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Die neue Autorität der Leidenden

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Johann Baptist Metz: Der kritische und wortgewandte deutsche Theologe setzt sich leidenschaftlich für eine radikale theologische Praxis ein.

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Johann Baptist Metz: Der kritische und wortgewandte deutsche Theologe setzt sich leidenschaftlich für eine radikale theologische Praxis ein.

UltTt KCIIK: Wie beurteilen Sie die heutige Kirchenkrise?

Johann Baptist Metz: Die Kirchenkrise ist Ausdruck einer Gotteskrise. Es ist zunächst einmal genau die Tatsache, daß die Kirche nicht gern die Gotteskrise anzunehmen bereit ist. Anders ausgedrückt: daß die kirchliche Verkündigung und auch das kirchliche Amt den Eindruck erwecken, als könnten sie die Gottesthematik immer noch mehr oder minder voraussetzen, das heißt, alle Leute, mit denen sie es zu tun haben, sind brav-fromme Leute, die sich unter dem Wort „Gott” ungefähr dasselbe vorstellen. Die epochale Veränderung heute ist, daß die Rede über Gott nicht mehr klar ist. Zweitens ist es eine Krise, die nicht nur die Kirchen, nicht einmal nur das Christentum angeht. Es ist eine fundamentale Krise unseres gesellschaftlichen, moralischen und kulturellen Lebens. Es ist die Frage, ob wir mit dem, was wir unsere Gottesbotschaft nennen, richtig umgehen.

DIEFURCHE: Gelegentlich wirdder Kirche vorgeworfen, daß sie sich zuviel mit ihren eigenen Strukturen beschäftigt Wie findet sie aus dieser narzißtischen Befangenheit heraus? metz: Sie muß das Wort von der Menschenfreundlichkeit Gottes ernst nehmen. Sie ist dann nicht menschenfreundlich genug, wenn sie aus dem Christentum sozusagen eine bürgerliche Religion macht, in der man auch ganz modernitätsverträglich leben kann. Die Menschenfreundlichkeit muß aber für alle Menschen in der Welt gelten. Es muß ein Gott vor allem der Armen und Elenden sein. Das bedeutet aber, daß die Rede von der Menschenfreundlichkeit Gottes keine Legitimation ist, daß wir uns in der mitteleuropäischen Bürgerlich-keit einrichten auf die Begehren, die wir haben, sondern es ist eine schreckliche Anfrage an uns, ob wir genug tun, damit dieser Gott der Gott aller ist.

DIEFURCHE: Stehen die Katholiken mit ihren Kirchenproblemen sich selber und der Verkündigung der Botschaft Christi im Weg? Machen sie sich die falschen Sorgen?

METZ: Ich bin grundsätzlich der Meinung, daß die Rede „Jesus - ja, Kirche - nein” nicht stimmt. Was uns im Weg steht, ist nicht die Kirche. Eine Kirchenreform, die authentisch sein soll, kann nicht auf ein kirchenfreies Christentum abzielen.

Im Weg stehen uns Jesus selber und das Evangelium. Wir dürfen nicht so tun, als wäre das Evangelium nur ein Programm dafür, daß wir gut und freundlich leben können. Es ist ein sehr, sehr provozierer\des Programm. Jeder reformwillige Christ müßte sich fragen, ob das, was das Christentum so leblos macht, nur auf das Konto der Kirchenautorität geht - oder ob nicht Jesus selber daran schuld ist mit seiner radikalen Aufforderung zur Nachfolge.

DIEFURCHE: Die Großkirchen verlieren an Attraktivität, viele Menschen basteln sich ihre Religion selber. Was bedeutet dies für die traditionellen Kirchen, und was haben sie falsch gemacht

Metz: Der Eindruck, daß man heute Religion selber basteln kann, hat mit Religion im substantiellen Sinn nichts zu tun. Religion, die Hoffnungen, die sie verkündet, ist immer aus einer Koalition der Lebenden und auch der Toten, also einer großen Geschichte entstanden. Religion ist immer, dort wo sie substantiell ist, so gewesen, daß sie auch Negativität, auch ungetrösteten Schmerz annehmen konnte. Selbstgebastelte Religion ist in meinen Augen eine Form von Selbstimmunisierung gegen das Leid, ist letztlich ein Selbstbetrug.

DIEFURCHE: Welche Rolle spielt Gott in den neuen religiösen Sammelbecken? metz: Eigentlich keine. Wir leben in einer Art religionsfreundlicher Gottlosigkeit. Ich glaube, daß dies eine Religiosität ohne Gott ist - wenn man unter dem Wort „Gott” nicht irgend etwas versteht, nicht irgendwelche Götter oder Gottesbilder, sondern den Gott der biblischen Traditionen, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den Gott Jesu.

DIeFdrchE: Hat die Kirche auf Gott vergessen? metz: Die kirchliche Verkündigung hat meines Erachtens gerade in der neueren Zeit zu wenig deutlich gemacht, wie wir mit dem Gott unseres Glaubens und unseren Traditionen wirklich dran sind. Man hat zuviel Schalmeientöne über Gott losgelassen und gemeint, wenn man von der Liebe Gottes spricht, dann würden die Menschen darauf eingehen. In Wahrheit wird dies durch die Erfahrungen der Menschen diskreditiert. Es gibt nämlich so etwas wie ein dunkles Gottesbild.

Dies malt nicht die Kirche, um die Leute zu ängstigen, sondern es malt das Leben. Der Gott, von dem wir reden, der läßt uns nicht nur jubeln, sondern auch schreien und schließlich verstummen. Für mich ist die Spurensuche Gottes in der Sprache der Gebete - die nicht identisch ist mit einer hymnischen, liturgischen Sprache - eine der wichtigsten Aufgaben.

üIEFüRCHE: Dem Christentum mangelt es - im Vergleich zu anderen Religionen - häufig an einer Bejahung seiner selbst Es gefällt sich eher im Zweifel und in der Identitätskrise als in der Verkündigung. METZ: Die Tatsache, daß man zu seiner eigenen Botschaft ein fragendes, rückfragendes, kritisches, auch zweiflerisches Verhältnis hat und haben darf, ist auch ein Zeichen der Größe. Das heutige vermeintliche Sich-Preisgeben an andere Formen von sogenannter Religiosität oder auch an andere Formen großer Religionen ist ein Zeichen der Ohnmacht. Vor allem auch deswegen, weil beispielsweise das, was bei uns als Buddhismus verkauft wird, mit dem Buddhismus praktisch nichts zu tun hat. Das ist ein ungenierter und hilfloser Übernahmeversuch. In der heutigen Identitätsunsicherheit gibt es auch die Gefahr, daß sich Menschen, um mit der Turbulenz und der Unübersichtlichkeit, in der sie leben, fertigzuwerden, postmoderne Identitätsbilder zimmern - Seelenwanderungsvorstellungen, Reinkarnationsträume et cetera. Dies sind Versuche einerseits auszuweichen, andererseits eine Identität vermeintlich zu retten. Im Grunde sind dies dann aber resignative Identitäten.

DIEFURCHE: Wie kann das Christentum seine Glaubwürdigkeit zurückgewinnen?

METZ: Man muß sich der Rede von Gott wirklich wieder stellen. Das primäre Kriterium des Christentums heißt eben nicht Humanität, sondern Gott. In der heutigen Welt weiß man, daß man Moral nicht bloß aus Moral begründen kann, daß es dazu dessen bedarf, was man einmal die Liebe genannt hat.

Die Liebe wird, will sie nicht bloß gemüthafte Freundlichkeit und ohne Ernst bleiben, ohne religiöse Traditionen und ohne Verheißungen des Glaubens nicht auskommen. Am entscheidendsten scheint mir aber, daß wir eine andere Perspektive in die heutige Weltsituation einbringen: den unbedingten Respekt vor der Autorität der Leidenden, wie Jesus sie uns nahegelegt hat. Daß das unsentimentale, gar nicht leicht zu lebende Eingedenken fremden Leids zu dem Angebot wird, in dem wir mit anderen Kulturen und Religionen diskutieren können.

D1eFurchE:£w Weg vom Ich zum Du? METZ: Das eigene Leid allein zu betrachten, würde das Christentum eher wieder zu einer privatistischen Religion machen, die sich nicht einmischen kann in den Diskurs der heutigen Welt. Mit dieser anderen Kategorie könnte sie das aber unbedingt. Denn wenn es überhaupt eine Autorität gibt, die quer durch alle Religionen anerkannt ist, dann ist es die Autorität der anderen Leidenden. Ich gebe zu, daß dies nirgendwo wirklich vollendet ist, auch bei uns nicht - aber wir haben das Kriterium dafür.

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