Im zentralasiatischen Kirgistan sind Tonnen an radioaktivem Müll eine Bedrohung für Mensch und Umwelt. Gleichzeitig sind die aufgelassenen Uranlagerstätten eine Fundgrube für Terroristen.

Die Warnung ist unmissverständlich. "Stehenbleiben! Radioaktivität! Lebensgefährlich!", steht da in roten Lettern auf dem Schild. Und dennoch hat sich genau dort, auf dem Depot Nr. 20, eine Gruppe Männer zur Rast niedergelassen, grasen dort ihre Pferde und Ziegen. "Wissen Sie, an diese Schilder binden die Leute oft ihre Kühe an", sagt einer der Männer schmunzelnd. "Dann werden sie locker, und die Kinder nehmen sie heraus und spielen damit."

All diese Anlagen sind nicht abgezäunt oder gar bewacht. Nur gut zwei Meter von Depot Nr. 18 entfernt fließt der Gebirgsfluss des Tales vorbei. In diesem Depot und anderen Gruben und Halden liegen Abfälle aus der Uranförderung und -anreicherung. Denn in Maili Suu (Kirgisisch: Öliges Wasser), so heißt der Fluss und das dazugehörige 23.000 Einwohner zählende Städtchen, war von 1946 bis 1967 ein hermetisch abgeriegeltes und geheimes Förder- und Aufbereitungsgebiet der sowjetischen Atomindustrie. Heute jedoch liegt das Tal im unabhängig gewordenen Ländchen Kirgistan.

Und so ist Maili Suu ein Symbol dafür, welche enormen Probleme die Nachfolgestaaten der Sowjetunion mit ihrem atomaren Erbe haben. Die Gefahren dieser Hinterlassenschaft für Mensch und Umwelt sind offensichtlich. Aber seit dem 11. September 2001 ist noch eine andere Sorge in den Vordergrund gerückt. Dass radioaktive Stoffe in die Hände von Terroristen geraten, und diese damit eine so genannte "dreckige Bombe" bauen könnten.

Gefahrenzone Zentralasien

Auch hier gilt Zentralasien mit seiner nach der Unabhängigkeit fast gänzlich zusammengebrochenen Industrieproduktion und seiner schwachen Verwaltung als Hauptgefahrenzone. Die Internationale Atomenergiebehörde in Wien (IAEA) hat seit 1993 mehr als 400 Fälle illegalen Handels von radioaktivem Material dokumentiert, 280 davon in der ehemaligen Sowjetunion. Und vor allem zwei Vorfälle der vergangenen Monate zeigen, wie einfach es dort ist, an diese Stoffe heranzukommen. Zu Jahresbeginn stahl eine Handvoll Männer fast eine halbe Tonne Europiumoxid aus einem Chemiebetrieb im kirgisischen Orlowka. Europiumoxid wird zur Herstellung optischen Glases verwendet oder um den Spaltungsprozess in einem Reaktor zu stoppen. Es ist selbst nicht radioaktiv. Die Diebe waren nur mit Knüppeln bewaffnet und verschwanden mit den 23 entwendeten Metallkisten, ohne die geringste Spur zu hinterlassen.

Mitte April wurden in einer zerstörten Chemiefabrik in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny 17 Container hochradioaktiven Materials gefunden. Ein paar Jugendliche aus einem nahe gelegenen Dorf hatten einen Container mit nach Hause genommen. Zwei von ihnen starben kurz darauf an der Strahlenvergiftung.

Zwar haben Terroristen bisher noch keine dreckige Bombe eingesetzt, und viele Experten glauben, dass eine solche Bombe nicht viele Menschenleben kosten würde. Aber die Tatsache, dass radioaktive Stoffe so leicht erhältlich sind und man für den Bau der Bombe nicht viel technisches Know-how braucht, macht Angst. Forscher gehen davon aus, dass im Fall der Explosion einer dreckigen Bombe mehr Menschen aus Angst an einem Herzinfarkt sterben würden als an der unmittelbaren Strahlendosis. Der Umkreis, in dem eine solche Bombe eingesetzt wird, bleibt für Monate oder gar Jahre unbewohnbar.

Anfang der neunziger Jahre haben Rebellen in Tschetschenien angedroht, eine dreckige Bombe einzusetzen. Offenbar um zu zeigen, dass sie dazu in der Lage waren, hinterließen sie 1996 eine Mischung aus Dynamit und hochradioaktivem Cäsium 137 im Moskauer Ismailowo Park. Und gestützt auf Aussagen von inhaftierten El Kaida-Leuten und Skizzen aus Ausbildungslagern in Afghanistan geht die US-Regierung davon aus, dass auch diese Terrororganisation in der Lage ist, eine dreckige Bombe zu bauen.

A-Bombe im El Kaida-Besitz?

Der Fall von Jose Padilla, der im Juni 2002 in den USA Schlagzeilen machte, zeigte jedoch, dass man mit der Furcht vor einer solchen Bombe auch sehr gut Politik machen kann. Sofort nach der Bekanntgabe von Padillas Festnahme flimmerten Atompilze über die US-Bildschirme. Es zeigte sich allerdings schnell, dass die Behörden wenig gegen Padilla in der Hand hatten. In Afghanistan machte der in Puerto Rico geborene 32-Jährige El Kaida angeblich den Vorschlag, eine dreckige Bombe in den USA detonieren zu lasse. Seitdem wurde er jedoch vom US-Geheimdienst überwacht, und als er im Mai 2002 zurück in die USA flog, festgenommen. Das wurde erst einen Monat später bekannt, weil die Behörden ihn aus Mangel an Beweisen nicht vor einem Strafgericht anklagen, sondern ihn zum "feindlichen Kombattanten" erklären mussten. FBI-Direktor Robert Mueller musste einräumen, dass Padillas Pläne noch "im Diskussionsstadium" waren. Weder war er im Besitz von radioaktivem Material noch wusste er offenbar, woher er es bekommen sollte.

Markt für radioaktive Stoffe

Im März veranstalteten die USA und Russland in Wien die erste internationale Konferenz zu diesem Thema. Dort gaben beide Länder bekannt, dass sie zur Zeit dreckige Bomben in der Wüste Nevadas bzw. im Ural testen, um das Verbreitungsmuster der Strahlung zu studieren. Auch IAEA-Chef Mohamed El Baradai warnt vor den Risiken: "Unsere Datensammlung der Fälle, in denen geschmuggelt wurde, zeigt, dass es einen Markt für radioaktive Stoffe gibt und Bemühungen, sie zu bekommen."

Im Fall von Maili Suu jedoch sind die Risiken für die Umwelt größer als die einer dreckigen Bombe. Ein Erdrutsch könnte das enge Tal versperren und einen Damm bilden, an dem sich der Fluss aufstaut. Dann würde das Wasser die Abfall-Depots fluten. Der Schlamm und das Gestein in den Depots sind nur teilweise mit einer Betonschicht bedeckt. Insgesamt lagern in Maili Suu fast zwei Millionen Tonnen Abfälle aus der Uranaufbereitung und knapp eine Million Kubikmeter schwachradioaktiven Gesteins. Früher oder später müsste die kirgisische Regierung den radioaktiv verstrahlten Stausee in die Tiefe entlassen, oder der bahnte sich irgendwann selbst seinen Weg.

Dann würde das verseuchte Wasser in den Syr Darja geraten, der durch den dicht besiedelten Teil des usbekischen FerghanaTales fließt und in Kasachstan den Aralsee speist. Das Gebrauchs- und Trinkwasser von Millionen von Menschen wäre damit in Gefahr. Die kirgisische Regierung zeichnet das Katastrophenszenario so drastisch wie möglich. Aber die Gefahr scheint real.

Vor der Umweltkatastrophe

Seit 1990 gab es im Frühling, wenn es regnet und der Schnee schmilzt, jedes Jahr mindestens einen größeren Erdrutsch. Die Regierung warnt vor der Gefahr, um die Geberländer davon zu überzeugen, die Aufräumarbeiten zu bezahlen. "Kirgistan ist allein nicht in der Lage, damit fertig zu werden", sagt Anarkul Ajtalijew, der zuständige Abteilungsleiter im Umweltministerium. "Alle Lager befinden sich im Havariezustand. Es ist doch besser, jetzt 20 Millionen Dollar aufzubringen als ein paar Milliarden, wenn die Katastrophe passiert ist." Sein Minister Satuwaldi Khurmaschew nannte auf einer Expertenkonferenz zu dem Thema im April in Bischkek die Summe von 200 Millionen Dollar, die nötig sei, um die Uran-Lagerstätten des Landes langfristig zu sichern. Die Weltbank hat inzwischen fünf Millionen Dollar zugesagt, andere zeigen auch Bereitschaft.

Aber die kirgisischen Behörden selbst müssen sich Versäumnisse wegen mangelnder Aufklärungsarbeit vorwerfen lassen. Von Radon-Gas hat Rasulbek Kudscherbajew, der Mann, der auf Halde Nr. 7 lebt, noch nie gehört. Bei ihm im Haus haben amerikanische Wissenschaftler eine um das 15-fache über dem Grenzwert liegende Konzentration dieses Gases gemessen. Das farb- und geruchlose Zerfallsprodukt von Uran gilt nach dem Rauchen als wichtigster Auslöser für Lungenkrebs. Und dass der Umweltministeriums-Mitarbeiter, der den Journalisten in Maili Suu herumführt, mit dem Geigerzähler fünf Minuten zuvor am Fuß der Halde eine 20-fach über dem kirgisischen Grenzwert liegende Gammastrahlung gemessen hat, hat er Kudscherbajew erst gar nicht erzählt.

Der Autor ist Korrespondent für Zentralasien.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau