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Die Provokationen des PONTIFEX

1945 1960 1980 2000 2020

Franziskus ist, was man in Lateinamerika einen "Pastoralista" nennt. Zum 80. Geburtstag des "Papstes vom anderen Ende der Welt".

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Franziskus ist, was man in Lateinamerika einen "Pastoralista" nennt. Zum 80. Geburtstag des "Papstes vom anderen Ende der Welt".

Es ist gut, den Morgen immer mit einem Kuss zu beginnen und jeden Abend einander zu segnen, auf den anderen zu warten und ihn zu empfangen": In einem päpstlichen Text würde man einen solchen Tipp wohl eher nicht vermuten. Und noch weniger suchen. Aber: Er ist im nachsynodalen Schreiben "Amoris laetitia" vom März 2016 zu finden. Kardinal Christoph Schönborn hat es am 8. April im Vatikan vorgestellt.

Papst Franziskus ist, was man in Lateinamerika einen Pastoralista nennt. Er steht in der Spur des 2. Vatikanischen Konzils, das viele immer noch nicht verdaut haben. Er will nicht lehrmäßig auf die Zeit reagieren. Er will das Konzil umsetzen -und Türen öffnen. Hinter verschlossenen oder verschlossen geglaubten Türen warten Möglichkeiten. Das löst Angst aus.

Den einen regiert dieser Papst zu wenig. Den anderen zu autoritär. Den einen lehrt er zu wenig. Für andere überhaupt nicht. Und manche versteigen sich, wie der Philosoph Robert Spaemann, zu der Behauptung, mit "Amoris laetitia", dem auf die Familiensynoden von 2014/15 folgenden Dokument, sei "das Chaos" gleichsam "mit einem Federstrich zum Prinzip erhoben" worden.

Papst Franziskus macht, was er will -sagen die einen. Andere befürchten einen Imageschaden für das Papstamt, wenn zu sehr auf Kollegialität und Dezentralisierung gesetzt wird. Den einen wieder predigt er zu wenig theologisch. Anderen zu konkret. Sie beschweren sich über derbe Ausdrücke ("Karnickel-Gate","Klaps-Debatte"). Und er lächelt - und geht seinen Weg weiter. Wer Papst Franziskus als "Pfarrer für die Welt" oder als "Seelsorger" apostrophiert, denunziert ihn, unbewusst manchmal, und sagt (oder meint) damit indirekt: Er ist ein theologisches Leichtgewicht. Wirklich?

Jorge Mario Bergoglio SJ ist mit leichtem Gepäck zum Konklave angereist. In der Karwoche wollte er in Buenos Aires zurück sein. Doch seit dem 13. März 2013 ist er Papst. Schlagartig hat er die Herzen der Menschen erobert. "Er fremdelt mit dem Amt", hieß es anfangs. Das strenge Protokoll und das Hofzeremoniell engen ihn ein. Er ignoriert es oft. Die Menschen mögen das. Aber das macht ihn unberechenbar.

Ein Papst als Querdenker

"To think outside the box" - das ist manchmal die einzige Möglichkeit, nicht nur Bekanntes und Bewährtes zu wiederholen, aber mutig Neues zu wagen -und zu riskieren. Ein Papst als Querdenker! Das stresst natürlich. Mit seinem programmatischen Apostolischen Schreiben "Evangelii gaudium" vom November 2013 büßte Papst Franziskus erstmals Sympathien ein. Der Text wurde von manchen auf den Satz: "Diese Wirtschaft tötet", reduziert. Ein ahnungsloser Papst -so der Tenor der Kritik. Schlecht beraten, meinten wohlwollendere Stimmen, die dann auch die Öko-Enzyklika "Laudato si"(Mai 2015) als Kompetenzüberschreitung bezeichneten.

Bei der Verleihung des Medienpreises "Bambi" nannte neulich Horst Köhler Papst Franziskus eine "Provokation". Der deutsche Bundespräsident a. D. meinte das anders als diejenigen, die sich von dem "Papst vom anderen Ende der Welt" genervt fühlen, immer mehr und immer häufiger -weil er ständig mit neuen Ideen daherkommt, den kurialen Apparat provoziert oder ausbremst. Köhler ist protestantischer Christ. Er brachte es auf den Punkt: "Papst Franziskus hält uns den Spiegel vor, was Christsein bedeuten kann Er zeigt uns seine Menschenliebe mit einer solchen Leichtigkeit und Fröhlichkeit und so völlig ohne Angst, dass es fast schon eine Provokation ist." Und weiter: "Papst Franziskus stellt der schleichenden Verrohung der politischen Kultur die Verletzlichkeit eines offenen Herzens entgegen. Er kontert das Verächtlichmachen des Guten mit der schamlosen Sehnsucht nach einer menschenwürdigen Welt. Aber der Papst ist nicht naiv. Zornig legt er den Finger in die Wunde globaler Ungerechtigkeit."

Er hat schon etwas von einem Agent provocateur an sich: Papst Franziskus probiert aus. Und wenn es misslingt: die nächste Idee Manches kommt spontan. Aber von Herzen: Wie das Jahr der Barmherzigkeit, das mit dem Schließen der Heiligen Pforten nicht einfach zu Ende ist. In "Misericordia et misera"(20. November 2016) machte Franziskus unmissverständlich klar: "Jetzt, da dieses Jubiläum abgeschlossen ist, wird es Zeit, nach vorne zu schauen und zu begreifen, wie auch weiterhin in Treue, Freude und Begeisterung der Reichtum der göttlichen Barmherzigkeit zu erfahren ist. Unsere Gemeinschaften werden im Werk der Neuevangelisierung in dem Maß lebendig und dynamisch bleiben können, wie die ,pastorale Umkehr', die zu leben wir aufgerufen sind, täglich von der erneuernden Kraft der Barmherzigkeit geprägt sein wird."

Barmherzigkeit als Programm der Kirche, nicht nur seines Pontifikats! Schon in seiner Verkündigungsbulle "Misericordiae vultus" (April 2015) hatte der Papst betont: "Der Tragebalken, der das Leben der Kirche stützt, ist die Barmherzigkeit."

Am 17. Dezember wird er nun 80 Jahre alt. Man sieht ihm die Strapazen des Amtes nicht an. Oder nur, wenn man genau hinschaut. Aber 80 ist natürlich etwas anderes als 70. Auch für einen "Turbo-Papst"(Gudrun Sailer). Gibt es ein "System Bergoglio"? Vielleicht ist er nur er selber (geblieben). Der Jesuit Bernd Hagenkord, Redaktionsleiter der deutschsprachigen Sektion von Radio Vatikan, meint: "Er will Unruhe stiften, innere wie äußere. Er will, dass sich etwas bewegt, innerlich und geistlich, aber auch mit Blick etwa auf Flüchtlinge oder Krieg. Und Papst Franziskus nutzt seine Sprache und sein Sprechen, solche Unruhe auszulösen. Das ist nicht immer leicht zu verstehen."

Papst Franziskus nimmt Kommentare, Sticheleien und Angriffe zur Kenntnis. In einem Interview mit der Zeitung Avvenire hat er zu Vorwürfen, er verunsichere die Kirche, darauf hingewiesen, es müsse "im Fluss des Lebens unterschieden" werden, "Amoris laetitia" werde nach wie vor nicht verstanden, es gebe keine weiteren Interpretationen, man könne nicht nur nach dem Schema "Schwarz und Weiß" denken und handeln. Er sieht darin auch die Unfähigkeit, das II. Vatikanum wirklich und wirksam zu rezipieren.

Druck gemacht hatten vier Kardinäle. Sie veröffentlichten ihren Brief, als der Papst nicht reagierte, um den Druck auf ihn zu erhöhen. Wäre das unter Benedikt XVI. möglich gewesen? Ein päpstliches Machtwort erzwingen wollen? Ein griechischer Bischof bezeichnete sie als Häretiker. Polarisiert Franziskus? Spaltet er? Das sind absurde Unterstellungen. Geschürt meistens von Frustrierten, die päpstlicher als der Papst sein wollen, oder vom "Feuilletonkatholizismus", der meint, päpstliche Entscheidungen mit Kommentaren beeinflussen zu können -wie jüngst Christian Geyer und der Freiburger Dogmatiker Helmut Hoping in der Frankfurter Allgemeinen. Wer Kardinal Walter Kasper schlampigen Umgang mit Thomas-von-Aquin--Zitaten unterstellt, meint auch Papst Franziskus - und Kardinal Schönborn, den Dominikanerprofessor!

Päpstliche Grundgeste: Sich-Herabbeugen

Papst Franziskus sucht Verbündete. Und er braucht sie. Als Papst will er Diener sein. Die Grundgeste seines Pontifikats ist das Sich-Herabbeugen, wie er es bei der Fußwaschung am Gründonnerstag 2013, wenige Tage nach seiner Wahl, an zwölf Strafgefangenen im römischen Jugendgefängnis Casal del Marmo vollzogen hat - das Foto hat Symbolcharakter bekommen.

2014 hat die Präsidentin der Katholischen Aktion und damalige FURCHE-Geschäftsführerin Gerda Schaffelhofer "Gebete für Papst Franziskus" gesammelt: "Durch Jahrhunderte hindurch waren wir gewohnt, Befehlsempfänger aus Rom zu sein Jetzt plötzlich sind wir aufgerufen uns einzubringen, Probleme zu benennen und an Lösungen mitzuarbeiten", schreibt sie im Vorwort -und ortet "eine Phalanx von Gegenspielern". Was tun? Wie helfen? Ihre Antwort: Für den Papst beten! Darum bittet auch Papst Franziskus selbst immer wieder.

Als Jesuit darf man das sagen: Der beste Jesuit ist derzeit sicher der Papst. Er ist ein perfekter Werbeträger ignatianischer Spiritualität. Die Kunst der Unterscheidung der Geister ist wichtig für die Kirche, Papst Franziskus erwähnt das, wo er nur kann.

Papa Francisco:¡Feliz cumpleaños!

| Der Autor ist Jesuit und Chefredakteur der "Stimmen der Zeit", München |

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