Die Osterbotschaft ist kein Jesus-Film

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Schon Paulus musste Jesu Auferstehung gegen Leugner verteidigen: Eine Auslegung der Osterbotschaft anhand des 1. Korintherbriefs.

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Schon Paulus musste Jesu Auferstehung gegen Leugner verteidigen: Eine Auslegung der Osterbotschaft anhand des 1. Korintherbriefs.

Viele folgern heute aus ihrer durch die Naturwissenschaften geprägten Sicht der Welt, eine Auferstehung der Toten lasse sich damit nicht vereinbaren. Ähnlich urteilten zur Zeit der Apostel gebildete Griechen (vgl. Apg 17,32). Für sie stand eine leibliche Auferstehung in Widerspruch zu ihrer Hoffnung auf eine endgültige Befreiung der unsterblichen Seele vom menschlichen Leib. Darum sah sich Paulus schon früh (um 54/55) genötigt, die Auferstehung Jesu gegenüber Leugnern in der Gemeinde von Korinth zu verteidigen. Ohne die Argumentation des Apostels im Einzelnen zu erörtern, sei hier das Augenmerk auf folgende drei Punkte gelenkt.

1. Evangelium als Rettung Paulus erinnert die Korinther zunächst an das Evangelium, das er ihnen verkündet hat (Vers 1) und fügt hinzu: "durch das ihr auch gerettet werdet" (Vers 2a). Das Evangelium dient also ihrer Rettung.

Vorausgesetzt ist hier, dass wir Menschen einer Rettung bedürfen, aus eigener Kraft also unser Leben auf die Dauer und besonders angesichts des Todes nicht sichern können. Den Vordersatz unterstreicht Paulus durch die Worte: "weshalb ich es euch verkündigt habe" (Vers 2b; so nach Urtext, Vulgata und Neovulgata).

Der Apostel hat also den Korinthern das Evangelium von Jesu Auferstehung verkündet, um ihnen eine Rettung zu ermöglichen. Um diese zu erlangen, müssen sie an dem verkündeten Evangelium festhalten, anders wären sie "umsonst gläubig geworden".

Eine Erlösungsbedürftigkeit erfuhren die Erstleser täglich durch ihre Abhängigkeit von Witterung, Anfälligkeit für Seuchen, Krankheiten und frühen Tod. All das führten sie meist auf überirdische Mächte zurück und werteten es als Folge ihrer Sünden. Sie suchten Abhilfe durch Sühnopfer, magische Riten oder in Mysterienkulten und Ähnlichem. In einem solchen Maße sind wir heute meist nicht mehr den Unbilden des Lebens ausgesetzt. Medizin und Technik ermöglichen es, uns gegen viele Bedrohungen zu schützen. Der Gedanke an eigenes Verschulden oder Sünde ist zudem vielen fremd. An einer solchen verbreiteten Ansicht haben auch Weltkriege, Auschwitz, Tschernobyl und BSE nicht viel geändert, mögen auch manche Dichter viel über die Misere des Lebens schreiben. Die jüdisch-christliche Verkündigung von einer Rettung durch Gott und Jesus Christus bleibt aber dabei fast immer unerwähnt.

Wer heute die Osterbotschaft verteidigt, muss daher zunächst unsere auf Rettung angewiesene Situation aufdecken.

Eine Hilfe dazu bietet außer der rechten Bibelinterpretation die Berücksichtigung der Weltreligionen, die alle eine Erlösungsbedürftigkeit voraussetzen. Es bleibt aber zu beachten, dass das Erkennen unserer Rettungsbedürftigkeit wie auch die Annahme des Evangeliums nur möglich ist im Heiligen Geist (l Kor 12,3), das heißt wenn Gottes Lebensodem uns befreit von einer oberflächlichen Sicht unseres Lebens infolge der "Faszination" (Verhexung, vgl. Gal 3,1) durch eine rein positivistische erklärbare Welt.

2. Die erste Botschaft Paulus leitet seine Erinnerung an das Evangelium von Jesu Auferstehung mit den Worten ein: "Ich habe euch nämlich als Erstes überliefert, was auch ich übernommen habe" (vgl. 11,23-2). Mit "als Erstes" zeigt er an, dass der im Folgenden zitierten Botschaft von Jesu Tod und Auferstehung eine erstrangige Stellung zukommt. Sie ist nicht eine Nachricht unter anderen, sondern die für Christen zentrale und fundamentale Wahrheit. Als solche ist sie wichtiger als andere heute oft betonten ethischen Weisungen.

3. Transzendierend Die vier zitierten Aussagen "starb", "begraben", "auferstanden" und "erschien" betreffen Geschehen, die eine rein naturwissenschaftliche Weltsicht übersteigen (transzendieren) und über die darum nur, was oft nicht beachtet wird, in übertragener (metaphorischer) Diktion gesprochen werden kann. Als Subjekt wird "Christus" genannt. Damit ist nicht irgendein Mensch oder Prophet, auch nicht nur der irdische Jesus von Nazaret bezeichnet, sondern derjenige, der nach der einhelligen Predigt der Apostel als "Sohn" mit dem "Gott" genannten Schöpfer des Alls und Herrn (JHWH) Israels engstens verbunden ist und von allen Christen als Retter (als ansprechbare Person) angerufen werden kann. Als solcher übersteigt er unseren irdischen Verstehenshorizont.

Mit "starb" wird mehr als eine medizinische Diagnose ausgesprochen. Dies folgt zum einen aus dem Zusatz "für unsere Sünden"; denn dieser weist auf die in der damaligen Umwelt vertraute Sicht des Todes als Folge der Verstrickung in die Macht des Bösen, wie dies die mythische Erzählung vom Sündenfall (Gen 3) veranschaulicht. Zum anderen erhellen die Worte "gemäß den Schriften", dass der als Ärgernis empfundene Tod des Christus (vgl. l Kor 1,23) einer Erklärung aus den Heiligen Schriften Israels bedurfte, die es ermöglicht, ihn gläubig als sündentilgend (vgl. Jes 53) und gottgewollt (Ausdruck der Liebe Gottes, vgl. Gen 22 im Licht von Röm 8,32) zu deuten.

Die Wendung "und dass er begraben wurde" (4a) nimmt nicht auf das erst in den jüngeren Evangelien erzählte Begräbnis des Gekreuzigten Bezug. Damit wird vielmehr gemäß damaliger Auffassungen, für die Grab und Totenreich eine Einheit bilden, in metaphorischer Diktion sein Hinabsteigen in das Reich des Todes (vgl. Röm 10,7; Hebr 13,20) ausgesprochen, das heißt seine Teilhabe am Geschick der Toten in der Unterwelt (vgl. Glaubensbekenntnis: "begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes"). Diese diente der Besiegung der Todesmacht, wie es die "Anastasis"-Ikonen der Ostkirchen (fälschlich "Höllenfahrt" genannt) zu veranschaulichen suchen.

Der Satz "und dass er auferstanden ist ..." besagt mit dem Bildwort "aufstehen" (ähnlich "aufwecken"), das dem irdischen Leben entlehnt ist, dass der gekreuzigte Christus nicht in der Unterwelt blieb, sondern daraus durch Gottes Macht befreit und heraufgeführt wurde (vgl. Röm 10,7.9; Hebr 13,20) beziehungsweise - wie es später das Johannesevangelium verdeutlicht - in eigener Kraft auferstand (Joh 2,19-21; 10,17).

Wie das geschah, wird in der Bibel nirgendwo beschrieben. Die Bibel wie auch die frühe kirchliche Kunst wahren diesbezüglich den Charakter des Mysteriums.

Die Angabe "am dritten Tage" ist nicht als exakte chronologische Zeitbestimmung zu werten, die in Widerspruch zu den anderen Angaben stünde: "nach drei Tagen" (Mk 9,31) oder "nach drei Tagen und Nächten" (Mt 12,40). Sie verweist vielmehr auf die enge Verknüpfung mit der Kreuzigung und deutet - bildhaft gesprochen - die unerwartete Wende der Auferweckung an (vgl. Gen 22,4; Ex 19,15).

Die für dasselbe Geschehen belegte alte Metapher "erhöht" verbindet dieses Geschehen engstens mit der Kreuzigung (Phil 2,9; Joh 3,14; 12,32f). Wie wenig das von Menschen zu begreifen ist und daher von Anfang an einer Verteidigung bedurfte, lehrt der Zusatz "gemäß den Schriften", die apologetische Berufung auf die Schriften Israels, die JHWH als den Herrn über den Tod bezeugen (1 Sam 2,6), der die Seinigen und erst recht seinen Messias und Sohn aus dem Tod zu retten vermag.

Die Zeile "und dass er erschien dem Kephas, dann den Zwölf" belehrt darüber, woher wir überhaupt Kenntnis von dem Ostergeschehen haben, da doch niemand dieses gesehen hat.

Hier und im Folgenden (Vers 6-8) werden namhafte Zeugen genannt, denen sich Christus nach seinem Tod zu erkennen gegeben hat. Das Verbum "erschien" besagt als solches nicht, wie sich das ereignete. Die Ostererzählungen versuchen es erzählerisch auf unterschiedliche Weise zu veranschaulichen. Aufschlussreich ist die am Ende der Aufzählung angeführte Ostererfahrung des ehemaligen Verfolgers Paulus.

Er ist der Einzige, der darüber geschrieben hat, und zwar mit unterschiedlichen, bildhaften Worten: "seinen Sohn in mir zu enthüllen" (Gal 1,16); "zuletzt ... erschien er [Christus] mir" (1 Kor 15,8); er hat ihn "gesehen" (1 Kor 9,1) und "erkannt" (Phil 3,8.10); nach 2 Kor 4,6 aufgrund einer inneren Erleuchtung.

Unmissverständlich kommt darin zum Ausdruck, dass der Auferstandene eine konkrete ansprechbare Person ist, wie dies Paulus in seinen Briefen voraussetzt.

Der Evangelist Lukas hat die Ostererfahrung des Paulus aus seiner Sicht in dreifacher Weise anschaulich erzählt: als Bekehrung (Apg 9) bzw. als Berufung zum Heidenapostel (Apg 22 und 26).

Folgen für heute Aus den kurz erklärten Worten des Apostels Paulus folgt für uns heute: * Der Apostel erinnert die Leugner der Auferstehung Jesu daran, dass er ihnen dieses Evangelium verkündet hat, damit sie gerettet werden. Bei der Osterbotschaft geht es also nicht um irgendeine interessante Information, sondern um die Ermöglichung unserer Errettung in einer dem Tod preisgegebenen Welt, in der wir selbst uns nicht erlösen können.

* Mit "als Erstes" macht Paulus uns darauf aufmerksam, dass die Osterbotschaft bei der Rangordnung der Glaubensinhalte ("Hierarchie der Wahrheiten"; II. Vatikanum) die erste Stelle einnimmt. Alle anderen Glaubenswahrheiten sind dem gegenüber zwar nicht überflüssig, aber irgendwie zweitrangig und immer im Licht dieser Wahrheit zu sehen. Dies ist vor allem im Glaubensgespräch mit denen zu beachten, denen es schwer fällt, die Fülle kirchlicher Dogmen, Katechismussätze und amtlicher Verlautbarungen anzunehmen beziehungsweise nicht selten durch Verweise auf Privatoffenbarungen irritiert werden.

* Die bildhafte, metaphorische Sprache verbietet jede fundamentalistische Bibelauslegung. Sie muss hingegen im Zusammenhang mit der alten katholischen Lehre von der Analogie aller Aussagen über Gott gesehen werden. Das IV. Laterankonzil (1215) erklärte diesbezüglich: "Zwischen Schöpfer und Geschöpf kann keine noch so große Ähnlichkeit erkannt werden, dass zwischen ihnen nicht eine je größere Unähnlichkeit festzustellen ist" (DS 806). Dies ist besonders in unserer Zeit der Naturwissenschaften zu bedenken, denn diese verleiten dazu, alles gleichsam "klar und eindeutig" (Descartes) zu bestimmen. Es wird noch verstärkt durch die Verbreitung von Photographie, Film und Fernsehen. Wie sehr diese vordergründige, positivistische Sicht das kirchliche Leben der letzten Jahrhunderte prägt, zeigt die Vorliebe für Gemälde im Stil der Nazarener und für Darstellungen biblischer Szenen etwa in Jesus-Filmen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn kritisch eingestellte Menschen einem so verkürzten Evangelium keinen Glauben schenken können.

Ich tue aber euch kund, Brüder, das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch übernommen habt und in dem ihr auch steht, durch das ihr auch gerettet werdet, weshalb ich es euch verkündigt habe, wenn ihr es festhaltet, außer ihr wäret umsonst gläubig geworden.

Ich habe euch nämlich als Erstes überliefert, was auch ich übernommen habe, dass Christus starb für unsere Sünden gemäß den Schriften, und dass er begraben wurde und dass er auferstanden ist am dritten Tage gemäß den Schriften, und dass er erschien dem Kephas, dann den Zwölf; ...

zuletzt von allen aber, wie der Fehlgeburt, erschien er auch mir.

(1 Kor 15,1-5.8)

Der Autor ist emeritierter Professor für NeuesTestament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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