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Die Wiederkehr des verdrängten Gottes

1945 1960 1980 2000 2020

Um heute über Gott reden zu können, sind Bilderstürme nötig, um abgedroschene Metaphern loszuwerden. Und Bilder, um die Menschen neu anzusprechen.

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Um heute über Gott reden zu können, sind Bilderstürme nötig, um abgedroschene Metaphern loszuwerden. Und Bilder, um die Menschen neu anzusprechen.

Gott ist verloren gegangen: So lautet die Botschaft schon seit 200 Jahren. Was die einen bedauern, sehen die anderen als Fortschritt. Die einen machen den Gottesverlust für Werteverfall und Desorientierung verantwortlich. Die anderen setzen auf die aufgeklärte Vernunft, die nach den Zeiten der kirchlichen Ketzerverfolgungen und Glaubenskriege angetreten war, Licht in das Dunkel solcher Verirrungen zu bringen. Es ist schwer, heute von Gott zu reden, wobei freilich offen bleibt: Ist Gott wirklich verloren gegangen? Oder ist er nicht vielleicht nur verdrängt worden? Verdrängtes kehrt bekanntlich wieder, wenn auch in anderer, oft verzerrter Gestalt.

Das Gericht Wenn die Geschichte in solchen gegensätzlichen Positionen geschrieben wird, stellt sich die Frage, ob ihr Gerechtigkeit widerfährt. Es ließe sich auch eine andere Geschichte mit umgekehrten Vorzeichen schreiben: die Geschichte christlicher Humanität, der Geburt der Caritas aus der Gottes- und Nächstenliebe; aber auch die Geschichte einer Fortschrittsidee aus Vernunft, die sich nicht scheut, über Leichen zu gehen. Schon Herder oder Hegel wollten ohne Skrupel in Kauf nehmen, daß das einzelne Dasein auf dem Altar des gesellschaftlichen Fortschritts geopfert wird.

Die Geschichte selbst bleibt ein buntes Gewirr von Ereignissen, hinter denen ebenso lautere wie unlautere Handlungsmotive stehen. Ihre Beurteilung kann immer nur im Rückblick erfolgen: als Gericht. Die einstmals fromme Frage Martin Luthers: "Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?" hat sich nicht erst heute in die Frage verwandet: "Wo finde ich einen gnädigen Menschen?" Der verdrängte Gott kehrt in der Gestalt einer Gesellschaft wieder, die zum Tribunal geworden ist, wie der Philosoph Odo Marquard treffend vermerkt. Hier agieren wir selbst als Richter und Gerichtete zugleich, uns vor einander verbergend und auf der meist vergeblichen Suche nach Barmherzigkeit.

Das Gottesreich Die Aufklärungskultur hat unersetzliche Freiheitsrechte gebracht. Aber die andere Seite der aufgeklärten Medaille zeigt eine Fortschrittsidee, die nicht weniger als ein Gottesreich auf Erden errichten will. So sah Lessing die Zeit der Vollendung kommen, da der Mensch "das Gute tun wird, weil es das Gute ist".

Später glaubte der Pädagoge Friedrich Diesterweg an die "ewige Vernunft" und ihr Werk "eines vernünftigen oder göttlichen Weltreichs". 1793 schufen die drei Studienfreunde Hegel, Hölderlin und Schelling ihr Losungswort: "Reich Gottes". Und Hegel kommentiert: "Das Reich Gottes komme und unsre Hände seien nicht müßig im Schoße! ... Vernunft und Freiheit bleiben unsere Losung."

Heute geben die neuen medialen Vernetzungen Anlaß, mit Marshall McLuhan an die Vollendung durch den Computer zu glauben, der die Welt in Frieden einigen und pfingstliche Zustände schaffen werde. Der verdrängte Gott und sein Reich kehren wieder in einer Fortschrittsidee ohne menschliches Maß.

Die Apokalypse Eine solche Fortschrittsidee kann aber sehr rasch ins Totalitäre kippen. Die Schrecken totalitärer Umbrüche haben wir erlebt, und sie stehen vielen vor Augen, wenn sie die ökologischen und wirtschaftlichen Krisen betrachten. Horkheimer und Adorno nennen diese Neigung zum Totalen den Umschlag "von der vernünftigen Durchdringung der Welt zur rücksichtslosen Verfügbarkeit".

Der Rückseite der Medaille vom totalen Fortschritt ist die totale Fortschrittskritik aufgeprägt. Das Reich Gottes wird von apokalyptischen Visionen begleitet, und die Kritiker der Fortschrittsidee treten oft nicht weniger totalitär auf als deren Verfechter. So kann die Aufklärung das werden, wogegen sie kämpft: nämlich dogmatisch und damit kolonialistisch auch gegenüber anderen Kulturen und Religionen.

Auch das hat Geschichte. Alles, was aus den Händen der Menschen kommt, bringe Verderben, meinte Jean Jacques Rousseau. Heute ist es Paul Virilio, der das Szenario einer medialen Welt beschwört, die zur vollkommenen Isolation und Sterilität verurteilt. Fortschrittsidee und Verfallstheorie gehören zusammen. Nicht nur der verdrängte Gott kehrt wieder, auch sein Gegenspieler lebt auf in den Phantasien säkularer Untergangspropheten.

Der Heilsplan Nicht alle Verfallstheorien sind pessimistisch. Viele setzen auf eine andere Kraft als die Vernunft, nämlich auf die Natur, die als verläßlichere Quelle des Heils erscheint. Der neuzeitliche Naturalismus sieht die Natur als eigenständige Kraft, als selbsttätige Energie, die von sich aus die Gestalt des Kosmos hervorbringt und, evolutionär weitergedacht, bis zur Vollendung vorantreibt.

An die Stelle der Selbstbestimmung tritt die Selbstentfaltung, ein Entwicklungsgedanke, nach dem sich alles von selbst und ohne menschliches Zutun reguliert. Hier vertrauen Menschen nicht mehr auf ihre eigene Kraft, sondern auf eine Kraft außerhalb ihrer selbst, die auch das Bewußtsein erfaßt mit dem Ziel, den ganzheitlichen, vollkommenen Menschen hervorzubringen, dem das Gute ins Herz bzw. in die Gene geschrieben ist.

Unter verschiedenen Namen haben die "Naturgläubigen" die Aufklärungskultur von Anfang an begleitet. Ende des 18. Jahrhunderts nannten sie sich "Romantiker" und opponierten gegen die Selbsttäuschungen der Vernunft. Später entriß die Pädagogin Maria Montessori das Kind dem Zugriff der Erwachsenen, damit die Natur ihr Werk der Selbstentfaltung ungestört tun kann. Mit seinem Konzept des kollektiven Unbewußten folgt Carl Gustav Jung dem "reinen Naturvorgang" der "unbewußten Selbstregulierung" der Seele. In der New Age-"Philosophie" besitzt das Universum eine natürliche Tendenz, die allem innewohnt und die Wende zu einem neuen Zeitalter herbeiführt. Auch das Schlagwort von der Selbstregulierung des Marktes erinnert an solche Ideen.

Die Fortschrittsidee bleibt also auch in diesem Konzept bestimmend: Der Mensch unterstellt sich dem evolutionären Heilsplan der Natur und versteht sich als dessen messianischer Wegbereiter. Der Gott, der als Schöpfer und Vollender der Welt den Heilsplan vollzieht, kehrt als verdrängter auch hier in anderer Gestalt wieder.

Heute von Gott reden In seinen säkularen Verkleidungen ist Gott unkenntlich geworden. Aber er wird auch nicht kenntlicher, wenn eine kirchliche Rede den Eindruck erweckt, als sei Gottes ein selbstverständlicher Gegenstand der äußeren oder der inneren Wahrnehmung.

Die Rede von einem persönlichen Gott, der denkt, redet und handelt als wäre er ein Mensch unter Menschen, läßt nicht erkennen, daß sich auch der christliche Glaube auf jenes existentielle Rätsel letzter Unverfügbarkeit bezieht, die sprachlos macht. Das "Ganze" läßt sich nie fassen, nichts sich völlig entschlüsseln und aufklären, weder mein Ich noch mein Du, weder meine Natur noch meine Geschichte. Es bleibt eine letzte Fremdheit, eine "Leere", ein offener "Rest".

Der Buddhismus ist konsequent, und das macht ihn attraktiv gegenüber einer naiven personalen Gottesrede. Denn er läßt dieses Rätsel stehen und hüllt sich in gestaltetes meditatives Schweigen. Aber er vertraut zugleich in das Wirken jener a-personalen, allem zugrunde liegenden Kraft, der auf ihre Art auch die Naturgläubigen folgen. Sie haben erkannt, daß vieles bleibt, das hingenommen und durchlitten werden muß, und bringen zum Ausdruck, was sehr wohl auch die christliche Tradition bestimmt: daß das Empfangen dem Tun und Machen vorausgeht.

Wo aber dieses letzte "Rätsel" zur Sprache gebracht wird, um dem Unvordenklichen und Zufälligen in einem menschlichen, sprechenden Leben eine sinnvolle Kohärenz zu geben, kann von Gott nur in Bildern, Metaphern und Gleichnissen die Rede sein. Dies nicht deshalb, weil Gott angeschaut werden könnte, sondern weil wir sinnliche Wesen sind. Dazu hat die Tradition zwei Wege entwickelt.

* Die via negationis bekennt sich zur Unbenennbarkeit Gottes, macht sich, wie Meister Eckart sagt, aller Bilder ledig.

* Die via eminentiae, die "erhabene" Rede, bedient sich hingegen gerade der Vielfalt der Bilder, in der Person - aber auch Naturmetaphern ihr Recht haben. Das Sprachbild versucht zwischen Sichtbarem und Nicht-Sichtbaren so zu vermitteln, daß beide, Gott und Mensch, bleiben, was sie sind.

Beide Formen der Gottesrede sind aufeinander bezogen: Werden die Metaphern abgedroschen und wörtlich genommen, dann braucht es den Bildersturm.

Läßt der Bildersturm nur Leere zurück, braucht es wieder Bilder, um die Sinne nicht abstumpfen zu lassen und miteinander von Gott reden zu können.

Mensch muss Heil nicht erzwingen Wenn der verdrängte Gott als der Verantwortliche für Gericht und Himmelreich, für Heilsplan und Apokalypse wiedererkannt wird, dann sind wir von einer gefährlichen Selbstüberschätzung befreit: Wir müssen das Gericht nicht halten, die Endzeit nicht heraufbeschwören, das Heil nicht erzwingen.

Es bleibt im täglichen Umgang miteinander, in der Mühe um eine menschenfreundliche Politik, genug, um Verantwortung nach menschlichem Maß wahrzunehmen.

Die Autorin ist Vorstand des Instituts für Praktische Theologie und Religionspsychologie der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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