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Die Reformaufgaben des neuen Papstes

1945 1960 1980 2000 2020

Gegenüber vielen Erwartungen an den neuen Papst ist Skepsis angesagt. Aber auch Franziskus I. steht vor der Herkulesaufgabe einer Kurienreform.

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Gegenüber vielen Erwartungen an den neuen Papst ist Skepsis angesagt. Aber auch Franziskus I. steht vor der Herkulesaufgabe einer Kurienreform.

Für Pausenfüller in skandalarmen Zeiten scheint man gerüstet. Kurz vor dem Konklave wurde ja die "Weissagung des Malachias" ausgegraben. Die Liste der 112 Päpste, die dort beschrieben sind, endet mit dem nun beginnenden Pontifikat. Der letzte "Petrus Romanus", wie er in der Prophezeiung heißt, werde von den Muslimen aus der Stadt vertrieben, Rom werde zerstört, der Weltuntergang wird Wirklichkeit werden. Da unsere Alltagskultur zwischen einem grenzenlosen Fortschrittsoptimismus und dem apokalyptischen Szenario hin und her pendelt, dürfte auch dieser apokalyptisch gefärbte Pontifex aus den Schlagzeilen nicht gänzlich verschwinden. Er wird auch für kritische Berichterstattung im Kontext unserer Wohlfühlmentalität sorgen. So unterschiedlich die Erwartungen an den neuen Papst gewesen sein mögen, ein Grundtenor hält sich durch.

Dieser Papst solle die Kirche so reformieren, "dass ich mich in ihr wohl fühle". Das auch "wissenschaftlich" dokumentierte "Sichnicht-Beheimatetfühlen" wird als entscheidender Grund für die Entfremdung der Massen von der Kirche ausgegeben. Oft gerechtfertigt mit dem Eingangssatz der Pastoralkonstitution Gaudium et spes: "Freude und Hoffnung der Menschen von heute ist Freude und Hoffnung der Jünger Jesu Christi."

Was vom Konzil als Grundimpuls der Empathie gedacht wurde, degenerierte in den letzten Jahren zur simpler Projektionswand auch für viele kirchlich engagierte Kreise. Was aber dem einen Freud ist, das kann dem anderen Leid sein. Ganz gleich also, welche Entscheidungen der neue Papst im Kontext der so genannten "heißen Eisen" treffen wird, ob er die Frauen, oder nur die verheirateten Männer zur Weihe zulässt, oder nicht, für eine Anti-Papst-Front sorgt schon unsere pragmatisch-individualistische Kultur selber.

Sich hinter "Rom" versteckt

Der sarkastische Unterton soll nicht das Missverständnis provozieren, dass die Fragen einer Kirchenreform dem Dogmatiker kein Anliegen wären. Ganz im Gegenteil. Die Erfahrungen des Positionskrieges zwischen der "Basis" und der "Hierarchie" haben ihn aber skeptisch gestimmt. Das regelmäßige "Abfeuern der Kanonen" auf Gegner hat nur das "Hinterland" zerstört. Die Unterwanderung der Fronten ist von Nöten. Diese gelingt aber nicht durch direkte Konfrontation. Wie dann?

Über kein anderes Thema hat es in den Tagen der Sedisvakanz ein derartiges Einverständnis gegeben, als über das Thema der Kurienreform. Bereits Kardinal König klagte, dass sich die vatikanische Kurie im Verlauf der nachkonziliaren Epoche zu einer dritten Instanz zwischen dem Papst und dem Bischofskollegium entwickelt hat. Weil sich kuriale Autoritäten jene Kompetenz angeeignet haben, die den Bischöfen zukommt, steigerte sich der Zentralismus auf atemraubende Weise. Freilich sind an der Entwicklung auch die Bischöfe der Welt selber nicht unschuldig. Viele haben allzu willig ihre Kompetenzgerade dort, wo es unbequem hätte sein können - an "Rom" delegiert.

So avancierte der Vatikan zu einer Art Blackbox, in der man problemlos all die Probleme verstecken konnte, vor denen die lokale Kirchen und auch ihre populärsten Bischöfe ratlos standen.

Kurienreform hat also nur dann einen Sinn, wenn der Episkopat der Welt auch wirklich bereit ist, die Verantwortung für die Lokalkirchen zu übernehmen. Deswegen müssen auch die Strukturen der Lokalkirchen gestärkt werden. Wie aber müsste die Kurie selbst - realistisch - reformiert werden?

Von zentraler Bedeutung ist die Architektur der Kurie. Die neun Kongregationen, von Kardinälen geleitet, bilden das institutionelle Grundgerüst. Entscheidende theologische Weichenstellungen des II. Vatikanums im Kontext des ökumenischen und interreligiösen Dialogs und des Verhältnisses von Kirche und Welt fanden ihren institutionellen Niederschlag in der Einrichtung neuer Päpstlicher Räte.

Als Gürtel flankierender Maßnahmen stehen sie eigentlich für die "zweite Liga" der vatikanischen Institutionen. Diese Architektur spiegelt die Wahrnehmung der Hierarchie der Beschlüsse des Konzils wider. Die Hochschätzung der dogmatischen Konstitution Lumen gentium geht ja vielerorts Hand in Hand mit der Degradierung der Pastoralkonstitution Gaudium et spes und des Dekretes über die Religionsfreiheit Dignitatis humanae .

Welche Kurienreform?

Eine Kurienreform vor diesem Hintergrund tut heute not. Und dies auch im Hinblick auf die Fragen nach hierarchischer Spitze unter den Behörden selbst. Die Übergänge von der "Heiligen Inquisition" zum "Heiligen Offizium" und dann zur "Glaubenskongregation" markierten revolutionäre Wenden im Selbstverständnis der Kirche. Die seit dem Konzil stattgefundene Veränderung des kirchlichen Lebens, vor allem aber der kulturelle Umbruch in der Gesellschaft hat aber inzwischen die "Glaubenskongregation" in ihrem Selbstverständnis und auch in ihrer Funktion der "Glaubenshüterin" zu einem problematischen Organ gemacht.

Nun betrafen die entscheidenden theologischen Weichenstellungen der Pontifikate Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. die Einschätzung der Tragweite der Reformen des Konzils. Sah der erste im Konzil einen tieferen Einschnitt in die Tradition der Kirche, positionierte deswegen die Katholische Soziallehre konsequent im heilsgeschichtlichen Rahmen, verweigerte auch der Pius-Bruderschaft jegliche Zugeständnisse, so ruderte der zweite exakt in diesen Zusammenhängen stückweise zurück.

Der neue Papst könnte einen klaren Akzent für die Frage der Rezeption und der Interpretation des Konzils setzen, wenn er die Glaubenskongregation mit dem Päpstlichen Rat "Iustitia et pax" unter einem Dach zusammenführt.

Ein derartiger Akt würde die Einheit beider "ekklesialen Eckstein-Konstitutionen" (Lumen gentium und Gaudium et spes) unterstreichen und Ausbildung neuer Kultur lehramtlicher Verkündigung weiter fördern. Bei aller Anerkennung der Bemühungen Benedikts XVI. um die Rehabilitierung dogmatischer Wahrheiten, muss man doch sagen, dass die Formulierung dogmatischer Inhalte unabhängig von pastoralen Tatsachen bloß religiöse Ladenhüter produziert, oder aber zu unnötigen Missverständnissen führt. Gerade die Sozialenzykliken und die Dokumente von "Iustitia et pax", deren Schwerpunkt im Kontext der Probleme der Welt von heute (wie Armut und Gewalt) lag, haben anderseits glaubwürdig das vollbracht, was Benedikt theoretisch wollte, nämlich die Wahrheit des Evangeliums für unsere Zeit neu durchbuchstabiert.

Eine Zusammenführung beider Organe und die Positionierung der neuen Kongregation an der Spitze vatikanischer Ämter würde das institutionelle Gesicht der Kirche nachhaltig verändern. Dieser Schritt könnte fortgesetzt werden in der Umwertung des Wertes etwa des Rates zur Förderung der Einheit der Christen, oder jenes für den interreligiösen Dialog. Sie alle gehören in die "erste Liga".

Aus der zweiten in die erste Liga

Die Reform der Architektur der Kurie wäre aber auch durch Maßnahmen einer Dezentralisierung der Kurie zu unterstützen. Dies kann nicht nur durch den Akt einer simplen Verlagerung der Zuständigkeiten erfolgen. Ein Blick auf analoge globale Institutionen könnte zeigen, dass internationale Organisationen zwar eine klare Zentrale haben, viele ihrer Behörden jedoch weltweit verstreut sind.

Die Dezentralisierung vatikanischer Ämter auf unterschiedliche Kontinente würde zum einen den für das Gedeihen "kurialer Seitenblickementalität" wichtigen Nährboden abschaffen. Es ist ja zuerst dieser Ort selber, der die dort versammelten Priester und Prälaten, Bischöfe und Möchtegern-Bischöfe, Kardinäle und Möchtegern-Kardinäle in ihrer geschlossenen klerikalen Burgmentalität prägt. Zum anderen aber würde die Dezentralisierung der Kurie deren Inkulturierung in die Tradition der jeweiligen Kontinente begünstigen.

Der letzte Schritt Benedikts XVI. hat das Amt vermenschlicht. Der neue Papst Franziskus soll nicht ein Supermann werden. Wohl aber ein globaler Sympathieträger und überzeugender Glaubenszeuge. Sein erstes Auftreten weckt diesbezügliche Hoffnungen. Das Schicksal eines "ekklesialen Sündenbocks" wird ihm aber auch nicht erspart bleiben.

Der Autor ist Prof. für Dogmatik an der Universität Innsbruck

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