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Durch Wissen zum Glauben …

… und nicht umgekehrt: Eine jüdische Antwort auf Benedikts XVI./Joseph Ratzingers Buch "Jesus von Nazareth".

Es ist erstaunlich. Von jüdischer Seite scheint es kaum eine Beschäftigung mit dem Jesus-Buch Benedikts XVI. gegeben zu haben. Weil ich so gar nichts fand, befragte ich meinen Kollegen Rabbiner Michael A. Signer, Professor an der katholischen Notre Dame University Indiana, USA, einen der Initiatoren der jüdischen Stellungnahme zu Christen und Christentum, "Dabru Emet", aus dem Jahr 2002. Auch er wusste von keinen nennenswerten jüdischen Stellungnahmen zum Jesus-Buch des Papstes, außer der Jacob J. Neusners, von der noch die Rede sein wird. Da Josef Ratzinger ins Zentrum seines Buches ein Andachtsbild von Jesus als dem "Christus" gestellt hat, das gerade über die Lücken hinwegführen soll, die die historisch-kritische Forschung klaffend geöffnet hatte, habe es wohl wenig ernsthaftes Interesse von jüdischen Wissenschaftlern gegeben.

In der Tat ist Joseph Ratzinger der historische Jesus zu mager geworden, den die Wissenschaft der letzten zwei Jahrhunderte übriggelassen hat: "Der Riss zwischen dem, historischen Jesus' und dem, Christus des Glaubens' wurde immer tiefer, beides brach zusehends auseinander … Die Fortschritte der historisch-kritischen Forschung führten zu immer weiter verfeinerten Unterscheidungen zwischen Traditionsschichten, hinter denen die Gestalt Jesu, auf den sich doch der Glaube bezieht, immer undeutlicher wurde, immer mehr an Kontur verlor …" Kardinal Christoph Schönborn hob bereits bei der Buchpräsentation in Rom hervor, dass es Jacob J. Neusner gewesen war, der den Pontifex zu seinem neuen Werk angeregt habe, durch sein Buch "Ein Rabbi spricht mit Jesus".

Keine "Anmaßung" mehr

Man muss Joseph Ratzinger zugutehalten, dass er seiner Glaubenshaltung überhaupt eine jüdische Position gegenüberstellt. Denn von christlicher Seite wurden Beiträge der jüdischen Jesusforschung zumeist nicht als heilsame Infragestellung der eigenen Position oder gar vielleicht als Gesprächsangebot empfunden, sondern als Anmaßung. Seit Abraham Geiger in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat sich eine Reihe jüdischer Denker mit Jesus beschäftigt: Joseph Klausner, Leo Baeck, Claude G. Montefiore, Robert Eisler, Joel Carmichael, Martin Buber, Schalom Ben-Chorin, Hans-Joachim Schoeps, Pinchas Lapide, David Flusser, Ben Zion Bokser, Robert Raphael Geis, Samuel Sandmel, Hyam Maccoby, Ernst Ludwig Ehrlich, Michael Wyschogrod - und eben Jacob J. Neusner.

Dies sind nicht einmal alle Namen derjenigen, die man hätte aufführen können, wenn man die neuzeitliche Beschäftigung des Judentums mit Jesus hätte darstellen wollen. Leider bleibt Jacob Neusner der einzige jüdische Sparringpartner, der immer wieder in Joseph Ratzingers Werk auftaucht. Interessant ist Joseph Ratzingers Anknüpfungspunkt bei Neusner dennoch. Denn er zeigt, dass die jüdische Beschäftigung mit Jesus auch Christen motivieren kann, über diesen bedeutenden Juden nachzudenken, und sich daran zu erinnern, dass seine jüdische Herkunft kein kultureller Zufall gewesen sein könnte, sondern ein Teil der christlichen Heilsgeschichte.

Heimholung ins Judentum

Seit dem 19. Jahrhundert war eine breite geistige Auseinandersetzung um die "Heimholung Jesu" in das Judentum zu beobachten: als exemplarischen Juden, als mahnenden Propheten, als Revolutionär und Freiheitskämpfer, als Großen Bruder und messianischen Zionisten. Den Anstoß dafür gaben Julius Wellhausen und die historisch-kritische Bibelwissenschaft. Wellhausen hat den Satz formuliert, an dem Christen wie Juden sich in der Folge abgearbeitet haben: Jesus war kein Christ, sondern Jude. Für jüdische Ohren des 19. Jahrhunderts ein ganz erstaunlicher Satz. Er traf auf eine Gemeinschaft, die im Zuge der Aufklärung nach bürgerlicher Gleichstellung strebte und sich dabei durch die Idee vom "christlichen Staat" behindert sah. So wird schnell klar, dass diese jüdische Beschäftigung mit der zentralen Figur des Neuen Testaments nicht grundsätzlicher Natur gewesen ist. Sie erfolgte aus einem apologetischen Impuls: dem Wunsch nach Teilhabe an der allgemeinen Gesellschaft ohne Aufgabe der eigenen jüdischen Identität. Wie gut also, dass selbst Jesus Jude war.

Joseph Ratzinger selbst sagt an einer Stelle alles, was ein Jude über Jesus sagen könnte: "dass wir jedenfalls wenig Sicheres über Jesus wissen und dass der Glaube an seine Gottheit erst nachträglich sein Bild geformt" hat. "Dieser Eindruck ist inzwischen weit ins allgemeine Bewusstsein der Christenheit gedrungen", warnt der Papst. Dies sei "dramatisch für den Glauben, weil sein eigentlicher Bezugspunkt unsicher wird".

"Was aber kann der Glaube an Jesus den Christus, an Jesus den Sohn des lebendigen Gottes bedeuten, wenn eben der Mensch Jesus so ganz anders war, als ihn die Evangelisten darstellen und als ihn die Kirche von den Evangelien her verkündigt?" fragt sich Joseph Ratzinger. - Ja, was? Der Papst will deutlich machen, dass solche Jesus-Bilder lediglich "Fotografien" der jeweiligen Autoren waren, aber keine Freilegung des historischen Jesus der Bibel. Seine Antwort ist klar: Wenn Gott in die reale Geschichte tritt, "incarnatus est", muss sich dieser Glaube auch der historischen Forschung aussetzen, schlussfolgert Joseph Ratzinger. Damit würdigt Joseph Ratzinger zwar die Ergebnisse der modernen Exegese, er bezweifelt aber schon seit Jahrzehnten deren Reichweite. Die historisch-kritische Forschung könne den Glauben, dass Jesus als Mensch Gott war, nicht erfassen.

"Historische Vernunft"?

Gerade die analoge Wirkung der jüdischen und christlichen Leben-Jesu-Forschung dürfte ein tieferer Grund dafür sein, dass es manche Methode der Exegese künftig schwieriger haben wird im Vatikan - auch wenn Joseph Ratzinger sein Buch nicht als lehramtlichen Akt verstanden wissen will. Denn Joseph Ratzinger geht es darum, den Prozess der Schriftwerdung "von Jesus Christus her" zu betrachten. Seine Position im Verhältnis von Altem zu Neuem Testament ist kategorisch die des Glaubens a priori.

Problematisch ist für Juden das Postulat Joseph Ratzingers, dieser Glaubensentscheid trage gar "historische Vernunft" in sich. In seiner Enzyklika "Spe Salvi" vom 30. November 2007 formuliert Joseph Ratzinger diese Verschränkung von Glaube und Vernunft als zentralen Gedanken: "Darum braucht die Vernunft den Glauben, um ganz zu sich selbst zu kommen: Vernunft und Glaube brauchen sich gegenseitig, um ihr wahres Wesen und ihre Sendung zu erfüllen."

Kontrapunkt zu Plato

Die jüdische Herangehensweise setzt hier einen deutlichen Kontrapunkt zu der platonischen Herangehensweise Joseph Ratzingers, der eine Relecture der Hebräischen Bibel unter den Voraussetzungen des christlichen Glaubens als "historische Vernunft" bezeichnet sehen will. So konstatierte gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Rabbinerverband Deutschlands, eine Vereinigung nicht-orthodoxer Rabbiner: Solange Christen "an der Überlieferung der Inkarnation, der erlösenden Macht Jesu und an der Verwerfung des Gesetzes als grundlegendem geistigem und ethischem Prinzip festhalten, … wird das Christentum nicht frei sein von Elementen, die den Ansprüchen der Vernunft zuwiderlaufen, … und es ist unsere Aufgabe, aus dem Reichtum des reinen Monotheismus - und damit aus dem Reichtum reinster Sittlichkeit - etwas beizutragen zur menschlichen Kultur im allgemeinen und zu unserer deutschen Kultur im besonderen."

Aus jüdischer Perspektive ist deshalb Joseph Ratzingers Vernunftbegriff trügerisch, weil er den Glauben voraussetzt. Wenn aber das Christentum irgendeinen bedeutsamen Anspruch auf die Wahrheit erheben will, dann muss es sich seit der Aufklärung denselben Verfahren der Prüfung und Verifikation unterwerfen, wie sie in den profanen Wissenschaften angewandt werden.

Abraham Geigers Motto

Rabbiner Abraham Geiger hat das jüdische Verständnis von Vernunft gut zusammengefasst. Auf einem Bildnis aus seinen Breslauer Jahren als Rabbiner an der dortigen Storchen-Synagoge, das nach 1840 entstanden sein dürfte, finden wir sein Motto: "Durch Erforschung des Einzelnen zur Erkenntnis des Allgemeinen, durch Kenntnis der Vergangenheit zum Verständnis der Gegenwart, durch Wissen zum Glauben."

Joseph Ratzingers Jesus-Buch scheint nahelegen zu wollen, man müsse genau umgekehrt vorgehen.

Der Autor ist Rektor des Abraham Geiger Kollegs an der Universität Potsdam sowie Mitglied des Gesprächskreises Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

Gekürzter Vorabdruck des Beitrags von Walter Homolka in:

Das Jesusbuch des Papstes

Die Debatte

Hg. Ulrich Ruh, Verlag Herder, Freiburg 2008. 192 Seiten, kt., € 10,20

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