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Diese Kirche der Männer

Ist die katholische Kirche in der Lage, mit der neuen Rolle der Frau in der Gesellschaft kreativ umzugehen? Es scheint nicht so. Sicher ist jedenfalls: Sie wird sich mehr einfallen lassen müssen als bisher.

Dass die Alltagswirklichkeit und das Selbstverständnis der halben Menschheit sich seit Jahrzehnten dramatisch verändern, ist kein Modephänomen in den reichen Ländern. Es ist ein epochaler Umbruch, zu dem sich die Kirche etwas einfallen lassen muss wie seinerzeit zur Industrialisierung. Damals gelang, nach einiger geistiger Funkstille, das Kunststück einer Zeitanpassung ohne Selbstverrat: der Marxismus wurde verworfen, die Arbeiterbewegung aber durch die Soziallehre mit der Kirche versöhnt. Es wird existenznotwendig für den Katholizismus sein, dass ihm in seiner Frauenpolitik ein ähnlicher Geniestreich glückt. Nicht um alles mitzumachen und krampfhaft modern' zu werden. Sondern um aus einer historischen und gesellschaftlichen Schmollecke herauszukommen, die kein Platz für eine Weltkirche ist." (Jan Ross, Der Papst Johannes Paul II., Berlin 2000, 127f)

Unter den drei großen kulturellen Revolutionen der letzten 50 Jahre dürfte die völlige "Neu-Choreografie der Geschlechterverhältnisse" die einschneidendste und unbemerkteste sein. Einschneidend, denn sie betrifft jeden und jede, und das von den öffentlichsten bis zu den intimsten Bereichen des Lebens. Die unbemerkteste, insofern gerade der feministisch-emanzipatorische Diskurs mit seinem ja nicht unberechtigten Klagegestus das epochale Ausmaß dieses Wandels eher verdeckt. Denn diese Revolution hat schon stattgefunden, sie ist unumkehrbar und eine wirkliche Revolution, also grundstürzend.

Traurige Tradition Patriarchat

Patriarchal nennt man eine kulturelle und gesellschaftliche Ordnung, welche Männern eine vorgeordnete und dominante Position zuspricht - und das eben allein wegen ihres Mann-Seins. Das Patriarchat teilt die Tätigkeitsbereiche der Geschlechter auf und beschränkt dabei die Frauen auf das private Leben und reserviert Macht und Öffentlichkeit für die Männer.

Das Patriarchat hat nun leider auch in der Kirche von den späten Schriften des Neuen Testaments bis zur Gegenwart eine lange und traurige Tradition. Man wird überhaupt feststellen müssen, dass alle der gegenwärtigen großen Weltreligionen sowohl in ihren Symbolsystemen wie in ihrer sozialen Realität ganz wesentlich patriarchal strukturiert und geprägt sind. Das Patriarchat entsteht, wenn "der Mann für sich zwei Positionen beansprucht, die des (überlegenen) Geschlechts und die des geschlechtsneutralen Menschen zugleich. Diese doppelte Position ist es, die die Asymmetrie zwischen den Geschlechtern auf einer theoretischen Ebene extrem stabil und zugleich unsichtbar gemacht hat" (Cornelia Klinger, Beredtes Schweigen und verschwiegenes Sprechen: Genus im Diskurs der Philosophie; in: H. Bußmann/ R. Hof (Hg.), Genus. Zur Geschlechterdifferenz in den Kulturwissenschaften, Stuttgart 1995).

Der Mann ist dann "der Mann" und "der Mensch": Er bestimmt als Mensch das Spiel und spielt es als Mann. Dass er dabei als Mensch sich als dem Mann die Gewinnposition zuspielt, ist menschlich - und in diesem Spiel auch: männlich.

Neue Geschlechter-Ordnung

Mit dem Ende dieses Spiels aber ist die Geschlechterdifferenz ein Thema der pastoralen Situation heute, ganz unabhängig davon, ob man das will oder nicht. Man muss es natürlich wollen, denn die Überwindung des Patriarchats ist eine Gerechtigkeitsfrage. Aber die Kirche kann die Frage der Geschlechterdifferenz auch gar nicht umgehen, denn die Gesellschaft selbst hat diese Frage neu gestellt und sie neu beantwortet. Ein neues Spiel beginnt.

Die "neue Ordnung der Geschlechter" ist ein umfassendes soziales Phänomen geworden. Nicht so sehr wegen der so genannten Zweiten Frauenbewegung der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, sondern wohl eher wegen umfassender gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse, welche Frauen zunehmend in die Marktgesellschaft integriert und ihnen damit Zugang zu völlig neuen Ressourcen eröffnet haben. Vor allem ermöglichte es dieser Marktzugang immer mehr Frauen, unabhängig von männlicher Alimentation zu leben.

Frauen waren - zumindest in ihrer ganz überwiegenden Mehrheit - bis vor wenigen Jahrzehnten beinahe völlig von allen Bildungschancen abgeschnitten. Die ersten Schülerinnen traten in Österreich zwar schon 1898 zur Matura an, aber noch 1910 wurde der Anteil der Mädchen an den weiterführenden Schulen auf fünf Prozent begrenzt. De facto ist der Zugang zu gleichen Bildungschancen erst ein Ergebnis der Bildungsreform der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts! Noch 1970 etwa betrug der Frauenanteil an den Studierenden in Österreich ca. 25 Prozent, während er heute bei knapp über 50 Prozent liegt, bei den Studienanfängern sogar bei 58 Prozent. In Deutschland waren 1960 gerade 27 Prozent der Hochschulanfänger Frauen, heute sind es gut 50 Prozent - bemerkenswerterweise damit etwas weniger als im bisweilen so konservativ erscheinenden Österreich.

Nichts bleibt, wie es war

Im Einzelnen haben sich drei für die alte "Ordnung der Geschlechter" charakteristische Kopplungen gelöst: Entkoppelt wurden Sexualität und Gebären, Frauenbiografien von Männerbiografien und die Bindung von Frauen an die (soziale wie individuelle) "Innenwelt" und von Männern an die "Außenwelt". Indem Sexualität und Gebären entkoppelt wurden, wurde die Last der Elternschaft, welche in das Leben von Frauen viel massiver eingreift und eingriff als in das von Männern, von einem weiblichen Schicksal zu einer weiblichen Entscheidung: ein entscheidender Autonomiegewinn. Indem Frauen- von Männerbiografien entkoppelt wurden, gelang der Durchbruch zu einem "eigenen Leben" für Frauen; indem die Kopplung von Frauen an die "Innenwelt" ("Gefühl", "Intuition", "Ästhetik"), von Männern an die "Außenwelt" ("Verstand", "Kalkül", "Macht") sich löste, wurden lange gültige kulturelle Schemata aufgesprengt.

Diese fundamentale Neuordnung der Geschlechterverhältnisse wird nichts lassen, wie es war. Sie zieht tiefgreifende kulturelle und gesellschaftliche Veränderungen nach sich: Partnerschafts- und Eltern-Kind-Verhältnisse, Arbeits-, Wohn- und auch und vor allem Wahrnehmungsverhältnisse sowie emotionale und soziale Strukturen werden in diesem Wandel völlig neu arrangiert. Wir sind eben erst dabei, diese neuen Arrangements zwischen Küchentisch und Oberseminar zu erkunden und - oft schmerzhaft - auszuhandeln.

Und es ändern sich auch die religiösen Verhältnisse. Denn natürlich ist es eine Illusion zu meinen, solche fundamentalen gesellschaftlichen Umwälzungen könnten und würden sich am religiösen System vorbei vollziehen. Zumal dieses ja ganz definitiv in die "Ordnung der Geschlechter", etwa über die Sexualmoral, das Eherecht oder pastorale Praktiken, eingreift. Überhaupt gilt ja, dass die drei Parameter Sexualität, Religion und Macht in allen Kulturen in einem ausgesprochen engen Kontext stehen und Veränderungen an einem Pol dieses Dreiecks immer auch Veränderungen an den beiden anderen nach sich ziehen. Dieser Konnex ist ziemlich unausweichlich, denn die drei Größen Sexualität, Religion und Macht stehen für jene drei Relationen, in denen menschliche Existenz ganz unausweichlich sich realisiert sieht und zu denen sie also immer ein Verhältnis aufbauen muss: zum Körper, zum Kosmos und zur Gesellschaft.

Klassisch definiert(e) die Religion das Verhältnis des Einzelnen zu allem, was ist, die kulturellen Ordnungen der Sexualität definieren sein Verhältnis zum Körper, die Machtstrukturen aber sein Verhältnis zur Gesellschaft. Der Schwerpunkt kirchlicher Pastoralmacht führte dabei übrigens deutlich vom Kosmos über die Gesellschaft zum Körper.

Kirche muss etwas einfallen

Die alles entscheidende Frage lautet daher heute: Ist die Kirche in der Lage, mit dieser neuen Ordnung der Geschlechter kreativ umzugehen? Es scheint noch nicht so. Doch unbestreitbar dürfte sein: Wenn es der katholischen Kirche in der nächsten Zukunft nicht gelingt, ein kreativeres Verhältnis zur neuen Konstellation der Geschlechter zu entwickeln, dann wird sie des Spielfeldes verwiesen werden. Sie wird sich also etwas einfallen lassen müssen: mehr zumindest als bisher. Die "Kirche der Männer" wird aussteigen müssen aus dem alten Spiel der patriarchalen Zuschreibungen und einsteigen müssen in das Spiel der aufmerksamen Wahrnehmung. Sie wird also schlichtweg dazu angehalten sein, vor allem zu schweigen und zu hören - zu hören auf jene Kirche, die es bei den Frauen schon gibt.

Der Autor ist Professor für Pastoraltheologie an der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Graz.

Buchtipp:

Die Provokation der Krise. Zwölf Fragen und Antworten zur Lage der Kirche, Hg. von Rainer Bucher. Echter Verlag, Würzburg 2003. 256 Seiten, brosch., e 15,30

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