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"Die Rettung für uns ist der Friede"

Die Furche: Nach der Regensburger Rede des Papstes gab es gerade in den Palästinensergebieten Gewalt gegen Christen. Wie haben Sie das erlebt?

Patriarch Michel Sabbah: Die Reaktion in den Palästinensergebieten gehörte zu den mildesten in der arabischen Welt. Die Politiker haben geschwiegen. Als ich Abu Mazen, den Palästinenserpräsidenten, angerufen habe, hatte er bereits Anweisung gegeben, die Lage so weit wie möglich zu beruhigen.

Die Furche: Es wurden aber doch Kirchen beschädigt ...

Sabbah: ... ja. Es gab Zwischenfälle: bei uns als einzigem Land neben Somalia. Warum Palästina und Somalia? Weil es in beiden Ländern keine Regierung gibt. Keine Probleme in Syrien, Ägypten usw. In all diesen Ländern gab es Demonstrationen, aber keine Aggressionen gegen Christen. In Somalia wurde eine Nonne ermordet. Und in Palästina? In Nablus warf eine Gruppe junger Leute brennende Sachen gegen die vier Kirchen in der Stadt. Sie haben aber nicht viel zerstört. In Nablus leben 200.000 Menschen, darunter nur 1000 Christen. Wir hatten dort nie Probleme, weil die Christen eine sehr kleine Gruppe sind. Probleme gibt es dagegen im Libanon, wo eine große christliche einer großen muslimischen Bevölkerung gegenübersteht. In Nablus gab es immer gute Beziehungen zu den Muslimen ...

Die Furche: ... und das bleibt so?

Sabbah: Vorletzten Sonntag sind dort vier Bischöfe - der griechisch-katholische, der anglikanische, der lutherische, ich und alle wichtigen politischen und auch muslimischen Persönlichkeiten von Nablus zusammengekommen, um klarzustellen: Wir wollen zusammenleben, und die Christen müssen sich nicht fürchten.

Die Furche: Die Zahl der Christen in Palästina nimmt aber ab. Flüchten die nicht doch vor solchen Spannungen?

Sabbah: Die Zahl aller Menschen in Palästina nimmt ab. Israelis gehen weg, weil sie nicht immer im Krieg leben wollen: Hunderttausende Juden haben Israel verlassen, Hunderttausende muslimische Palästinenser sind gleichfalls gegangen. Und eben auch Christen. Wenn man in Krieg und Instabilität lebt, dann wandern einige in friedliche Gegenden aus. Der Unterschied: Wir Christen sind schon wenige - etwa 50.000 römische Katholiken in den Palästinensergebieten; wenn da einer weggeht, sind wir 50.000 weniger eins. Wenn bei den Muslimen einer fort ist, bleiben noch Millionen zurück, das Gleiche gilt für die Juden ...

Die Furche: ... also: kein großes Problem für Juden wie Muslime, für die Christen Palästinas hingegen schon.

Sabbah: All das geschieht ja aufgrund von Spannungen zwischen Christen und Muslimen, sondern wegen der politischen Instabilität, der Besatzung: Die macht uns das Leben schwer oder gar unmöglich. Es gibt keine Arbeit, wir sind eingesperrt durch die Mauer. Die Rettung für uns Christen ist der Friede. Wenn es den nicht gibt, wird die Emigration weiter zunehmen.

Die Furche: Nach dem jüngsten Libanonkrieg: Sehen Sie eine Lösung für den Nahostkonflikt? Da gab es doch die so genannte Road Map oder die Genfer Initiative, bei der ehemalige israelische und palästinensische Politiker ein Lösungsmodell versuchten.

Sabbah: Die Road Map ist verschwunden. Es gibt keine Road, keine Map mehr. Die Genfer Initiative war ein Versuch, er war nicht perfekt, aber er zeigte: Wo ein Wille ist, wird auch ein Weg gefunden. Nicht perfekt, sie sind da nicht in Details gegangen und die Initiative wurde von den amtierenden Politikern beider Seiten nicht wirklich akzeptiert. Aber sie zeigte: Wenn es Menschen gibt, die eine Lösung wollen, werden sie die auch finden. Wenn Israel wirklich wollte, gäbe es einen Weg.

Die Furche: Nicht-Wille liegt aber nicht nur bei Israel: Der Erfolg von Hamas ist doch ein Zeichen dafür, dass auch auf palästinensischer Seite immer weniger Wille zu einer Lösung da ist.

Sabbah: Der Erfolg der Hamas ist ein Ergebnis des Nicht-Willens von Israel. Denn vor der Hamas gab es nur die Palästinenserbehörde. Warum hat Israel nicht mit ihr gesprochen, als die Hamas noch eine kleine Minderheit war. Aber jetzt ist sie da - und dient als Vorwand: Selbst wenn es die Hamas nicht gäbe, würde Israel nicht mit der Palästinenserbehörde sprechen.

Die Furche: Wer kann dann aber den Schritt zum Frieden tun?

Sabbah: Die Palästinenser sind schwach, sie haben nichts in der Hand. Sie können nur reagieren. Sie können sagen: Wir wollen Friedensgespräche, wir wollen keine Gewalt. Aber sie haben nichts in der Hand. Aber wenn Ministerpräsident Olmert sagt: Ich will Frieden, ich will Friedensgespräche, hat er alles in der Hand, er kann das alles machen.

Die Furche: Wie bewerten Sie die Rolle der USA?

Sabbah: Die US-Politik bringt Amerika mehr und mehr Feindschaft in der arabischen und muslimischen Welt ein. Sie haben die Freundschaft der meisten Regimes erreicht, aber nicht die der Bevölkerung. Im Gegenteil. Die USA können aber keine wirkliche Weltmacht sein, wenn sie so viele Feinde haben. Der Weg, freundliche Beziehungen zu haben, ist die Lösung der israelisch-palästinensischen Frage. Die USA haben sich aber zu 110 Prozent auf die Seite Israels geschlagen - zu viel!

Die Furche: Was kann Österreich oder Europa zum Frieden beitragen ?

Sabbah: Wir brauchen Menschen und Regierungen, die beide Seiten überzeugen, sich zu versöhnen. Denn wenn man nur propalästinensisch ist, wird man zwar von den Palästinensern akzeptiert, nicht aber von Israel. Das ist nutzlos. Wir brauchen Leute, denen die Israelis und die Palästinenser zuhören, sodass beide Seiten den Rat für einen Frieden annehmen.

Die Furche: Wie könnte ein solcher Rat aussehen?

Sabbah: Der Rat an die Palästinenser lautet: Ihr sollt auf eure Rechte pochen, ihr müsst einen Staat haben etc., aber ihr müsst Wege finden, dies auf gewaltlose Art zu erreichen. Und den Israelis muss man sagen: Ihr dürft nicht so viel auf militärische Macht vertrauen, denn die wird nicht siegen. Sie kann Zerstörungen anrichten, Tausende töten, aber sie kann nicht Frieden stiften. Seit 50 Jahren ist Israel die größte Militärmacht der Region. Doch bis heute gibt es keinen Frieden. Sie haben Angst - bis heute. Man muss den Israelis sagen: Wenn ihr Sicherheit wollt, dann ist nicht Krieg der Weg. Notwendig sind also Freunde beider Seiten, die von beiden Seiten gehört werden.

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

Erster Palästinenser auf dem Patriarchen-Stuhl

Römische Katholiken sind im Heiligen Land auch unter den Christen eine Minderheit. Das "Lateinische Patriarchat von Jerusalem" führt sich auf die Kreuzfahrer zurück, nach der (Rück-)Eroberung durch Saladin gab es keinen Statthalter des Papstes in Jerusalem mehr. Erst Pius IX. richtete wieder das Patriarchat in Jerusalem ein. Die römisch-katholische Diözese umfasst heute das Gebiet von Palästina, Israel, Jordanien und Zypern. Michel Sabbah ist der erste Palästinenser auf dem Patriarchen-Sitz. Er wurde 1933 in Nazareth geboren und studierte in Bethlehem. Nach der Priesterweihe 1955 Pastoraltätgikeit in Jordanien, Jerusalem und Djibuti. Sabbah studierte dann in Beirut und promovierte 1971 in Arabistik. Ende 1987 wurde er von Papst Johannes Paul II. zum Lateinischen Patriarchen von Jerusalem ernannt. Seit damals profilierte sich Michel Sabbah als prominenter Kirchenführer und Stimme der Gewaltlosigkeit für die Palästinenser in Israel, Jerusalem und den besetzten Gebieten. Sabbah engagiert sich auch im ökumenischen Dialog im Nahen Osten, er ist Mitglied des Rates der Bischöfe des Heiligen Landes und gehört dem "Middle East Council of Churches" an. Sein Eintreten für Frieden und Versöhnung wird auch durch die katholische Friedensbewegung "Pax Christi" besonders geprägt: Seit 1999 ist Michel Sabbah Präsident von "Pax Christi International" ( www.paxchristi.net).

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