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Die Weisheit der Neugierde

Kardinal König hat - neben vielen anderen Dialogen - auch das Gespräch zwischen Kirche und Wissenschaft gefördert und neu geöffnet.

Ja, diese Weisheit der Neugierde hat sich Kardinal Franz König bis in sein hohes Alter bewahrt, und er hätte sie wohl auch heute, wäre er noch unter uns. Jetzt, in den Armen und im Angesicht seines Schöpfers, braucht er sie nicht mehr, aber wir dürfen uns daran erinnern, dass er in diesen Tagen seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte.

Ich erinnere mich an ein Gespräch, eines von vielen, das ich irgendwann in den achtziger Jahren mit ihm führen durfte, und an dessen Ende er mir von einem Symposion erzählte, zum Thema "Glaube und Wissen", das er an der Katholischen Akademie Bayern initiiert habe, weil an der Wiener Akademie weder Platz noch Zeit noch Geld dafür gewesen sei. Er meinte, dass das interessant sein könnte, und ob ich nicht Lust hätte, dieses Symposion zu besuchen. Nun, ich hatte, erledigte die Formalitäten, für die er mich mit allen Informationen ausgestattet hatte, und machte mich zum angegeben Zeitpunkt auf den Weg nach München.

Die Köpfe heiß geredet

Und es war wirklich hoch interessant, keine Frage. Da waren Astronomen, Astrophysiker, Physiker, Chemiker, Biologen - darunter auch einige Nobelpreisträger - ebenso aufgeboten wie Philosophen und Theologen, die zum Teil heftig aneinander gerieten und sich die Köpfe heiß redeten. Witzig auch, dass dann einer der Naturwissenschaftler aufstand und die Theologen beruhigte, dass die Bibel mit ihrer Schöpfungsgeschichte gar nicht sosehr daneben liege, wenn man sie nur richtig zu lesen und zu deuten verstünde.

Und bei all dem - und das ging ja über einige Tage - saß der Kardinal immer irgendwo mitten unter den Teilnehmern, hörte aufmerksam zu und machte sich seine Notizen. Bei seinen Wortmeldungen - und die gab es in den Diskussionsphasen auch - war er immer zurückhaltend und in jeder Phase ein Fragender.

Wie ein Fisch im Wasser

Während der eher gesellschaftlichen Phasen des Symposions bewegte er sich unter diesen Wissenschaftlern wie ein Fisch im Wasser, einfach als einer von ihnen, und wurde allgemein auch als solcher akzeptiert, unprätentiös und uneitel, wie er sich gab.

So habe ich ihn nicht nur dort und zu diesem Zeitpunkt, sondern eigentlich immer wieder erlebt, und so stimmt auch die Antwort, die ich meinem Kollegen Hubert Feichtlbauer in einem Interview gegeben habe, aus dem er in seinem Buch über Kardinal König folgenden Satz zitiert hat: "Nie hat er einfache Katechismus-Antworten aus dem Ärmel geschüttelt. Er ließ reden, hörte zu, wartete auf Antworten - wie ein unglaublich neugieriger Maturant."

Während der Rückfahrt nach Wien, zu der er mich in seinen Wagen eingeladen hatte, kamen unendlich viele Themen zur Sprache, von denen er erfüllt war, und für die er offensichtlich einen ebenso neugierigen Gesprächspartner gebraucht hat. Da war Galileo Galilei, für den er ja immerhin erreichte, dass 1979 die Päpstliche Akademie der Wissenschaft die Verurteilung des "Ketzers" bedauerte - aber am Rande auch ein Thema, das gerade in diesen Wochen eine gewisse Aktualität erlangt hat: Die Frage "Schöpfung oder Evolution?" schien für den Kardinal kein Problem darzustellen: "Beides kommt aus Gottes Hand, und wir als seine mit Seele und Vernunft ausgestatteten Geschöpfe sind verantwortlich für den Zustand der Welt, denn der Mensch ist auf Zukunft hin angelegt" - an so einen Satz zwischendurch meine ich mich zu erinnern.

In Hubert Feichtlbauers Buch lese ich eine Äußerung, die typisch ist für Kardinal König: "Die Wissenschaft soll sprechen innerhalb ihrer Grenzen, die Religion soll sprechen innerhalb ihrer Grenzen - dann müsste es keine Widersprüche zwischen den beiden geben."

Ohne Widersprüche?

Die Bedeutung des Wiener Kardinals für den Dialog zwischen Kirche und Wissenschaft hat sogar der Vatikan anerkannt, als er mit "Nova Spes" eine Plattform für den Dialog zwischen den Welten der Wissenschaft und des Glaubens ins Leben rief, welche König zum Ehrenpräsidenten berief. Da trafen einander über die Jahre die Weisen oder die Wissenden der Welt, bevor die ganze Idee irgendwann zwischen den Zeilen wieder friedlich entschlief - gerade in einer Zeit, die einen solchen Dialog, ein solches Gesprächsforum, das auch imstande sein könnte, Antworten zu liefern, bitter nötig hätte.

Da fehlt doch einer, oder?

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