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Edelweinbeißer und Prolos

Was ist es, das Tag für Tag, Abend für Abend, österreichweit hektoliterweise durch österreichische Kehlen in die Mägen rinnt und in die Köpfe steigt? Wir reden nicht vom Bier, nicht von den stärkeren Alkoholika, schon gar nicht von Milch, Fruchtsaft, Limonaden & Co. Bliebe nur noch der Wein, sollte man meinen. Um Wein kann es sich aber nicht handeln. Keinesfalls. Denn was da Tag für Tag, Abend für Abend hektoliterweise durch die Kehlen rinnt, kostet nur zum kleinsten Teil von einem Hunderter aufwärts die Flasche. Unter 80 Schilling pro Flasche, doch das ist schon die aller-aller-unterste Preisgrenze bei Nachsicht aller Taxen, kann man aber keinesfalls mehr von Wein reden. Dies entnehme ich jedenfalls den Kolumnen jener weinverständigen Kollegen, die in Österreichs Printmedien regelmäßig zur Sache, das heißt über Wein, schreiben.

Ich will mich keinesfalls abschätzig über sie äußern. Ich wüsste bloß gerne, was all die Menschen, die ihre im Supermarkt erworbenen Flaschen in dem Wahn heimtragen, es handle sich um Wein, obwohl sie weniger als 80 Schilling pro Flasche dafür ausgegeben haben, eigentlich trinken.

Nun muss ich natürlich zugeben, dass die kulinarischen Edelfedern von den Magazinen für Edelweinbeißer schreiben und nicht für die Weinprolos, die ihre Kolumnen sowieso nicht lesen. Hoffentlich nicht. Sonst könnten die Weinprolos nämlich leicht den Eindruck gewinnen, dass ihnen die Edelfedern regelmäßig unter die Nase reiben, was sie sich alles nicht leisten können. Dass sie sich nichts von dem leisten können, was den Menschen ausmacht, den Menschen als Weinnase und gehobenen Genießer. Sie könnten sich vorgeführt fühlen.

Tatsächlich kann sich ja der Großteil der Bevölkerung mit seinen Löhnen und Gehältern nichts von dem leisten, was von einer Edelfeder für der Beachtung wert befunden wird. Jedenfalls nicht regelmäßig. Denn die Edelfedern wetzen ja erst beim Dreifachen der genannten aller-aller-untersten Untergrenze die Geschmackspapillen. Genannte Untergrenze kam übrigens dadurch zustande, dass einer aus dem erlauchten Kreis nach einer Rundfahrt zu Wiener Supermärkten den einen oder anderen Achtzig-bis-hundert-Schilling-Wein offenbar zum größten eigenen Erstaunen für ohne ernsthafte gesundheitliche Folgen genießbar befand.

Leider ist das Problem unlösbar. Denn die Edelweinbeißer, welche die Kolumnen der gastronomischen Edelfedern lesen, müssen ja von jemandem bestätigt bekommen, dass sie etwas Besseres sind. Auch wenn mancher von ihnen noch vor kurzem selbst ein Weinprolo war. Nicht zuletzt dazu sind diese Kolumnen da. Irgendwie muss man schließlich feststellen können, ob man eine Dame oder ein Herr von feiner Lebensart ist. Und was unterscheidet nun einmal die Menschen von feiner Lebensart vom niederen Volk? Der Preis, den ihnen eine gute Flasche wert ist. Damit verkaufen die edlen Weinfedern dasselbe wie die feinen Autofedern, nämlich soziale Bestätigung. Eine Edelfeder, die ihren Lesern verriete, dass sie in einer 50-Schilling-Flasche tatsächlich Wein gefunden hat, wäre schnell weg vom Fenster. Heruntergestuft zur Prolo-Feder. Sie müsste sich schämen wie eine 30-Schilling-Flasche auf dem Tisch eines Edellesers.

Internet: www.austrian.wine.co.at/wine e-mail: info@weinmarketing.at

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