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Edith Stein: Unerbittliches Licht - ein Martyrium

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Die am 1. Mai 1987 seliggesprochene Edith Stein wurde vor 50 Jahren von den Nazis ermordet. Ihre Philosophie und ihre Mystik der Kreuzeswissenschaft weisen sie als eine der großen katholischen Denkerinnen aus.

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Die am 1. Mai 1987 seliggesprochene Edith Stein wurde vor 50 Jahren von den Nazis ermordet. Ihre Philosophie und ihre Mystik der Kreuzeswissenschaft weisen sie als eine der großen katholischen Denkerinnen aus.

Mit dem 50. Todestag Edith Steins am 9. August rufen wir ein Schicksal dieses 20. Jahrhunderts auf, im Guten wie im Bösen: ein ungewöhnliches Leben, das in seiner ersten Hälfte steil und selbstsicher nach oben strebt, „Karriere" macht, keine wirklichen Widerstände kennt. Sie ist schon kurz vor den 20er Jahren bekannt als Schülerin des bedeutenden Philosophen Edmund Husserl, bei dem sie 1916 summa cum laude promoviert hatte und dessen Assistentin sie wird - die erste deutsche (Privat)Assistentin in Philosophie! Edith Stein vertritt den Typus der selbstbewußten, intellektuellen Akademikerin, die zu den ersten Frauen in der Männderdomäne Philosophie gehörte und die, ihrer ausnehmenden Begabung gewiß, einen Lehrstuhl an der Universität anstrebte - was ihr mit vier (!) vergeblichen Habilitationsversuchen vereitelt wurde.

In dieser frühen Zeit bewegt sie sich mit Selbstverständlichkeit in akademischen Kreisen und setzt sich mit ihrem angeborenen psychologischen Scharfblick bei anderen in Achtung; Auch gibt es die „boshafte Edith Stein", wie sie selbst formuliert, die die Schwächen anderer gut und schnell in einer Pointe aufspießt. Dann erfährt das hochstrebende Leben einen Umschwung durch große Leiden. Darunter sind zwei unerfüllt gebliebene Beziehungen, die eine Antwort auf die Liebe der jungen Frau verweigern und sie auf die Suche nach einem tieferen Leben schicken. Am Ende einer mehrjährigen unschlüssigen Wanderung durch die christliche Literatur springt der Entschluß zur Taufe auf in einer „einzigen Nacht" mit Hilfe der Lebensbeschreibung Teresas von Avila.

Edith Stein wird Lehrerin in St. Magdalena in Speyer (1923-31) und für ein Jahr Dozentin am Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik in Münster, bis die Ariergesetze 1933 sie dieser Möglichkeit berauben, schließlich 1933-1938 Karmelitin in Köln und ab 1939 in Echt/ Holland, wo sie am 2. August 1942 - nach einem holländischen Hirtenbrief gegen die Judenverfolgung - von der Gestapo abgeholt und wahrscheinlich am 9. August 1942 zusammen mit ihrer Schwester Rosa in Auschwitz getötet und spurenlos verbrannt wird.

In dieser zweiten Hälfte beugt sich ihr Leben nach unten und innen, bis sie ganz ins Unauffällige zurückgeht, schließlich in einem Grauen verschwindet. Ihr Ende hängt schon mit ihrem Anfang zusammen: Sie wird am 12. Oktober 1891, dem Versöhnungstag, in Breslau als elftes und letztes Kind einer jüdischen Familie geboren. Freilich pflegt nur noch die Mutter die herkömmliche Glaubenstradition; die Geschwister wie der Freundeskreis sind bereits längst der liberalen Atmosphäre der Zeit verpflichtet, und auch die „kluge Edith" betrachtet sich ab dreizehn Jahren als „Atheistin", die den oberflächlichen Kinderglauben leichtherzig abwirft.Die Atheistin wird später Christin, und als Christin noch einmal, ja zum erstenmal Jüdin, indem sie nun erst die alttestamentliche Wurzel des Christentums entdeckt und sich zu eigen macht. Der Ausdruck „Judenchristin" hat seit Edith Stein ein neues Gewicht, das er eigentlich nur in den ersten christlichen Jahrhunderten besessen hatte. Ein reich begabtes und tief gedemütigtes Leben also - Nachfolge Jesu durch eine Philosophin, Karmelitin, Märtyrerin „für die Kirche und den Karmel, ihr jüdisches Volk und Deutschland, und alle, die Gott mir gegeben", wie sie es in einem Akt der Hingabe formuliert.

Die Kontur Edith Steins zeigt verschiedene Spannungen, die anderswo zum bloßen Gegensatz auseinandergefallen wären. Judentum und Christentum, Wissenschaft und Religiosität, Intellekt und Hingabe, anspruchsvolles Denken und Demut. Von der stolzen und selbstbewußten, auch selbstkritischen jungen Doktorin bis zu der „Braut des Lammes", mit einem rätselhaft schmerzlichen und tief verinnerlichten Gesichtsausdruck, wie , er von der Photographie ihrer Einkleidung her bekannt ist, führt ein langer Weg.

Edith Steins Denken und Leistung verstehen, heißt, ihre Schulung bei Edmund Husserl zu verstehen. Husserl (1859-1938) gehört zu den ganz großen Namen deutschsprachiger Philosophie, hatte aber die Gottesfrage nicht wissenschaftlich berühren können. Sie war nach der scharfen Religionskritik des 19. Jahrhunderts ein Tabu, obwohl er sich persönlich, als ein lauterer Mensch, der er war, besonders in seinen letzten Jahren tief in das Neue Testament eingelesen hatte. Edith Stein unternimmt es, angespornt von ihrer Erfahrung und geschult in der damals strengsten philosophischen Werkstatt, das Thema Gott denkerisch zurückzugewinnen. Und zwar nicht naiv „voraufklärerisch", sondern selbst durch den Atheismus und seinen „Feuerbach" durchgegangen.

In ihrem Hauptwerk „Endliches und ewiges Sein" (1936) will sie in durchgängig rationaler Gedankenführung von Welt und Mensch (dem endlichen Sein) auf Gott (das ewige Sein) weiterschließen: sie versucht Aufstieg. Wahrheit muß sich vor dem Verstand ausweisen können - auch religiöse Wahrheit. Dabei ergibt sich, daß unser Dasein, aufmerksam auf seinen Grund betrachtet, keinen eigenen Grund aufweist. Dieser Gedanke ist nicht neu, er war nur durch die Selbstherrlichkeit des 19. Jahrhunderts überdeckt.

Hingabe und Hinnahme

Durch solche Beobachtungen wird denkbar ein Ursprung, der selbst Halt sein muß und der unsere Unsicherheit souverän sichert. Mehr als das. Edith Stein deckt auf, daß dieser Grund, wenn es ihn gibt, ein Antlitz trägt, nicht eine Sache ist. Und daß dieses Antlitz, einmal erfaßt oder besser erahnt, umgekehrt alles bisher Erkannte in Bewegung bringt. Rückwirkend also das Gedachte noch einmal aufwirbelt. Wenn der Grund der Welt geahnt ist, wird auch Welt nun anders begriffen. Ja, wenn im Grund der Welt ein persönliches Gegenüber aufscheint, verlangt diese Wahrheit sogar eine Selbstübergabe. Edith Steins Versuch überläßt die religiöse Frage nicht dem Gemüt, der inneren Erfahrung, der Erleuchtung. Wirklichkeit, gerade höchste Wirklichkeit, wird mit Scharfsinn angegangen. So wird Philosophie nicht allein vom Sein, aber auch nicht allein vom Erkennen her aufgebaut, sondern wesentlich von der Begegnung, als Hingabe und Hinnahme. Aus dem Begreifen wird ein Sich-Ändern, Werden, Aufgetansein. Mensch und Gott sind wieder aneinander denkbar, oder es wird keiner von beiden überhaupt gedacht.

Es wäre unvollständig, die geistige Kontur Edith Steins nur auf ihre philosophische Leistung zu stützen. Vielmehr hat sie sich auch mehrfach mit mystischen Theorien beschäftigt - mit der ihr eigenen wohltuenden Spröde. So verfaßt sie auf den Spuren des Johannes vom Kreuz (1542-1591) eine Kreuzeswissenschaft, über deren Schlußkapiteln sie verhaftet wird.

Dieses letzte Werk Edith Steins zeigt, wie die gläubige Wanderung unter der Hand zum Wandeln im Doppelsinn wird: zum Weitergehen und zum Sich-Wandeln. Dabei ist es die Anziehung Gottes selbst, die das Dasein in Bewegung setzt. Zunächst gilt ohne Zweifel eine gewisse zarte Berührung durch das Göttliche, ein Ansprechen des Gefühls, das zu wenigen, aber tiefen Erinnerungen wohl eines jeden von uns gehört. Doch kommt es, weniger aufgrund eigenen Versagens als einer absichtsvollen Prüfung, zu einer ebenso schmerzlichen wie langweiligen Nacht der Sinne. Sie bedeutet den Verlust des „Geschmacks" an Gott, der bisher so vertrauten und hilfreichen religiösen Bilder, ja gerade dieser! Ausgetrocknet wird die religiöse Sinnlichkeit, der Schatz an Innerlichkeit. Nicht deswegen ausgetrocknet, weil er an sich schlecht wäre, sondern weil Größeres zu gewinnen ist, das sich freilich zunächst nur als Leere, Freiheit, Ruhe zeigt.

In einer zweiten möglichen Nacht des Geistes verflüchtigen sich auch die theologischen Begriffe: das Geschäft der Wissenschaft endet im „weglosen Land". Die Begriffe „stimmen" theologisch, aber sie „greifen" nicht ins lebendige Herz. Auch in dieser Nacht des theologischen Bescheidwissens keimt Neues, nämlich eine offene, nichts mehr „wissende" Spannung auf den Geheimnisvollen hin. Schließlich, unheidnisch, unmagisch, auch im Christentum selbst nicht häufig ergriffen: die Nacht des Glaubens. Sie meint nicht einfachhin, daß der Glaube Nacht aushalten muß. Sie meint, ein Brett religiöser Sicherheit unter den Füßen wegziehend: Der Glaube erzeugt Nacht. Denn er stellt Wahrheiten vor, „die über jedes natürliche Licht erhaben sind und allen menschlichen Verstand ohne jedes Verhältnis überragen. Daher kommt es, daß dies überhelle Licht, das der Seele im Glauben zuteil wird, für sie dunkle Finsternis ist" (Johannes vom Kreuz).

Solcher Glaube ist fassungslos, „für die Seele völlig dunkle Nacht". Glaube ist der Zustand des Verlustes. Verlust der eigenen Maßstäblichkeit, weit über allen Bilderverlust hinaus, Umschlag des Ergreifens in ein Ergriffenwerden, Aushalten eines Ab-standes zu Gott, den man selbst nicht mehr überbrückt.

In diese Leere hinein erfolgt unmittelbar die neue Mitteilung Gottes, ohne alle verengende, verkleinernde Eigentätigkeit des Menschen. Das Dunkel ermöglicht eine Vereinigung, die dem hellen, in sich eingewurzelten Selbst undenkbar, sogar unsinning vorkommt. Diese tiefe, schreckliche und überaus schmerzliche Zerstörung der natürlichen Erkenntniskraft macht sofort gesund. So gesund, daß genau jetzt die „fremdartigen Berührungen der göttlichen Liebe" empfunden werden. So ursprünglich, daß alles Verlorene restlos, aber neu zurückkommt. Was Trockenheit, Dunkel, Verlorensein, Leiden heißt, heißt, ganz unten angekommen oder am Boden der Entbehrung aufgeschlagen: Geborgenheit, Läuterung, Kraft.

Gefaßt ist diese unglaubliche Spannung in der wunderbaren Wendung: „Im Dunkel wohl geborgen". Die beiden Seiten der Spannung sind beide ernst zu nehmen, sie schwächen sich nicht aneinander ab. Das Dunkel gilt in seiner Bedrohung, die Bergung gilt in ihrer Seligkeit. Beide vermischen sich nicht, sie gehören aber zueinander, ja, sie steigern sich aneinander.

Und das Erstaunliche ist, daß der bisher den Bildern so vertrauende Mensch das heimatliche Haus trotzdem verlassen will, wenn der Unvertraute sich wirklich meldet. Daß die Seele sich willig durchkreuzen läßt, wenn in der Leere Freiheit und Fülle warten. Dies geschieht, wenn man sich „verläßt" im schönen Doppelsinn des Wortes: sich aufgeben und vertrauen. Im Widerspiel von Vertrauen und Verlassen seiner selbst liegt die Seligkeit, die freilich einen Mitspieler voraussetzt, der uns herauslockt. Und sei es durch sein Verbergen, wie Edith Stein den Mystiker des fünften Jahrhunderts, Dionysius Areo-pagita, zitiert: „Gott entzieht sich, aus Lust, sich finden zu lassen."

Was kann der Sinn sein?

Hat man das Leben, die philosophische Klarheit, die religiöse Tiefe Edith Steins vor Augen, so stößt man um so verwirrter auf ihren furchtbaren Tod. Was kann der Sinn der ganzen, lebenslangen Anstrengung um Wahrheit gewesen sein, welche auch nur geringe Spur hinterlassen ihre luziden Forschungen, wenn alles absurdmörderisch endet? Und ihr Tod versinkt ja in den Tod ungezählter Millionen dieses Jahrhunderts, das so fortschrittsbewußt begann und nun die tiefe Vergänglichkeit des Fortschritts erwiesen hat. Ganz Europa ist gezeichnet von den Toten der Welt-und Bürgerkriege, der Revolution von 1917 und ihrer Folgen, der Machtergreifung von 1933, der geplanten Vernichtungen durch Lager, Hunger, Exekution. Mehr als das: Die Folgen dieser dämonischen Ereignisse sind immer noch nicht zu Ende, gerade jetzt stehen wir wieder fassungslos vor ihrem Nachhall. Wozu philosophische Erkenntnisse, wozu Fleiß und Disziplin des Arbeitens, wenn es in solchen „Tatsachen" untergeht? Bleibt das Streben nach endgültiger Wahrheit des Denkens leer angesichts der unzähligen Opfer?

Die Antwort darauf kann wohl nicht von uns Lebenden mit letzter Überzeugung kommen, da diese Überzeugung noch keine persönliche Prüfung bestehen mußte. Aber Edith Steins Gesicht hat Teil an der namenlosen Verwüstung und kann daher eine Antwort wagen: Der Sinn solcher Klärungen des Denkens mag darin liegen, daß in aller Bitterkeit verstanden wird, wodurch der Mensch geheilt wird und wie der Heilige heißt.

Die Autorin, Professorin für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Weingarten, hat ein Buch zum Thema vorgelegt: UNERBITTLICHES LICHT. Edith Stein - Philosophie, Mystik, Leben. Mainz (Grünewald Verlag) 1991,204 Seiten mit Illustrationen, öS 280,80.

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