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Durch Schadstoffe belastet

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Sorge wegen BSE: Nur eine der zahlreichen umweltbedingten Gesundheitsgefährdungen.

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Sorge wegen BSE: Nur eine der zahlreichen umweltbedingten Gesundheitsgefährdungen.

Nach wie vor bewegt BSE die Gemüter. Die Landwirtschaft gerät unter Druck, ihre Produktionsweise zu ändern. Sogar in Frankreich will man die Bemühungen um eine umweltfreundlichere Landwirtschaft forcieren und von dem mickrigen einen Prozent Bio-Landwirtschaftsfläche im Land wegkommen.

Bei der BSE-Krise geht es aber um viel mehr als nur um eine haltungsgerechtere und umweltfreundlichere Landwirtschaft. Mit dem Verzicht auf Rindermehl und Hormone wird sich zwar die Qualität des Fleisches verbessern, aber die Belastung des menschlichen Organismus durch gesundheitsschädliche Stoffe würde fortdauern.

Tatsächlich sind wir heute einer vielfältigen Grundbelastung durch unterschiedlichste Stoffe ausgesetzt. Die Zuordnung der Wirkungen ist im einzelnen gar nicht so leicht. Relativ einfach ist das, wenn gesundheitsschädliche Folgen augenscheinlich sind, wie etwa beim Unfall in Seveso, bei der Häufung kindlicher Missbildungen nach Einnahme von Contergan oder bei oft auftretenden Krankheitsfällen an bestimmten Arbeitsplätzen.

Aus ihren Erfahrungen mit berufsspezifischen Erkrankungen leitete die Arbeitsmedizin Grenzwerte zumutbarer Belastung für eine ganze Reihe von Stoffen ab. Es zeigte sich aber, dass diese Grenzwerte sich nicht als Maßstab für eine zulässige Umweltbelastung eigneten. Die arbeitsmedizinischen Grenzwerten waren zu hoch.

Die für die Umweltverträglichkeit relevante Frage, so erläutert Klaus Rhomberg in einer "Umweltmedizinischen Expertise zur gesamttoxischen Exposition in Industrieländern" lautet nämlich: "Welches sind die am leichtesten irritierbaren Körperfunktionen, die schon bei einer Niedrigdosisbelastung Effekt zeigen können?"

Die Untersuchung der Auswirkungen von Bleibelastung - es wirkt toxisch auf das Nervensystem - machten klar, dass der für die Umwelt zulässige Wert zehnmal kleiner zu sein hatte, wie der am Arbeitsplatz tolerierbare. Die Nerven Erwachsener halten eben mehr aus, als beispielsweise das sich entwickelnde Nervensystem von Kindern.

Immunsystem bedroht Man gelangte zu der Erkenntnis, dass vor allem die komplexen Körperfunktionen des Menschen leicht irritierbar sind: Die Entwicklung des Kindes im Mutterleib, die Entwicklung des Nervensystems, das Immunsystem und das System der Fortpflanzung sind besonders gefährdet.

Dazu Rhomberg: "Vor allem bei Kindern hat sich die Häufigkeit jener Krankheiten erhöht, die mit Umweltbelastungen in Beziehung gebracht werden. ... Den Daten des amerikanischen Krebsüberwachungsprogrammes ist zu entnehmen, dass akute lymphatische Leukämien in den Jahren von 1973 bis 1990 um 27 Prozent angestiegen sind. Von 1973 bis 1994 ist die Inzidenz von Gehirntumoren im Kindesalter um 40 Prozent gestiegen ... Bei jungen Männern im Alter von 20 bis 39 stieg die Inzidenz des Hodenkrebses im gleichen Zeitraum um 68 Prozent."

Stark steigend auch die Unfruchtbarkeit, insbesondere in Ballungsräumen. "In einer Studie nahm die Unfruchtbarkeitsrate von Frauen zwischen 20 und 24 Jahren innerhalb von 17 Jahren von vier auf elf Prozent zu. Bei gesunden Männern wird seit 50 Jahren ein Rückgang der Spermakonzentration, der Motilität und des Prozentsatzes der morphologisch intakten Spermatozoen beobachtet."

Da ist es schwierig, eine eindeutige Zuordnungen von einer Ursache zu einer bestimmten Wirkung zu treffen. Die Liste der gefährlichen Stoffe ist nämlich lang. In einer im Auftrag der EU durchgeführten Studie werden rund 150 Stoffe genannt, denen man eine Wirkung auf die Funktion des Hormonsystems zuordnet. Zu ihnen gehören eine Reihe von Holz- und Pflanzenschutzmitteln (etwa Lindan oder Atrazin), von Industriechemikalien (etwa chemische Weichmacher in Kunststoffen oder Abbauprodukte von Waschmitteln), die in Kläranlagen nicht oder nicht ausreichend abgebaut werden. Zu nennen sind auch hormonell wirksame Ausscheidungen. Eine 1995 in Wien durchgeführte Untersuchung des Abwassers registrierte beachtliche 25 Picogramm Ethinylöstradiol (das Östrogen der "Pille") pro Milliliter - ein hoher Wert, wenn man ihn mit dem Östrogen-Hormonspiegel der Frau vergleicht. Dieser liegt zwischen 50 und 200 Picogramm.

Dazu das Umweltbundesamt in Wien: "Die aquatische Umwelt ist nach dem derzeitigen Wissensstand besonders gefährdet. Schon bei geringsten Konzentrationen von Xeno-Östrogenen kann es zu Verweiblichungserscheinungen bei Fischen und anderen aquatischen Organismen kommen. ... Neben den aquatischen Organismen sind vor allem jene Lebewesen gegenüber den Wirkungen von Xeno-Hormonen exponiert, die am Ende von Nahrungsketten stehen, also auch der Mensch." Derzeit läuft ein Projekt, das die Kontamination mit Xeno-Östrogenen in Österreich erheben und Problemlösungen erarbeiten soll, die "Austrian Research Cooperation on Endocrine Modulators" (ARCEM).

Gift wird gespeichert Zwei Eigenschaften all der Stoffe sind es, die für die Gefährdung maßgebend sind: ihre Fettlöslichkeit und ihre Beständigkeit. Sie bewirken, dass schon geringe Belastungen von Luft und Wasser im Fettgewebe der Lebewesen angereichert und über die Nahrungskette weitergereicht werden. So kommt es beispielsweise bei Dioxinen und Furanen zu einer im Vergleich zur Luftbelastung 400fachen Anreicherung beim Menschen.

Dazu Rhomberg: "Im letzten Jahrzehnt verdichtete sich die Richtigkeit der umweltmedizinischen Arbeitshypothese, dass die in den Körper aufgenommenen Schadstoffe die Informationsabläufe auf biomolekularer Ebene stören und dadurch gerade jene Körperfunktionen am ehesten irritieren können, die den höchsten Bedarf an stimmiger Informationsübertragung haben. Dies sind das Zentralnervensystem, das Immunsystem, die Fortpflanzungsfähigkeit und die Entwicklung des Kindes im Mutterleib. Manche dieser Mechanismen sind toxikologisch abgeklärt, wie etwa die Blockade der Enzyme durch Schwermetalle oder die Irritation der Rezeptoren an der Zelloberfläche durch hormonwirksame Substanzen. Andere Wirkmechanismen sind noch völlig unbekannt."

Zeitbomben Daher ist Vorsicht geboten, damit nicht in vielen Bereichen ähnliches geschieht, wir wir es jetzt mit BSE erleben: Dass die Nebenwirkungen wirtschaftlich rentablen Handelns uns vor kaum lösbare Probleme stellen. So ist es an der Zeit, die bisher geübte Praxis, relativ sorglos eine Unmenge von zwar nützlichen, aber in ihrer langfristigen Wirkung undurchschauten Stoffen freizusetzen, in Frage zu stellen. Und dies umso mehr, als das 1992 von der IIASA in Laxenburg erstellte Projekt "Chemical Time Bombs" darauf hinweist, Chemikalien könnten sogar für Jahrzehnte relativ sicher im Boden gespeichert werden, scheinbar problemlos. Kaum werde aber eine Schwelle der Saturierung überschritten, könne es zu plötzlicher dramatischer Freisetzung kommen.

Nun ist zu bedenken, dass im Zuge der Industrialisierung rund 100.000 chemische Verbindungen auf die Umwelt losgelassen wurden - ein gewaltiges Experiment mit unserem Lebensraum und den in ihm lebenden Organismen. Weil diese nun die Belastung zunehmend schlecht verkraften, ist es Zeit für einen allgemeinen Kurswechsel und für eine Änderung im Umgang mit Chemikalien. In Zukunft sollte man einfach die Beweislast umkehren: Stoffe wären nicht erst dann aus dem Verkehr zu ziehen, wenn ihre Schädlichkeit eindeutig belegt ist. Vielmehr müßte man die Unschädlichkeit neuer chemischer Verbindungen nachweisen - so gut das eben geht.

Ein erfreulicher Schritt in diese Richtung wurde im Dezember 2000 in Johannesburg gesetzt. Dort einigte sich die internationale Staatengemeinschaft darauf, die Produktion und Verwendung zwölf "persistenter, organischer Schadstoffen" (POPs, zu denen Aldrin, DDT, Dieldrin, Heptachlor, PCBs gehören) drastisch einzuschränken oder ganz einzustellen. Es ist zu hoffen, dass diese Vereinbarung bald von 50 Staaten ratifiziert wird und somit in Kraft tritt. Ab dann müssen nämlich neue Chemikalien in einem entsprechenden Registrierungsverfahren nachweisen, dass sie keine Eigenschaften von POPs aufweisen.

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