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Diesem Papst beistehen..

FRAGE: Herr Kardinal, der Papst beging vor kurzem den 50. Jahrestag seiner Priesterweihe. Er begeht ihn, das heißt, er feiert ihn nicht groß. Das ehrt die menschliche Bescheidenheit dieses Papstes, der als Person immer ganz hinter sein Amt zurücktreten will. Diese Bescheidenheit ist eine der sympathischen Eigenschaften dieses Papstes, er ist kein Papst der großen Gesten, der pathetischen Worte, aber auch die Gabe der Unmittelbarkeit, der impulsiven Reaktion, der raschen Kon-taktnahme scheint ihm nicht gegeben zu sein. In der Öffentlichkeit wirkt er oft scheu und gehemmt. Haben Sie auch diesen Eindruck, Herr Kardinal?

KARDINAL KÖNIG: Jeder Mensch hat sein eigenes Naturell, auch jeder Papst ist eine eigene Persönlichkeit, die sich in bestimmten äußeren Formen ausprägt Wenn man die Päpste gerecht beurteilen will, muß man auch ihre ganz persönliche Lebensart in Betracht ziehen, man kann und soll sie nicht aneinander messen und vergleichen. Für viele Christen ist gerade das ein Beweis für die göttliche Führung der Kirche, daß sie uns in einem Menschenalter drei Päpste gab, so verschieden in ihrem Naturell, in ihrem Auftreten, in ihrem Gehaben, drei Päpste, so verschieden als Menschen in ihrer Menschlichkeit, jeder aber war groß als Papst. Pius XII. hatte den Respekt der Welt, Johannes die Liebe, Paul VI. braucht unser Verstehen. Wer der größte von ihnen ist, wird die Geschichte erweisen. Paul VI. ist kein Epigone, ich glaube, er wird einer der größten Päpste unseres Jahrhunderts sein.

FRAGE: Herr Kardinal, Sie kennen Paul VI. sowohl als Menschen wie als Träger des obersten Dienstamtes der Kirche. Sie haben auch Pius XII. gekannt, der Sie zum Erzbischof von Wien ernannte, und Johannes, der Sie in das Kardinals-kollegium berufen hat. Worin sehen Sie die Bedeutung und die Größe Pauls VI.?

KARDINAL KÖNIG: Ich halte ihn deswegen für einen großen Papst, weil er es vielleicht am schwersten von allen hat, weil auf ihm die größte Last ruht. Er ist hineingestellt in eine Zeit, die für die Kirche eine Zeit der großen Prüfung ist.

FRAGE: Ist nicht jede Zeit eine Zeit der Prüfung für die Kirche? KARDINAL KÖNIG: Gewiß, und gewiß hat auch die Kirche in ihrer Geschichte schon schwierigere Perioden erlebt, erlitten und durchgestanden. Aber dieses Wissen vermag die Last der Gegenwart nicht zu vermindern. Und diese Last bedrückt gerade Paul VI. viel mehr als seine Vorgänger. Er hat nicht die selbstsichere Art Pius XII., er hat nicht die unbekümmerte Herzlichkeit eines Johannes. Er spürt die Schwere 4er Verantwortung, die Beschlüsse des Konzils durchzuführen, fortzuschreiten auf dem Weg, den das Konzil gewiesen hat, gleichzeitig aber das Tempo des Fortschreitens unter Kontrolle zu halten. Und das mit den Kräften, mit der Wesensart, mit den Ausdrucksmöglichkeiten, die ihm zur Verfügung stehen, die ihm Gott gegeben hat.

FRAGE: Sie sprachen vom Weg des Konzils, Herr Kardinal. Für manche Katholiken hat es eher, den Anschein, als ob das Tor, das das Konzil für die Kirche aufgeschlosen hat, unter dem jetzigen Pontifikat roterter zugemauert werden sollte. Andere wieder — auch solche gibt es — sind der Meinung, daß das Konzil überhaupt ein Irrtum war, die Ursache aüer Verwirrungen in der Kirche, und daß der Papst recht daran täte, mit der Konzilsverwirrung wieder aufzuräumen.

KARDINAL KÖNIG: Beides stimmt nicht! Aber vielleicht können Sie daraus ersehen, in welchem Dilemma sich dieser Papst befindet. Es ist ganz einfach nicht wahr, daß der Heilige Vater das Konzil wieder rückgängig machen will. Paul VI. ist ein Mann Hes Konzils. Er hat den festen Willen, die Beschlüsse des Konzils durchzuführen, weil er von ihrer Notwendigkeit überzeugt ist Er hat es mir selbst gesagt: „Ich nehme das Konzil ganz ernst.“ Aber eben weil er diese Konzilsbeschlüsse durchführen will, wendet er sich gegen die Vorstellung einer dauernden Revolution in der Kirche, muß er sich gegen jene wenden, die den dritten Schritt vor dem ersten tun wollen. Er ist ein Mann der Entwicklung, aber nicht der Revolution, ein Mann des Fortschreitens, aber nicht des blinden Davonstürmens. So hat er in manchen Fragen eine Haltung eingenommen, die ihm nicht den Beifall der Welt eingetragen hat.

FRAGE: Sie meinen die Ehe- und Geburtenenzyklika „Humanae vi-tae“?

KARDINAL KÖNIG: Es geht mir nicht um „Humanae vitae“. Wie immer Paul VI. entschieden hat, er hat stets so entschieden, wie er es als Papst vor Gott und seinem Gewissen verantworten zu können glaubte, nach der Einsicht, wie sich ihm diese Fragen darstellten. Dieser Papst ist kein Papst der Diplomatie und der Taktik, der Winkelzüge und der Ausflüchte. Was er tut, tut er, weil er nicht anders kann. Wenn seine Reden manchmal so vorwurfsvoll klingen, so deswegen, weil er immer wieder darauf hinweist. Wenn er von einem Thema nicht loskommt, so daß er seinen Kritikern oft fixiert erscheint, so nur deswegen, weil für ihn diese Themen und diese Fragen Gefahrem-momerate ersten Ranges darstellen. Dieser Papst ist ein ehrlicher Mann, er tut, was ex kann, und was er nicht tun kann, sollte man fairerweise nicht von ihm erwarten. So wird er auch nicht zurücktreten, wie manche glauben, aus Resignation oder aus Schwäche. Dieser Papst ist kein schwacher Papst, in diesem zarten, fragilen Körper lebt ein zäher Wille. Er hat es nicht leicht und er tut sich auch nicht leicht.

FRAGE: Pacelli kam aus der Aristokratie, Roncalli aus dem Bauerntum, Montini kommt aus einem journalistischen Milieu. Er ist mit der Presse aufgewachsen, sein Vater war Chefredakteur einer großen Zeitung. Und gerade er hat nicht immer eine gute Presse. Woher kommt das?

KARDINAL KÖNIG: Das müssen Sie eigentlich die Journalisten fragen. Ich persönlich würde glauben, daß die Presse, die dem Papst Fixierungen vorwirft, selbst an ein von ihr geschaffenes Bild des Papstes fixiert ist. Für sie ist Paul VI. der Papst von „Humanae vitae“, der Papst der Zölibatsenzyklika. Aber ist nicht Paul VI. auch der Papst von „Populorum progressio“, der Papst, der das Wort geprägt hat, Entwicklung ist der Name für Friede, der Papst der Dritten Welt, der Papst der Versöhnung, der unermüdliche Mahner zum Frieden, der Papst der Ökumene? Soll das alles vergessen sein, alles verdeckt durch eine Enzyklika, durch „Humanae vitae“? Ich halte Paul VI. in manchem für kühner und mutiger als Johannes, er hat Schritte getan, die Johannes wahrscheinlich nicht getan hätte: in der Annäherung an die Orthodoxie, in seinen vielen Reisen; ihm ist es auch gelungen, das Konzil zu Ergebnissen, zu einem geordneten Ende zu fuhren. Nein, dieser Papst ist kein Reaktionär. Er ist im Grunde seines Wesens ein Mann der „progressio“, des Fortschrittes.

FRAGE: In der Kurie scheint man von einem Fortschritt nicht viel zu spüren, von der so heftig verlangten und auch versprochenen Kurienreform hört man sehr wenig mehr. KARDINAL KÖNIG: Sagen Sie das nicht! Auch die Kurienreform geht weiter, auch wenn sie zur Zeit keine spektakulären Schlagzeilen macht. Bedenken Sie, es gibt bereits mehr als zehn nichtitalienische Kurien-kardinäle, darunter den Kardinalstaatssekretär. Das wäre doch vor einem Menschenalter kaum möglich gewesen. Natürlich sind auch hier einem Papst Grenzen gesetzt, auch er muß mit manchen Gegebenheiten rechnen, Gegebenheiten der Tradition, des Einflusses, der Personen. Auch muß man die Mentalitäts-unterschiede zwischen den Römern und den Völkern jenseits der Alpen, den „Transalpini“, wie die Römer uns nennen, in Rechnung stellen. Was für uns manchmal peinlich wirkt, der blumige, überschwengliche Stil mancher päpstlicher Enun-ziationen, wird dort in keiner Weise störend empfunden. Manch höfischer Prunk am päpstlichen Hof, der uns nicht zeitgemäß erscheint — einiges ist ja inzwischen schon abgeschafft —, wird von den Römern als selbstverständlich hingenommen. Traditionen haben ein zähes Leben. Das müßten wir Österreicher eigentlich auch zugeben. Manches wird auch von uns selbst überbewertet. Bei uns wird von manchen jede Äußerung des „Osservatore Romano“ wie ein Glaubensartikel behandelt. In Rom selbst denkt man da viel nüchterner. Auch hier wird sich noch vieles ändern und hat sich schon vieles geändert, wenn Sie so manche Rede des Papstes betrachten.

FRAGE: Von Rom hört die Welt viel, wenn auch vielleicht nicht immer das Entscheidende. Aber hört Rom auch die Welt? Weiß der Papst, was in der Welt, was in der Kirche vor sich geht? Man hat manchmal den Eindruck, daß er nur einseitig informiert wird, daß er die Probleme nur von einer Seite her kennt. KARDINAL KÖNIG: Das möchte ich nicht sagen: Der Papst liest gewiß nicht nur den „Osservatore Romano“. Zu seiner täglichen Lektüre gehören einige große Weltzeitungen wie zum Beispiel „Le Monde“, die eine sehr offene und umfassende Berichterstattung über katholische Angelegenheiten hat, aber auch andere große Zeitungen sieht er an. Natürlich wirkt sich die unmittelbare Umgebung auch auf die Information aus. Da könnte mancher schon den Eindruck haben, als ob die Informationen des Papstes einseitig wären. Hier hat aber jeder Katholik nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, von einem seiner Meinung nach schlecht informierten Papst an einen besser zu informierenden Papst zu appellieren.

FRAGE; Sie sagen jeder Katholik! Ist dieses Recht und diese Pflicht aber nicht in erster Linie ein Recht und eine Pflicht der Bischöfe? Herr Kardinal, Sie haben in ihrem letzten Fastenbrief sehr eindringlich die Gläubigen gebeten: „Laßt eure Priester auch menschlich nicht allein.'“ Gilt ein solches Wort, bei aller Ehrfurcht vor dem höchsten Amt in der Kirche, nicht auch für den Papst? Muß nicht auch der Papst manchmal das Gefühl haben, allein zu sein in seinen Nöten und seinen Sorgen, auch menschlich ein Einsamer, und ist die Pflicht des Beistandes, des menschlichen Beistandes, nicht in erster Linie eine Pflicht der Bischöfe?

KARDINAL KÖNIG: Nicht nur der Bischöfe! Alle Katholiken sollten diesem Papst beistehen. Nicht nur mit Huldigungen und Ergebenheitstelegrammen, nicht mit neuen „Treueorganisationen“, die nur wieder neuen Zwist in die Kirche hineintragen, sondern mit dem Bemühen, ihn zu verstehen. Aber Sie haben ganz recht, in erster Linie ist es die Sache der Bischöfe. Die Kollegialität der Bischöfe soll sich ja nicht nur in Mitreden und Mitentscheiden erweisen, sie soll sich auch erweisen in einem menschlichen Kontakt, in einem brüderlichen Wort des Verständnisses und der Ermunterung. Auch in einem Wort des Aufmerksammachens, in einem offenen und kritischen, aber immer brüderlichem Wort. Der Papst Ist ein Mensch wie wir alle, mit seinen Nöten, Sorgen, Zweifeln, mit der Schwachtheit jeder menschlichen Kreatur. Der Papst steht ja nicht über und außerhalb der Kirche, wenn er auch in seinem Amt mit einem besonderen Beistand der Kraft Gottes rechnen kann. Das Wort „Jeder trage des anderen Last“ gilt auch für unser Verhältnis zum Papst. Er trägt die Last der Verantwortung für uns, er kann und darf sie nicht allein tragen. Wir alle müssen mithelfen, auch dadurch, daß wir ihn aufmerksam machen, wenn er sich Lasten aufbürdet, die er nicht tragen kann. So wie er für uns verantwortlich ist, so sind wir für ihn verantwortlich. Möge Gott uns diesen ringenden, diesen ehrlichen, diesen menschlichen Papst lange erhalten.

(Das Gespräch mit Kardinal König führte Kathpress-Chefredakteur Dr. Richard Batita.)

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