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Diskretion, bitte!

"Nach Golde drängt / Am Golde hängt doch alles": Zur Mystik des Geldes.

Banken gewähren Kredit, Christen beten ihr Credo - dasselbe Wort, aber welch unterschiedliche Welten! Gläubiger fordern Schulden ein, Gläubige bekennen ihre Schuld. Die einen gehen zur Sonntagsmesse, andere zur Buch- oder Gesundheitsmesse: (Lob-)Preis und Wert(-schöpfung) auf höchst unterschiedliche Weise! Vom Verdienst ist in der Theologie die Rede und bei der Gehaltsabrechnung. Offenbarungseid im Geldwesen - Offenbarung in der Religion; der liebe Gott und das liebe Geld - eine enge Beziehung seit uralten Zeiten.

Denn das Geld wurde erfunden, um die Götter gnädig zu stimmen und Entschuldung fürs tötende Leben zu erbitten. Erst Menschenopfer, dann Tieropfer, dann Sachwerte und Naturalien, schließlich Silberbarren in den Tempeln hinterlegt - zuerst im Rohzustand, dann gemünzt. Moneten etwa erinnern an die Göttin Juno Moneta. Sie "moniert, dass kein Betrug unter den Menschen vorkomme, da das Geld das geschuldete Wertmaß ist", so die Deutung eines Thomas von Aquin. Geld hat vom Ursprung her diese numinose Wandlungsmacht: es vereinfacht den Waren- und Gedankenaustausch, es ist (als Opfer vor allem) wichtig in der Verständigung mit den Göttern, es ist ein heilbringendes Kommunikationsmedium, "geprägte Freiheit" (Max Weber).

Tabu und heilig

Aber was hat diese historische Nähe von Geld- und Glaubenssprache mit Mystik zu tun? Mystik hat mit dem zu tun, was überwältigt. "Da bin ich hin und weg und voll da" - wie beim Lottogewinn oder im Konkurs, wie in der hinreißenden Erfahrung von Schönheit oder Unglück. Gemeinhin ist dann von Gott die Rede, vom Göttlichen, von alles bestimmender Macht jedenfalls. Mystik lässt sich demnach verstehen als "unmittelbares Bewusstsein göttlicher Gegenwart", die zutiefst ergreift und verändert (McGinn). Da kommt höchster Respekt ins Spiel, (Ehr-) Furcht sogar. Warum denn sonst die Intimschranke vor jedem Bankschalter? "Diskretion bitte"! Früher hatte man diese heilige Scheu nur vorm Schlafzimmer und im kirchlichen Altarraum - zugänglich nur für (Ein-)Geweihte, ansonsten tabu. Heutzutage wird das Allerheiligste woanders kommuniziert. Über Geld spricht man nicht: die einen nicht, weil sie zu viel haben; die anderen, weil es ihnen fehlt - tabu und "heilig", eine Lebensmacht so oder so. Das Bankgeheimnis löst oft mehr Respekt und sakrale Scheu aus als das "Mysterium des Glaubens" in der Kirche.

"Ich bin ein schlechter, unchristlicher, gewissenloser, geistloser Mensch, aber das Geld ist geehrt, also auch sein Besitzer. Das Geld ist das höchste Gut, also ist der Besitzer gut." So diagnostizierte der junge Karl Marx und benutzt das uralte Gottesprädikat Höchstes Gut. Heinrich Heine, sein älterer Zeitgenosse, spricht von der "Geldwerdung Gottes", von der "Gottwerdung des Geldes". Nach Golde drängt / Am Golde hängt / Doch alles, heißt es schon in Goethes "Faust".

Das Geld ist durchaus eine segensreiche Erfindung, - geprägte Freiheit mit vielen Möglichkeiten. Aber Kapital ist etwas anderes: es "arbeitet" selbst wie ein autonomes Subjekt mit Geisterhand und sucht sich seine "Anlageplätze". Wie der unsichtbare Gott beherrschen nun die unsichtbare Hand des Marktes und die (realen und virtuellen) Geldströme das (Welt-)Geschehen.

Walter Benjamins hellsichtiges Fragment "Kapitalismus als Religion" von 1921 stellt die Diagnose: Der Kapitalismus sei die erste reine Kultreligion, die nicht entsühnt und befriedet, sondern strukturell auf Verschuldung basiert. Alle Produktion muss über Schulden vorfinanziert werden, so dass immer neue Schuldner gefunden werden müssen, die mit ihrem Konsum die Schulden bezahlen, mit denen die alten Schulden getilgt werden sollen. "Sich gut verkaufen", lautet dann eine Überlebensmaxime. "Nichts bekommst du geschenkt" eine andere. Denn "beim Geld hört die Freundschaft auf". Aber wo fängt sie (dann noch) an?

Es braucht die Unterscheidung der monetären und religiösen Systeme: Welche Religion, welche Mystik soll die Leitwährung sein? Welche ist lebensförderlich und schafft Gerechtigkeit? "Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott oder dein Abgott" - so hatten Augustinus und Luther die biblische Fundamentalunterscheidung auf den Punkt gebracht! In der Bergpredigt heißt es: "Niemand kann zwei Herren dienen, er wird entweder den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird zu dem einen halten und den anderen verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon." (Mt 6,24) Übrigens: Mammon gehört demselben Wortstamm an wie das auch heute noch geläufige Amen und bedeutet höchste Verlässlichkeit, Treue et cetera! Also: worauf ist wirklich Verlass, was währt im Sinne von Währung und Bewährung?

Genug zum Leben

Im Lichte des biblischen Gottesglaubens jedenfalls ist für alle genug da zum Leben, immer noch könnte die Welt ein Paradies sein. "Auf, ihr Durstigen! kommt zum Wasser! Auch wer kein Geld hat, soll kommen. Kauft Getreide und esst, kommt und kauft ohne Geld, kauft Wein und Milch ohne Bezahlung!" So lautet die biblische Vision vom göttlichen Überfluss, mit deutlicher Kritik an den bestehenden Verhältnissen (Jes 55,1ff). Der wilde Träumer aus Nazaret steht in dieser Tradition: die Geschichten der Brotvermehrung folgen dieser Logik des Überflusses, die Botschaft von der Fremdensorge und Feindesliebe erst recht. Paulus sammelt bei seinen nichtjüdischen Gemeinden Geld für die arme jüdische Gemeinde in Jerusalem: ein erstes ökumenisches Netzwerk der Solidarität. Paulus nennt seine Kollektenaktion "Gnade", Geschenk, Eucharistie, reineweg gratis.

Diese Logik der Verschwendung lebt aus der mystischen Gewissheit, dass genug da ist. Denn "Gott weiß, was ihr braucht" (Mt 6,25-34). Christus ist dafür das lebendige Beispiel. In Jesu Verhalten entsteht eine Gegenwelt zum Bestehenden - nirgends deutlicher in der Christentumsgeschichte konkretisiert als im Mönchtum, in einer Beziehungskultur der Solidarität und Caritas. Just in den frühbürgerlichen Zeiten, in denen die Kirche das Zinsverbot dann doch lockert und aufhebt, entstehen die Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner mit ihrer Armutsmystik. Von Anfang sitzt der Christenheit Jesu Gottesmystik der Verschwendung wie ein Stachel im Fleisch, zugunsten der anderen, der Armen zuerst. Nicht künstliche Verknappung der Güter zwecks Gewinnsteigerung für wenige und Mehrkosten für viele, schon gar nicht Geiz ist geil - das genaue Gegenteil: "Solo Diós basta - Gott allein genügt" (Teresa von Ávila) oder "Wem's an Gott nicht genügt, der ist allzu habgierig" (Meister Eckhart). In einer arabisch überlieferten Jesusgeschichte steht die Frage im Raum, welches Ansehen Denar und Drachme haben. "Die Jünger antworteten: Ein hohes. Jesus entgegnete ihnen: Für mich sind sie Dreck."

Schätze bei Gott sammeln

Jesu radikale Kritik an religiösem Leistungsdenken und monetärem Erlösungswahn ist keineswegs blauäugig. Geldgebrauch bleibt notwendig und sinnvoll. "Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon" (Lk 16,9), heißt es sogar. Aber Letztes und Vorletztes, Gott und Götze sollen auf keinen Fall verwechselt werden: "Sammelt euch Schätze bei Gott, wo weder Motte noch Wurm sie zerstören und keine Diebe einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz." Alles in diesen freigebenden Gott zu investieren, befreit von der Angst, zu kurz zu kommen, und lädt förmlich dazu ein, zu teilen und auf allen Ebenen eine Kultur der Liebe zu realisieren. Sie basiert nicht länger auf Schulden und Verschulden. Sie lebt vielmehr aus der überwältigenden Gewissheit von Gottes spendabler Gegenwart. Und die will konkret sichtbar werden in mitmenschlichem Verhalten und in gesellschaftlicher Praxis. Diese Mystik der Gottesfreundschaft deckt den sakralen Umgang mit Geld und Kapital als Götzendienst auf. Wer wirklich die Welt regiert - das steht zur Entscheidung, und damit auch: welche Mystik? Wo fängt die (wahre) Freundschaft an?

Der Autor, Priester und Schriftsteller, hat Bücher zum Thema Mystik verfasst.

TIPP:

Gotthard Fuchs hält am Freitag, 16. Mai, 18.30 Uhr einen Vortrag, und am Samstag, 17. Mai, 9-16 Uhr einen Seminartag bei den Wiener theologischen Kursen zum Thema Bibel und Leben heute. Infos: www.theologischekurse.at

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