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Die Wiedergewinnung des Gartens Eden

Über den Wandel der christlichen Naturvorstellung, die Versuche des Menschen, den Garten Eden mit Hilfe von Wissenschaft und Technik wiederzuerlangen und die neuen Verheißungen des Glücks in der „wilden“ Natur.

Wenn für den Menschen Entscheidendes zur Sprache gebracht wird, begegnet in der Bibel immer wieder das Bild des Gartens. So ereignet sich die österliche Erkenntnis, dass der Tod überwunden ist, in einem Garten. Dort steht nach dem Johannesevangelium das Grab Jesu, vor dem Maria von Magdala am Ostermorgen meint, einem Gärtner zu begegnen, bis Jesus sie beim Namen nennt und sie ihn erkennt. Die Begegnung im Garten lässt sie den Jüngern berichten: „Ich habe den Herrn gesehen!“ (Joh 20,18)

Auch in der Erzählung über den Fall des Menschen illustriert ein Garten die Szenerie. Gott legt bei der Erschaffung der Welt im Osten den paradiesischen Garten Eden an, auf dass ihn der Mensch „bebaue und hüte“ (Gen 2,15). Als Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, schickt sie Gott aus dem Garten Eden fort, damit der Mensch „den Ackerboden bestelle, von dem er genommen war“ (Gen 3,23).

Unterwerfen und herrschen

Damit ist ein Thema angesprochen, das für das christliche Naturverständnis besonders wichtig werden sollte: der Eingriff des Menschen in die Natur. Allerdings dienten dabei nicht die Aussagen der zitierten zweiten Schöpfungserzählung als Vorbild, die vom Bebauen und Behüten spricht, sondern die der ersten, wo vom Unterwerfen der Natur und dem Herrschen über die Erde die Rede ist (Gen 1,28). Diese Auffassung von Schöpfung unterstützte das Aufkommen dessen, was heute Fortschrittsidee heißt. Das griechische Wort physis, das sich von phyein – wachsen – herleitet, hatte neben dem Aufgehen auch das Zugrundegehen eingeschlossen. Mit der Übersetzung dieses Ausdrucks in das Lateinische war hingegen das Absterben alles Lebendigen zugunsten seines Aufstiegs in den Hintergrund getreten. Denn der dort verwendete Begriff der natura leitet sich von nasci, dem Geborenwerden, her. Das lateinische Denken fasste die Dinge zudem als etwas auf, über das man verfügen kann. So musste die Aufforderung, sich die Erde zu unterwerfen, die Ausbildung der Idee begünstigen, die Natur immer souveräner zu beherrschen und darin einen geschichtlichen Fortschritt zu erblicken. Die aufkommenden Naturwissenschaften lieferten die technischen Mittel dazu.

So rückte immer weiter aus dem Blick, dass nach der Bibel die Natur als Schöpfung Gottes zu verstehen ist. Natur erschien zunehmend als Material für menschliche Umgestaltung. Naturwissenschaftliche Erkenntnis und technischer Zugriff entzauberten die Schöpfung zwar einerseits, weil sie erlaubten, Naturvorgänge in menschliche Gewalt zu bringen und dadurch verfügbar zu machen. Andererseits ließ sich Fortschritt aber auch religiös neu aufladen. So meinte Francis Bacon (1561–1626), dass es dem Menschen möglich werden sollte, mit Naturwissenschaft und Technik den durch den Sündenfall verlorenen Urzustand wiederherzustellen. Der Garten Eden dürfe nicht länger unerreichbar bleiben, sondern der Mensch müsse das Paradies aus eigener Kraft wiedererringen.

Diese Utopie verblasste allerdings, als abzusehen war, dass technische Naturbeherrschung die unliebsame Rückseite hat, dass Ausbeutung mit Zerstörung einhergeht, die dem Menschen die Lebensgrundlagen zu entziehen droht. Christlicherseits reagierte man darauf mit der Rückbesinnung auf die erwähnte biblische Forderung des Bebauens und Behütens. Der Eigenwert von Natur wurde eingemahnt. Insofern diese als Gottes Schöpfung zu bewahren ist und nicht bloß als Grundlage menschlicher Machtentfaltung zu dienen hat, ist Nachhaltigkeit denn auch zu einer christlichen Tugend geworden.

Als weiteren Versuch, die in der Schöpfungserzählung als verderbt und fehlerhaft vorgestellte Natur zu optimieren, lassen sich gentechnische Eingriffe verstehen. Auch sie sind getragen von der Hoffnung, einen paradiesischen Zustand durch eigene Anstrengung wiedergewinnen und damit Erlösung von den physischen Übeln erreichen zu können. Religiös anmutende Fortschrittsutopien scheinen auch diesen Umgang mit der Natur zu bestimmen, besonders wenn er den Menschen als körperliches, also als Naturwesen betrifft.

Suche nach dem Paradiesgarten

Die Risiken, die derartige Versuche menschlicher Selbsterlösung mit sich bringen, haben solche Vorstellungen von Paradies zunehmend suspekt werden lassen. Während auf der einen Seite die Wiedergewinnung des Gartens Eden mithilfe der Technik noch immer angestrebt wird, zielt die Suche nach dem verlorenen Paradies auf der anderen Seite immer öfter darauf ab, wahre Natur jenseits menschlichen Zugriffs zu finden. Die Abgrenzung von Naturreservaten und Nationalparks soll nicht nur gefährdete Landschaften und ihre Lebewesen schützen, sondern auch Räume schaffen, in denen sich Natur gleichsam „unberührt“ entfalten kann. Nach der Schöpfungserzählung war es Gott, der den Garten Eden anlegte und ihm seine Ordnung gab. Heute wollen von der Technik Überzeugte die verlorene Ordnung mit ihrer eigenen kompensieren oder Naturschützer der Natur wenigstens partiell dazu verhelfen, dass sie die in ihr verborgene Ordnung zeigen kann. Dabei kann sich Natur nicht bloß als „unberührte“, sondern auch als „wilde“ oder „ungebändigte“ erweisen. Denn dies sind Eigenschaften, die die Selbstständigkeit der Natur hervorheben und Outdoor-Abenteurerinnen bzw. Extremsportlern die Rückkehr ins Paradies garantieren.

Naturkatastrophen führen idealisierenden Anhängern von Rousseaus Aufforderung „Zurück zur Natur!“ allerdings vor Augen, dass nicht nur die Selbsterlösungsversuche nicht an ihr Ziel gelangen, sondern dass sich auch die Erlösungskraft der sich selbst überlassenen Natur in Grenzen hält. Nach christlicher Überzeugung kann Erlösung deshalb nicht ohne Gott gedacht werden. So sagt schon Paulus im Römerbrief, dass „die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt“ (Röm 8,23).

Im Lustgarten des Hohelieds

Mit der Verbindung von Schöpfung und Erlösung hat der Ausdruck „Natur“ eine Bedeutungsverschiebung erfahren. Sein Inhalt wird nicht mehr durch den Gegensatz „Technik“ oder „Kultur“ bestimmt, sondern ist in ein Spannungsverhältnis zum Gnadenbegriff geraten. Damit steht der Ausdruck „Natur“ in der Dimension von Errettung und Erlösung, weil er – um im Bild zu bleiben – nicht mehr auf den Schöpfungs-, sondern auf den Ostergarten Bezug nimmt. Daran lässt sich erkennen, dass der Begriff „Natur“ in christlichem Kontext nicht nur eine wechselhafte Geschichte durchgemacht hat, sondern auch unterschiedliche semantische Felder abdeckt. Für christlichen Glauben bleibt in der Epoche des verlorenen Paradieses die Erlösungskategorie zentral. Ohne die göttliche Transformation des Unheils in Heil kann das verheißene Paradies nicht erhofft werden.

Um einen Vorgeschmack auf die Seligkeit zu vermitteln, die nach christlicher Überzeugung durch das Kreuz und die Auferweckung Jesu wieder möglich gemacht wurde, lässt sich auf ein weiteres biblisches Gartenbild zurückgreifen: Im Hohen Lied der Liebe besingt der Bräutigam seine Braut als „Lustgarten“, wo alle nur denkbare Blütenpracht zu finden ist, dazu betörende Düfte, der „Brunnen lebendigen Wassers“ und die köstlichsten Früchte. In diesen lädt die Geliebte ihren Bräutigam ein, damit er von all dem koste (Hld 4,12-16).

* Der Autor ist Professor für Philosophie an der Kath. Fakultät der Universität Graz

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