",Dominus Iesus' wird nicht befolgt"

1945 1960 1980 2000 2020

"Interreligiöser Dialog besteht darin, die Wahrheit des Anderen zu entdecken", meint Francis D'Sa, der erst beim Studium in Österreich seine kulturellen Wurzeln entdeckt hat. In Indien versucht er jetzt, diesen gerecht zu werden.

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"Interreligiöser Dialog besteht darin, die Wahrheit des Anderen zu entdecken", meint Francis D'Sa, der erst beim Studium in Österreich seine kulturellen Wurzeln entdeckt hat. In Indien versucht er jetzt, diesen gerecht zu werden.

Wo endet der Dialog zwischen den Religionen?" wurde Francis D'Sa einmal gefragt. Die spontane Antwort: "Der Dialog endet, wo die Liebe endet, und das Maß der Liebe ist, wie wir wissen - lieben ohne Maß." Solch theologische Weitsicht wurde ihm nicht in die Wiege gelegt, denn Francis D'Sa wurde 1936 in eine sehr konservative katholische Familie hineingeboren. Die Ausbildung im "De Nobili-College" im indischen Pune lag auch im konservativen Trend, dort unterrichteten fast ausschließlich spanische Jesuiten. Einen größeren Horizont erblickte Francis D'Sa erst beim Theologiestudium in Innsbruck und später während seiner Dissertation über Indologie und Hinduismus in Wien. Erst in Wien sah er erstmals, wie reich die hinduistische Tradition ist. Das waren für ihn völlig neue Perspektiven, die ihn allerdings auch in tiefe Konflikte stürzten. - Zurück in Indien, in der alten Universitätsstadt Pune im Westen des Landes , vertiefte er sich weiter in die hinduistischen Schriften. Seit dieser Zeit gilt sein ganzes Trachten der Verlebendigung und Vertiefung des Dialogs zwischen den Religionen, sowohl auf dem akademischen Level als auch im praktischen Leben bis hinunter auf die Ebene des Zusammenlebens in den Dörfern.

die furche: Unter den indischen Christen sind portugiesische Namen nicht selten. Meist finden sich aus der Kolonialgeschichte portugiesische Vorfahren. Haben auch Sie eine solche portugiesische Vergangenheit?

Francis D'Sa: Nein, habe ich nicht. Ich bin ein Nachkomme der indischen Missionsgeschichte. Damals, in der Zeit des Jesuiten Franz Xaver, gab es kaum Individual- sondern meist Massentaufen. Er hatte es offensichtlich eilig, Seelen zu retten, und taufte nicht Individuen, sondern ganze Dörfer. Der Taufpate für alle war dann der jeweilige Gouverneur. Und der Gouverneur war damals, als meine Vorfahren bekehrt wurden, ein Portugiese namens D'Sa. Sie nahmen in ihrer Begeisterung seinen Namen an.

die furche: Sie sind sehr konservativ katholisch erzogen worden, Ihr Glaubenshorizont hat sich erst durch Ihre Studien in Österreich geweitet. Was war da die wichtigste Erkenntnis?

D'Sa: Das Wichtigste für mich war, dass es mir während dieser Jahre gelungen ist, die Aufklärung des Westens mit der Erleuchtung des Ostens in mir zusammenzuführen. Wir können heute nicht mehr nur Inder oder Österreicher, nicht mehr nur Hindus oder Christen sein, sondern wir müssen uns von den je anderen bereichern lassen. Die Welt wird überhaupt nur Zukunft haben, wenn wir alle zu geistigen und geistlichen Weltbürgern werden. Nur die Suche nach dem Ganzheitlichen wird uns weiterbringen. Daher ist es mein großes Anliegen, die beiden großen geistigen Ströme des Westens und des Ostens zueinander zu führen, sodass sie einander ergänzen können und das nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen.

die furche: Wann hat Indiens Kirche die engen Fesseln der Missionskirche gebrochen und hat sich den anderen Traditionen im Land geöffnet?

D'Sa: Der erste Anstoß war sicherlich das Edikt der indischen Regierung aus dem Jahr 1953, als neuen, westlichen Missionaren die Einreise nach Indien verboten wurde. Das führte allerdings nicht, wie intendiert war, zu einer Schwächung der christlichen Kirchen, sondern im Gegenteil, zu einer exponentiell wachsenden Zahl an geistlichen Berufungen unter jungen Inderinnen und Indern. Das veränderte das Gesicht, aber auch das Herz der Kirche.

Der wesentliche Anstoß kam aber vom Konzil: Das machte den indischen Bischöfen plötzlich Mut. Sie beriefen ein Konzil der Ortskirche ein; dort sind dann die Dämme gebrochen, und man wurde sich darüber klar, wie fremd das europäisch geprägte Christentum den Indern sein musste. Der europäisch geprägte Jesus konnte in den Herzen der Inder nicht einwurzeln. Und dabei konnte es eben nicht nur um liturgische Veränderungen gehen, sondern das musste in spirituellen Bereichen, im Denken und Fühlen der Menschen ansetzen.

die furche: Was kann eine Gestalt wie Jesus den indischen Menschen geben, wieweit können sie ihn annehmen?

D'Sa: Die indischen Menschen haben niemals Schwierigkeiten gehabt, Jesus Christus anzunehmen. Wenn wir die indischen Schriften über Jesus lesen, sie sind unvergleichbar schön. Was den Indern weh tut, ist dieses totale Abschalten von den anderen religiösen Traditionen. Sie verstehen nicht, dass Gott nur in einer Person, nur in einem Wort bereit sein soll, die Menschen zu erlösen. Das ist schwer verständlich für die gläubigen Menschen unseres Landes, und ich bin ihnen da sehr nahe, denn unser Gott lässt, wie wir wissen, seine Sonne scheinen über Gute und Böse, seinen Regen fallen über Gerechte und Ungerechte und schenkt ihnen allen sein Heil. Das ist die Basis jedweden Dialogs.

die furche: Der Dialog, den Sie und andere seit mehr als 20 Jahren betreiben und zwar aufgrund vatikanischer Initiativen: wie weit ist er gediehen?

D'Sa: Auf intellektueller Weise sehr weit. Im Rahmen meines Institutes für die Studien der Religionen am "De Nobili-College" in Pune gibt es beispielsweise regelmäßig Konferenzen und Seminare mit den Gelehrten anderer Religionen, und wir werden demnächst ein Buch herausgeben über die Rolle von Zeit und Geschichte in den unterschiedlichen Traditionen.

die furche: Sie kennen nicht nur diese geistige, intellektuelle Ebene für den interreligiösen Dialog, sondern auch das ganz praktische, auf der Dorfebene gelebte neue Miteinander D'Sa: Ich meine zuerst gibt es die Idee, und die muss dann ins Leben umgesetzt werden. Es gibt bei uns einige Projekte, in denen Menschen guten Willens zusammenarbeiten. Wir fragen die verzweifelten Frauen, die zu uns kommen, niemals, welcher religiösen Tradition sie entstammen, sondern setzen nur den guten Willen voraus. Die Grundsätze, die wir im Institut ausarbeiten, müssen dort draußen im Leben mit den Armen und Ausgegrenzten, und das sind hier die Frauen, ihre Bewährungsprobe ablegen. Diese praktische Arbeit ist nicht zufällig: Dass wir uns dort der Betreuung von Frauen und Kindern widmen, gehört wesentlich zu unserer wissenschaftlichen Arbeit. Es ist das lebendige Übungsfeld dessen, was wir vorher gedacht haben, und über unsere Studenten, die in die praktische Arbeit eingebunden sind, kommen die praktischen Probleme wieder zurück in die theologische und geistliche Arbeit. Es ist ein wunderbarer, sich stets erneuernder und befruchtender Regelkreis.

die furche: Ist es dabei gelungen, die Gesellschaft sanft, aber bestimmt im Sinne des Evangeliums zu verändern?

D'Sa: Indien ist groß und vielfältig. Man kann also keine allgemein gültige Antwort geben. Aber die kastenlosen Dalits zum Beispiel, die Unberührbaren haben ein neues Bewusstsein erhalten, sie haben begriffen, dass sie eine Menschenwürde haben, dass es Mittel und Wege gibt, zu ihrem Recht zu kommen. Das macht die politische Lage in diesem Land auch radikaler, das ist klar, und die Konflikte werden noch schärfer werden. Aber das muss so sein, wenn wir die Gesellschaft wirklich im Sinne Jesu verändern wollen; und das wollen wir. Die Politik ist in diesem Land - und nicht nur hier - unfähig oder unwillig, etwas zum Wohle der Armen zu verändern; so wird es an den Menschen, an den Frauen, an den Dalits und so weiter liegen, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Die Menschen müssen sich zusammentun, die Initiative ergreifen, und wir müssen sie dazu befähigen. Die Dalits sind sehr zahlreich, und wenn sie eine Partei hätten, die ihre Interessen vertritt, würde sich Indien sehr schnell und grundsätzlich verändern.

die furche: Geht es den christlichen Dalits anders als den anderen?

D'Sa: O ja, die christlichen Dalits haben begonnen, sich zusammenzutun und sind bereits imstande, auf lokaler und regionaler Ebene Einfluss zu gewinnen und Dinge zu verändern. Das führt erstaunlicherweise dazu, dass die Kirche, die Bischöfe plötzlich in Verlegenheit geraten, wenn sie die Botschaft Jesu wirklich ernst nehmen sollen.

die furche: Ist das umstrittene vatikanische Schreiben Dominus Iesus vielleicht sogar eine Antwort auf diese Initiativen?

D'Sa: Das ist natürlich nicht nachzuweisen, aber durchaus möglich: Jedenfalls ist Dominus Iesus eine verbale Bemühung, uns in die Schranken zu weisen, nur wird das nicht mehr gelingen, denn aufgrund früherer vatikanischer Ermunterungen, dem Dialog Gottes mit den Menschen auch in anderen Traditionen nachzuhorchen, ist soviel in Gang gekommen, das nicht mehr zu stoppen ist. Das Dokument wäre ein großer Rückschritt, würde es befolgt werden. Es wird nicht befolgt, denn wir sind hier eine Lokalkirche, und es ist für uns nicht nur eine Frage des Überlebens, sondern es geht um die Inkulturation der christlichen Botschaft. Und ich kann mir nicht vorstellen, wie einer, der in Rom lebt, uns vorschreiben kann, wie wir hier die christliche Botschaft inkulturieren sollen, nur weil hier eine Politik läuft, die weder fähig noch willig ist, Gerechtigkeit walten zu lassen.

die furche: Sie meinen, Rom hat sich bei diesem Dokument von politischen Kräften beeinflussen lassen, denen das christliche Engagement nicht passt?

D'Sa: So direkt würde ich das nicht sagen. Aber Tatsache ist, dass hinter diesem Dokument Dominus Iesus drei Gründe stehen: erstens die Angst, die Macht zu verlieren; zweitens der Mangel am Geist Gottes; und drittens eine Art Hybris, aufgrund derer man meint, durch Befehle die Kirche leiten zu können. Ich meine aber, dass die Kirche nur dann - auch von politischen Interventionen - frei ist, wenn sie begreift, dass sie nur durch Glaube, Liebe und Hoffnung wachsen kann und nicht durch Gebote und solche Dokumente. Und ich bin der festen Meinung, weder der Papst noch die Kurie werden imstande sein, die Uhr zurückzudrehen. Sie können manches verlangsamen, aber im Endeffekt ist der Geist Gottes am Werk und er wird immer siegen. Auch wenn sich die Institution immer noch der Freiheit der Kinder Gottes verweigert, wird es ein neues Pfingsten geben, wo wir als Söhne und Töchter Gottes weltweit in vielen Sprachen, den einen Logos, das Wort des Geistes darstellen werden. In jeder Kultur, in jeder Sprache wird das Wirken Gottes anders bezeugt, und wir werden einander verstehen, weil Gottes Geist uns die Sprachbarrieren überwinden lassen wird.

die furche: Und die anderen, die Hindus, die Muslime werden das verstehen?

D'Sa: Wir sind ganz am Anfang der Ausarbeitung einer Hermeneutik in diesem Sinne. Sobald die Hindus, die Muslime, die Buddhisten sehen werden, dass es uns nicht darum geht, sie auszugrenzen und abzuqualifizieren, sondern darum, gemeinsam das Wirken Gottes in der Welt zu bezeugen, wird jede Religion gerne dazu bereit sein, von ihrem Wirken und ihrer Überzeugung Zeugnis abzugeben.

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