In Österreich zeigt das offizielle Judentum der katholischen Kirche die kalte Schulter. In den USA mühte sich der Papst um aufmunternde Gesten.

Kein österreichisches Medium nahm Notiz von der brisanten Aussendung, mit der die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) letzten Donnerstag an die Öffentlichkeit trat: Wegen der neu formulierten vorkonziliaren Karfreitagsbitte sähen sich die Kultusgemeinden Österreichs "gleich den jüdischen Gemeinden Italiens und Deutschlands gezwungen, die offiziellen interkonfessionellen Gespräche mit der katholischen Kirche auszusetzen". Ebenso befremdend, heißt es in der von IKG-Präsident Ariel Muzicant, Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg und Generalsekretär Raimund Fastenbauer gezeichneten Stellungnahme, sei, "dass von hohen kirchlichen Vertretern in Reaktionen und Publikation die, Judenmission' neuerlich als natürlicher Auftrag an die Kirche betont wird".

Letztere Aussage bezieht sich auch auf einen Artikel des Wiener Kardinals Christoph Schönborn in der englischen Wochenzeitung Tablet, in dem dieser zwar einen christlichen "Proselytismus", also die Abwerbung jüdischer Gläubiger ablehnt. Schönborn widerspricht dort aber auch der These, Christen sollten die Judenmission gänzlich aufgeben: Dies sei "unvereinbar mit dem katholischen Glauben". Die Kirche müsse nach dem Neuen Testament das Evangelium "den Juden zuerst" verkünden. Dieser Artikel Schönborns ist zur Zeit seine einzige Äußerung zum Thema, auf die Aussendung der IKG werde er jedenfalls vor Ende des jüdischen Pessachfestes am 27. April keine Stellungnahme abgeben, so der Sprecher des Kardinals zur Furche.

"Glaube zweiter Klasse"

Auch in der sonntäglichen ORF-TV-Sendung "Orientierung" kritisierte Oberrabbiner Eisenberg die neu formulierte "vorkonziliare" Karfreitagsbitte: Dort werde das Judentum "quasi als Glaube zweiter Klasse angesehen". In der Fürbitte wird gebetet, dass Gott die Herzen der Juden "erleuchte, damit sie Jesus als den Heiland aller Menschen erkennen". Eisenberg in der "Orientierung": "Wir empfinden es irgendwie als Herabwürdigung, wenn man meint, dass wir eine weitere Erleuchtung brauchen würden." Der Oberrabbiner konzedierte Kardinal Schönborn, dass dieser - so wie er ihn kenne - in seinem Artikel "die Sache eigentlich verbessern oder ein wenig lindern wollte", aber: "Wie wir das gelesen haben, hat das nicht diesen Effekt gehabt."

Warum fällt die jüdische Reaktion so harsch aus? Martin Jäggle, Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, nennt die neue Karfreitagsbitte für den alten Ritus eine Fortsetzung des "vorkonziliaren Geistes" gegenüber den Juden. Insbesondere kritisiert Jäggle, als Vizepräsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit führender Vertreter des katholisch-jüdischen Dialogs in Österreich, dass diese Fürbitte keinerlei positive Würdigung des jüdischen Volkes darstelle - ganz im Gegensatz zu den Texten der nachkonziliaren Karfreitagsliturgie, wo es explizit heißt, dass Gott die Juden "in der Treue zu seinem Bund bewahre" und sich keine Andeutung, die in Richtung "Judenmission" zu verstehen wäre, findet.

Jäggle betont gegenüber der Furche seine Betroffenheit, dass diese Auseinandersetzung gerade im "schmerzlichen" Gedenkjahr 2008, wo sich die Novemberpogrome zum 70. Mal jähren, stattfindet. Die geschichtlichen Zusammenhänge hält der Theologe für sehr wichtig: Von daher sei es verständlich, dass insbesondere die deutschen und österreichischen jüdischen Gemeinden sehr klar sagen würden: "So nicht!"

In eine ähnliche Kerbe schlägt Rabbiner Walter Homolka, der in Potsdam die einzige Rabbinerausbildungsstätte im deutschsprachigen Raum leitet. Furche-Kolumnist Homolka ließ schon vor einigen Wochen aufhorchen, als er wegen der Karfreitagsbitte-Diskussion seine Dialog-Aktivitäten mit Katholiken, darunter die Teilnahme am deutschen Katholikentag, absagte. Holmolka ist darüber verärgert, dass die katholische Kirche die jüdischen Anliegen nicht wahrnehme: "Man hört nicht zu, was die jüdische Seite denkt." Man gehe an der Frage vorbei, ob die Juden nur in der Vergangenheit der Kirche eine Rolle spielen oder auch in der Gegenwart. Wenn sich die katholische Kirche dem nicht stelle, werde das "übel ausgehen".

Kritisch beurteilt Homolka daher auch die Zeichen und Schritte, die der Papst auf seiner USA-Reise gesetzt hat. Benedikt XVI. hatte dort bei einem interreligiösen Treffen in Washington den jüdischen Vertretern eine Stellungnahme übergeben, in der er die katholische Kirche auf die Judenerklärung "Nostra Aetate" des II. Vatikanums weiter verpflichtet. In Erweiterung des ursprünglichen Programms besuchte der Papst dann in New York die Park East Synagoge des aus Wien stammenden Holocaust-Überlebenden Rabbi Arthur Schneier, einem Freund Kardinal Schönborns, um - ohne auf die Kontroversen der letzten Monate Bezug zu nehmen - seinen "Respekt" und seine "Hochachtung zu erweisen".

"Offene Fragen ausgespart"

Homolka wie auch Jäggle konzedieren, dass in den USA der jüdische Wind, der Benedikt XVI. entgegenblies, bei weitem nicht so scharf war wie der Entrüstungssturm in Mitteleuropa, aber, so Homolka: Der Papst sei sehr freundlich gewesen, sei aber weder in Washington noch in New York auf die Probleme eingegangen. Martin Jäggle fragt auch, ob das Aussparen der offenen Fragen der Preis für das Zustandekommen der Begegnung gewesen sein könnte.

Seine Hoffnung lässt sich Jäggle aber dennoch nicht nehmen: Er sei bestürzt über die Situation, die eben ausgerechnet im Gedenkjahr 2008 eingetreten sei. Man müsse einfach sehen, dass Judenmission geschichtlich mit schrecklichen Ereignissen konnotiert und eben eng an die alte Karfreitagsfürbitte "für die Bekehrung der Juden" angebunden sei. "Aber", so Jäggle, "es gibt trotzdem sowohl in der katholischen Kirche als auch in der Israelitischen Kultusgemeinde genügend Kräfte, die für das Gespräch eintreten." Der Abbruch der "offiziellen interkonfessionellen Gespräche" durch die IKG sei eher symbolisch, weil es in Österreich keine offizielle Dialog-Kommission zwischen katholischer Kirche und Judentum gebe. Der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit hingegen sei, so dessen Vizepräsident Jäggle, ein ökumenisches Projekt, in dem die christlichen Kirchen Österreichs und die IKG weiter zusammenarbeiten. Allen katholisch-jüdischen Turbulenzen zum Trotz.

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