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Droht eine Verengung der Kirche?

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Eine Kirche, die sich allein auf Frömmigkeit konzentriert, droht in die Geisteshaltung des Antimodernismus zurückzufallen.

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Eine Kirche, die sich allein auf Frömmigkeit konzentriert, droht in die Geisteshaltung des Antimodernismus zurückzufallen.

Die Entlassung von Helmut Schüller war als kircheninterne Maßnahme gemeint, aber sie ist inzwischen ein Politikum geworden. Die größte Zeitung des Landes hat die Botschaft verkündet: Schüller mußte gehen, weil er es gewagt hat, Bischof Krenn zu kritisieren, vor allem aber, weil er in seiner Zeit als Caritasdirektor für eine humanere Ausländerpolitik eingetreten ist. Wenn sich diese Meinung durchsetzt, wäre das nicht weniger als eine Katastrophe. Die Schlußfolgerung wäre, die Kirche in Österreich hätte sich von einem der zentralsten Werte des Christentums verabschiedet, nämlich dem Engagement für die Schwachen.

Hier ein paar Zitate aus nicht gezeichneten Leserbriefen und redaktionellen Beiträgen der "Kronenzeitung": "dieser Schüller" hat die Regierung wegen ihrer Ausländerpolitik kritisiert und die Abberufung von Bischof Krenn gefordert. Nun hat "Rom" Schüllers Abberufung verlangt - "Das mußte sein". Schüllers Nachfolger als Caritas-Präsident, Franz Küberl, bekommt auch gleich sein Fett ab. Schüller steht für eine "linke Politik", er ist die "Speerspitze gegen die Haider-FPÖ". Und der Hausdichter Wolf Martin reimt: "sehr gut, daß sich die Kirche trennt / von manchem Zeitgeist-Element / ... und meinetwegen sanft entschlafe / der Dialog der linken Schafe". Fürderhin sollten die Katholiken "auf Schönborn und Krenn" hören.

Kardinal Schönborn hat öffentlich mehrmals erklärt, seine Entscheidung sei nicht auf Druck von außen erfolgt. Er wird damit indirekt bezichtigt, Klerus und Volk dreist angelogen zu haben. Trotzdem ist er in dem mächtigen Blatt, das viele das heimliche Zentralorgan der Republik nennen, jetzt persona gratissima. Und er steht nun auch in der öffentlichen Meinung in einer Front mit jenem Bischof Krenn, der noch vor kurzem alles getan hat, um dem Erzbischof zu schaden und ihn zu demütigen.

Man ist versucht, zu sagen: selber schuld. Kardinal Schönborn ist kein Reaktionär, sondern ein anständiger Konservativer, aber er ist ein zutiefst unpolitischer Mensch. Man darf ihm glauben, daß ihm nicht Schüllers Caritas-Aktivitäten ein Dorn im Augen waren (Caritas ist die "Weltanschauung Gottes", sagte einst Schüllers Vorgänger, der legendäre Prälat Leopold Ungar). Dem Erzbischof geht es, wie er versichert, um mehr spirituelle Vertiefung, mehr Glaubenssubstanz, mehr Frömmigkeit. Er hat seinem Generalvikar nie unterstellt, nur ein seelenloser Manager zu sein, aber er mißtraut offensichtlich dessen Aktivitäten in Richtung Strukturreformen. Im Konzept einer offenen Volkskirche, wie sie Schüller vorzuschweben scheint, dürfte Schönborn die Gefahr von Verflachung und Beliebigkeit sehen, dem er die Vision einer "bekennenden Kirche" vorzieht, mit den movimenti als Kerntruppe.

So weit, so verständlich und so legitim. Nur: eine Kirche, die sich allein auf persönliche Frömmigkeit konzentriert, den "Zeitgeist" (bei Schönborn ein ganz und gar negativ besetzter Begriff) ablehnt, den Dialog mit der Welt und die politische Dimension des Christentums negiert, läuft Gefahr, in die Geisteshaltung des Antimodernismus zurückzufallen, die sich in früheren Zeiten verhängnisvoll für die Kirche ausgewirkt hat.

Friedrich Heer hat 1969 über diese Art von Privat-Frömmigkeit folgendes geschrieben: "Diese Ich-Frömmigkeit hat erlauchte tausendjährige Wurzeln, kann sich auf sehr große Traditionen berufen. In unserem 20. Jahrhundert bedeutet sie jedoch unter anderem dies: eine permanente Flucht aus der Gegenwart, den Exodus aus der Moderne, den Abscheu vor der Aufklärung, vor dem Engagement für die Gesellschaft ... Mit dieser psychischen Fixierung hängt ein Phänomen von außerordentlicher Tragweite zusammen: die Bindung katholischer Kirchenvölker an autoritäre Systeme." In der Nazizeit ist vielen frommen Katholiken nichts Böses aufgefallen, weil die Nazis doch auch gegen die Abtreibung und für die Familie und gegen die gottlosen Linken und die zügellose moderne Kunst waren.

Helmut Schüller steht für das gesellschaftliche Engagement der Christen. Das ist in den Augen mancher ein verwerfliches Zugeständnis an den Zeitgeist. Aber was ist Zeitgeist? Freizügige Sexualität, Feminismus, Demokratie, Kritik an Autoritäten? Oder auch Ausländerfeindlichkeit und Abschottung, wie sie von einflußreichen Kräften propagiert wird? Sollen Christen nur dem ersten Widerstand entgegensetzen oder auch dem letzteren? Nach der unglückseligen Entscheidung, Schüller zu entlassen, wird Kardinal Schönborn sehr genau aufpassen müssen, daß er und die Kirche von Wien nicht vom Zeitgeist a la Wolf Martin vereinnahmt werden. Dort gehört er nicht hin und die Kirche schon gar nicht.

Die Autorin ist freie Journalistin.

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