dessen sittlichem Gehalt, wohl aber dessen grenzziehender Funktion, kraft derer diejenigen sozial exkommuniziert werden, die sich dem Gesetz nicht unterwerfen. Damit decken freilich die Evangelien eine Gewaltneigung auf, die nicht nur der Religion, sondern auch der Moral eigen ist und die sich nicht zuletzt in dem bereits angesprochenen Sarastro-Syndrom äußert. Denn jedes gemeinschaftliche Bekenntnis bedeutet einen Akt der Identitätsbildung, mit dem ein partikulares Kollektiv sich von anderen absetzt. dies nimmt paradoxe Züge an, wenn der Gegenstand dieses Bekennens das Gebot einer grenzenlosen Barmherzigkeit ist, das Bekenntnis zu dieser Barmherzigkeit aber wieder Grenzen errichtet. Überwunden ist diese Logik der Identitätsbildung durch Fremddenunziation erst in dem Moment, wo die genannte grenzenlose Barmherzigkeit durch kein menschliches "Bekenntnis zu ..." mehr entstellt ist, sondern selbst Menschengestalt annimmt - oder biblisch formuliert: wenn das Wort Mensch wird (vgl. Joh 1,14).

Christliche Aufklärung

Diejenigen, die in der genannten Logik der Fremddenunziation leben, können freilich ihre eigene Identität nur dadurch behaupten, dass sie ihrerseits nun denjenigen denunzieren, der die Wahrheit über sie aufdeckt. Das Kreuz und die Hinrichtung Jesu sind in diesem Sinne die Konsequenz dessen, dass die göttliche Barmherzigkeit Menschengestalt angenommen hat.

Diese Wahrheit hat nun eine zweifache Funktion: Auf der einen Seite hat sie Anspruch auf unsere Zustimmung; auf der anderen Seite verstricken wir Christen uns im Bekenntnis zu Jesus Christus wiederum in genau diejenigen Exkommunikationsmechanismen, die in Jesus Christus überwunden sind. Damit sind wir bei einem weiteren Schritt der genannten Aufklärungsleistung. Denn schon die Jünger mussten sich von Jesus zurechtweisen lassen, als sie mit den Worten zu ihm kamen: "Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb, und wir versuchten ihn daran zu hindern, weil er uns nicht nachfolgt" (Mk 9,38). Was wir mit dem missverständlichen Wort vom Absolutheitsanspruch des Christentums bezeichnen, meint den schlichten Sachverhalt, dass in Jesus Christus sich eine Aufklärung über die Gewaltaffinität von Religion und Moral vollzieht, von der auch das Christentum selbst nicht ausgenommen ist.

Das "Projekt Weltethos" versucht, religiöse Wahrheitsansprüche um des Friedens willen zu neutralisieren. Wer sich dem christlichen Wahrheitsanspruch stellt, erfährt jedoch eine solch radikale Aufklärung über die Ursachen menschlicher Gewalt, dass das Projekt Weltethos nur zu Lasten des von uns allen ersehnten Friedens daran vorbeigehen kann.

Der Autor ist außerordentl. Professor für Fundamentaltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. In "Kein Weltfrieden ohne christlichen Absolutheitsanspruch" hat sich Neuhaus aus religionstheologischer Perspektive mit Hans Küngs "Projekt Weltethos" auseinandergesetzt (Herder Verlag, 1999).

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau