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Dietrich Bonhoeffers Gedichte: Am (Ab-)Grund der Existenz

1945 1960 1980 2000 2020

Nur 10 Gedichte hat Dietrich Bonhoeffer hinterlassen - der letzte Schatz seines Lebens.

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Nur 10 Gedichte hat Dietrich Bonhoeffer hinterlassen - der letzte Schatz seines Lebens.

Dietrich Bonhoeffer hat nie die Absicht gehabt, unter die Dichter gezählt zu werden": Solches äußerte Eberhard Bethge (1909-2000), Schüler, Freund und Biograf Bonhoeffers. Und dennoch ist Bonhoeffer, von dem gerade zehn Gedichte bekannt sind, nicht zuletzt im deutschen Sprachraum als "Dichter" präsent. Das hat sicher damit zu tun, dass Bonhoeffer zunächst über seine Gefängnisaufzeichnungen "Widerstand und Ergebung", von Bethge Anfang der 50er Jahre herausgegeben, breiter Öffentlichkeit zugänglich war. Darin finden sich auch die Gedichte. Das letzte davon, das Bonhoeffer zur Jahreswende 1944/ 45 für seine Verlobte Maria von Wedemeyer und seine Eltern verfasst hat, kursierte bereits 1946: "Von guten Mächten" ist der bekannteste Bonhoeffer-Text, wollte man das geistliche Gedicht des 20. Jahrhunderts benennen, so kommt man an Bonhoeffers Versen nicht vorbei - noch vor den Texten des Kirchenlieddichters Jochen Klepper ("Die Nacht ist vorgedrungen"), der sich 1942 vor den ns-Schergen in den Selbstmord "rettete": Kleppers Gedichte sind Bonhoeffers lyrischen Texten literarisch überlegen, was der Rezeption des letzten Textes Bonhoeffers aus der Haft dennoch keinen Abbruch getan hat.

Letzte Lebensstation

Der protestantische Theologe und Kirchenliedexperte Jürgen Henkys hat die zehn Gedichte Bonhoeffers einer biografischen, theologischen und literarischen Würdigung unterzogen, er setzt sich auch - wo vorhanden - mit Vertonungen auseinander. Henkys Monografie "Geheimnis der Freiheit" ist eine interpretatorische Fundgrube und Zusammenschau der Texte, die dadurch in ihren Dimensionen greifbar werden und gerade im Kontext der letzten Lebensstation Bonhoeffers ihre Berührung entwickeln.

Im Fall "Von guten Mächten" revidiert Henkys seine (auch bei Bethge zu lesende) Ansicht, dass Bonhoeffer nicht an ein Lied gedacht habe. Die Verbreitung als Lied macht solche Mutmaßungen obsolet: Henkys kennt 50 Vertonungen des Gedichts - nicht alle werden der Intention des Textes gerecht.

Der ganze Weg - 7 Strophen

"Von guten Mächten" ist ein Gedicht, das sich in sieben Strophen entfaltet. So will ich diese Tage mit euch leben / und mit euch gehen in ein neues Jahr: Dieses Ende der 1. Strophe gibt das Programm vor, um das es dann bis zur 6. geht. Da ist die Rede von böser Tage schwere Last oder vom schweren Kelch, den bittern, des Leids, den Gott dem Schreiber (wie dem Rezipienten) zumutet. Erst in der 4. Strophe lichtet sich das Dunkel - ein wenig: ... führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen / wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht. Erst nach den bösen Tagen also kommt verhalten auf, was Bonhoeffer ... jenen vollen Klang / der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet ..., nennt. Und dann erst folgt die Konklusion, die mittlerweile ins kollektive Gedächtnis der (deutschsprachigen) Christenheit gehört: Von guten Mächten wunderbar geborgen / erwarten wir getrost, was kommen mag. / Gott ist bei uns am Abend und am Morgen, / und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Man kann die letzte Strophe erst sprechen oder singen, wenn auch der Sprecher/Sänger/Beter vorher den schweren Kelch, den bittern mitgetrunken hat. Die leise Freude der letzten Strophe erschließt sich erst dann. Leider haben sich in den Vertonungen des Bonhoeffer-Gedichts Melodien durchgesetzt, die dem Text Gewalt antun. So wird in der in Österreich vermutlich verbreitetsten Version die letzte Strophe als Kehrvers gesungen, der sechsmal wiederkehrt (abgesehen davon, dass die Melodie über seichtes Sakro-Schlagerniveau nicht hinausgeht). Auch Henkys schreibt: "Soll ,Von guten Mächten' überhaupt gesungen werden, dann ist der singenden Gemeinde der ganze Weg von Strophe 1 zu Strophe 7 zuzumuten." Die ins Evangelische Kirchengesangbuch aufgenommene Vertonung des Kirchenmusikers Otto Abel (1905-77) hingegen wird diesem Anliegen gerecht.

Verdichteter Bonhoeffer

Der dichtende Bonhoeffer ist verdichteter Bonhoeffer im Angesicht der Grenzen seiner Existenz. Es sind Texte eher altmodischer Sprache, die aber eben, weil sie am Abgrund stehen, auch den Grund des Lebens thematisieren: In "Wer bin ich?" beschreibt Bonhoeffer das Ringen um seine Identität, in "Stationen auf dem Weg zur Freiheit" kommt er beimWegziel Tod an, in den "Nächtlichen Stimmen" verdichtet er das Gefängnisdasein zum persönlichen Getsemane. Berührend auch die Reflexion eigenen Sterbens in "Der Tod des Mose" oder das Auf-sich-Nehmen letzter Konsequenzen - bis zum Äußersten, das er an der biblischen Gestalt des Jona im gleichnamigen Gedicht darstellt. Schließlich gehört auch das kurze Gedicht "Christen und Heiden" (Henkys beschreibt auch hier Vertonungen) in diesen Schatz. Freund-Biograf Eberhard Bethge zitiert diesen Text als Verweis dafür, was "Bonhoeffer in diesen letzten Monaten seines theologischen Denkens bewegte", und für den Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts wirkt die Conclusio dieses Gedichts weiter: Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not, / sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot, / stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod / und vergibt ihnen beiden.

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