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Die Wege des Heils nachgehen

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Positive Zeichen gab es im Vorfeld des Papstbesuches in Ägypten. Die Zukunft wird zeigen, ob dies ein Strohfeuer war.

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Positive Zeichen gab es im Vorfeld des Papstbesuches in Ägypten. Die Zukunft wird zeigen, ob dies ein Strohfeuer war.

Für manche Kopten, die Christen in Ägypten, mag es eine fast unglaubliche Überraschung gewesen sein, als sie Mitte Februar zum ersten Mal einen christlichen Gottesdienst im staatlich kontrollierten Fernsehen miterleben durften. Für das praktische Leben noch wesentlicher dürfte eine Entscheidung des ägyptischen Unterrichtsministers Kamel Bahaeldin gewesen sein, jenen Berater zu entlassen, der vor kurzem einen Erlaß verteilen hatte lassen, wonach Christen nicht Arabisch unterrichten dürfen. Der Berater ist zweifellos ein Sündenbock - seit den sechziger Jahren gibt es bereits Tendenzen, Christen das Unterrichten des Arabischen zu verbieten: Arabisch zu lehren sei eng mit dem Lehren von Versen des Koran verbunden und es sei undenkbar, daß ein Nichtgläubiger einem gläubigen Kind den Koran lehre. Dabei wurde vergessen, daß sich vor allem christliche Syrer und Libanesen um die Erneuerung des Arabischen bemüht hatten.

Für den Augenblick scheint es, daß sich die Situation für die Christen, Ägyptens wieder bessert (etwa 10 Prozent der 65 Millionen Ägypter sind koptische Christen, Katholiken gibt es nur etwa 200.000 im Land). In den letzten Jahren fanden sie sich zunehmend aus dem gesellschaftlichen Leben gedrängt, bei den letzten Parlamentswahlen fand sich erstmals kein christlicher Kandidat auf der Liste der Nationaldemokratischen Partei Hosni Mubaraks, in den letzten Jahren waren Kopten häufig das Opfer fundamentalistischer Terroristen, bisweilen auch Opfer lokaler Behörden. Zuletzt waren am 2. Jänner im oberägyptischen Dorf al-Kosheh 21 Personen, davon 19 koptische Christen getötet worden.

Es wäre verfehlt, nur die Papstreise für die positive Entwicklung verantwortlich zu machen, zweifellos spielte auch die bevorstehende Visite Hosni Mubaraks in Washington und der Einfluß der koptischen Emigrantenlobby auf die amerikanische Regierung eine gewisse Rolle - der enge zeitliche Kontext zum Besuch des römischen Papstes, der vom 24. bis 26. Februar stattfand, ist dennoch unübersehbar.

Die Wege des Heils nachgehen: dies ist schon seit Jahren ein großer Wunsch Johannes Pauls II., im Heiligen Jahr 2000 wurde er Wirklichkeit. Dieser, von römischer Seite als prophetisch verstandene, Pilgerweg an die Quellen der Heilsgeschichte hätte logisch in Ur im heutigen Irak, der Heimatstadt Abrahams, des Vaters aller Gläubigen, beginnen müssen. Das scheiterte aus politischen Gründen.

Auch der Plan der Ägyptenreise sollte sich vor allem nach dem biblischen Geschehen und nach der Tradition orientieren, zugleich sollten aber auch wichtige politische Orte besucht werden. Dieser Intention der Pilgerschaft folgte der Besuch am Berg Sinai, dem Ort, an dem nach der Tradition Mose den Ruf aus dem Dornbusch vernahm und später das "Ich bin der Herr Dein Gott, der dich aus Ägypten herausgeführt hat, dem Sklavenhaus ... Du wirst keinen Gott neben mir haben ..." - also die zehn Gebote. Schwieriger war die Motivation eines Pilgerwegs im Falle von Kairo. Die Begründung war schließlich: Kairo ist der Ort an dem die Heilige Familie auf der Flucht vor Herodes unter einem Baum rastete. Die Stelle kann bis heute besucht werden, der Baum dagegen, der nach der Legende der müden Gottesmutter Schatten und Nahrung bot, befindet sich hingegen bereits im Paradies.

Der Ägyptenreise des Papstes soll in weniger als einem Monat eine Pilgerfahrt ins Heilige Land, nach Jordanien, Israel und Palästina folgen.

Dialog mit dem Islam Ökumenische und interreligiöse Begegnungen wünscht sich Johannes Paul II. auch bei diesen Reisen: So traf er den Groß-Scheich der Universität Al Azhar, Mohamad Sayed Tantawi, früher Großmufti Ägyptens der immer wieder für einen "modernen" Islam Stellung bezogen hat. Seit 1998 gibt es einen offiziellen Dialog zwischen der Al Azhar und dem Vatikan, Kardinal König hat schon 1965 mit einem Vortrag an der Al Azhar den Weg für diese Entwicklung bereitet, ein Vorgang der damals weltweit und insbesondere in der islamischen Welt große Beachtung fand. Der Groß-Scheich dieser Hochschule gilt als die höchste Lehrautorität im sunnitischen Islam.

Johannes Paul II. mahnte in seinen Reden für die Christen gleiche Rechte wie für die muslimische Mehrheit ein, auch Groß-Scheich Tantawi sprach davon, daß "alle Bürger Ägyptens die gleichen Rechte und Pflichten" hätten.

Spekulationen, wonach zwischen dem Besuch in Kairo und dem Dokument "Bitte um Vergebung", das am 12. März erscheinen und unter anderem eine Entschuldigung für die Kreuzzüge enthalten soll, ein Zusammenhang besteht, finden in einem der großen Anliegen dieses Pontifikats eine Grundlage: Vergangene Schuld der Kirche einzugestehen. Demnach könnte das Treffen mit den muslimischen Geistlichen als Symbol für eine Heilung dieser Wunden gedacht sein. Bei einer solchen Entschuldigung für die Kreuzzüge wird aber wohl vor allem christlich-westlichen Bedürfnissen Rechnung getragen. Immer wieder konnte der Verfasser zu seiner Überraschung Verständnis für die Bemühungen um eine gewaltsame Wiedererringung heiliger Stätten bei Vertretern einer Religion bemerken, in der viele Richtungen den Heiligen Krieg als legitimes Mittel der Glaubensverbreitung sehen.

Dem Treffen mit Vertretern des Islam folgt am 23. März in Jerusalem die Begegnung des Papstes mit den Repräsentanten des Judentums, der dritten großen abrahamitischen Religion: Johannes Paul II. wird dort mit den beiden Oberrabbinern von Israel zusammentreffen.

Ökumene zweier Päpste Auch das Treffen der beiden Päpste, Johannes Pauls II. von Rom und des koptischen Papstes Schenuda III. von Alexandrien, war zweifellos ein wichtiges Ereignis, noch dazu, war es die erste derartige Begegnung auf ägyptischem Boden. Der offizielle Dialog mit der koptischen Kirche dürfte dadurch vor allem eine emotionale, weniger eine inhaltliche Aufwertung erhalten haben. Dieser Dialog war 1992 praktisch nach schwierigen Unterredungen nicht mehr fortgeführt worden. Bis vor kurzem fand sich dazu als Stehsatz in vielen europäischen Schriften "Der Dialog mit der Wiener Stiftung ,Pro Oriente' wird dagegen unverändert fortgesetzt".

Damit ist es nach der unglücklichen Regelung des neuen österreichische Religionsgesetzes, das Kopten und Zeugen Jehovas auf eine Stufe stellte, ebenfalls vorbei. Bisweilen wird die überregionale Bedeutung von an sich zweitrangigen Gesetzen unterschätzt.

Für die koptische Seite war es unverständlich, warum sich die katholische Schwesterkirche nicht für sie einsetzte - tatsächlich wäre dies vielleicht einer jener seltenen Fälle gewesen, in der die Kirche mit einer geglückten Formulierung (etwa: einer verbesserten Stellung für Religionsgemeinschaften die seit mindestens 1.000 Jahren in einzelnen Teilen der Erde eine wesentliche Größe haben) zur rechten Zeit auf die staatliche Gesetzgebung hätte Einfluß nehmen können.

Vielleicht bestehen nach dem Treffen der beiden Päpste Chancen für einen wirklichen Neubeginn. Das Gespräch der beiden in Kairo, so die Berichte darüber, sei jedenfalls "sehr herzlich" verlaufen.

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