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Bilanz eines Kirchen-Jahres

Schönborn - © Foto: Tosca Santangelo
Religion

„Ehelosigkeit bleibt die priesterliche Grundform“

1945 1960 1980 2000 2020

Kardinal Christoph Schönborn über die Amazonien-Synode, verheiratete Priester, Frauen in der Kirche, seine Erfahrungen in der Missbrauchskrise und seine Wünsche für Weihnachten.

1945 1960 1980 2000 2020

Kardinal Christoph Schönborn über die Amazonien-Synode, verheiratete Priester, Frauen in der Kirche, seine Erfahrungen in der Missbrauchskrise und seine Wünsche für Weihnachten.

Als Kardinal Christoph Schönborn sich fast eine Stunde Zeit für das große FURCHE-Interview nahm, ahnte niemand, dass er kurze Zeit später durch eine akute schwere Krankheit ans Bett gefesselt sein würde. Mittlerweile ist der Wiener Erzbischof wieder wohlauf, er nimmt aber bis in den Jänner hinein keine öffentlichen Termine wahr. Für ihn persönlich wird das kommende Jahr markant sein: Am 14. September jährt sich sein Amtsantritt als Wiener Erzbischof zum 25. Mal. Und bereits am 22. Jänner feiert Schönborn seinen 75. Geburtstag. Das für diesen Zeitpunkt vom Kirchenrecht vorgesehene Rücktrittsangebot hat er Papst Franziskus bereits während der Amazonien-Synode im Oktober übergeben. Ob und wann der Papst dieses annehmen wird, ist bislang nicht bekannt.

Im FURCHE-Gespräch äußert sich Schönborn zu den großen (welt)kirchlichen Themen des vergangenen Jahres. Die Amazonien-Synode war für ihn, den Europäer, prägend, wie er erzählt. Nicht zuletzt der politische Krampf um die jüngste Klimakonferenz in Madrid zeigt, wie essenziell das, was sich rund um Amazonien tut, auch in globaler Perspektive ist. Weiters äußert sich der Kardinal über kirchliche Perspektiven zu verheirateten, bewährten Männern als Priester („viri probati“) und zu Leitungsfunktionen für Frauen. Das andere große Kirchenthema anno 2019, der Umgang mit den Missbrauchsfällen, war ebenso Thema des Gesprächs wie der Umgang mit Homosexualität. Außerdem nimmt Schönborn Stellung zu innerkirchlicher Polarisierung und zu konservativen Anwürfen an den Papst.

DIE FURCHE: Herr Kardinal, 2019 ist weltkirchlich ein bedeutendes Jahr gewesen – zu verschiedenen Themen. Da war einmal die Bischofssynode über Amazonien im Oktober. Was könnte die Botschaft dieser Synode für die Menschen in Österreich sein?
Kardinal Christoph Schönborn: Für mich ist die erste Botschaft dieser Synode, dass Amazonien uns alle angeht, wirklich die ganze Welt. Für mich bleibt wie ein Schock das Wort von Professor Hans Joachim­ Schellnhuber vom Potsdam-Institut in Berlin, der als Letzter auf der Synode gesprochen hat. Das war ein Paukenschlag, wie er den Synodalen in Anwesenheit des Papstes gesagt hat: The destruction of the Amazonian­ forest is the destruction of the world. Das klingt ungeheuer dramatisch, aber das Amazonasgebiet ist einer der wichtigsten stabilisierenden Faktoren des Weltklimas. Es war sicher diese Sorge, die Papst Franziskus sehr entscheidend bewogen hat, diese sehr ungewöhnliche Synode einzuberufen. Denn es war eine Regionalsynode: Es waren alle Bischöfe aus den neun Ländern dabei, die zu Amazonien gehören, dazu eine große Zahl von anderen Teilnehmern und Teilnehmerinnen, Ordensschwes­tern, Laien, Experten. Wir anderen Bischöfe waren eine kleine Minderheit, fünf Euro­päer, zwei Afrikaner, ein Asiate, ein Ozeanier und zwei Nordamerikaner.

DIE FURCHE: Aber es ging bei der Synode um viel mehr als um das Klima.
Schönborn: Das zweite große Thema waren die Menschen, die dort leben. Besonders der Schutz der Indigenen, ihrer Kultur, aber auch ihres Lebensraums, ihrer Rechte. Das Grundproblem ist, dass sie keine definierten Territorien haben. Wenn Agrokonzerne oder Bodenschätze suchende Konzerne oder Hydroenergiekonzerne kommen und riesige Projekte verwirklichen und das Land kaufen, dann gibt es keine Rechte der Indigenen. Das dritte Thema war daher der Schutz der indigenen Kulturen. Mit der ganzen Ambivalenz einer modernen Welt, in der das Internet bis in den Urwald vordringt, in der die Landflucht das Leben der Menschen im Wald prägt, die Jugend zur Stadt drängt.

Als Kardinal Christoph Schönborn sich fast eine Stunde Zeit für das große FURCHE-Interview nahm, ahnte niemand, dass er kurze Zeit später durch eine akute schwere Krankheit ans Bett gefesselt sein würde. Mittlerweile ist der Wiener Erzbischof wieder wohlauf, er nimmt aber bis in den Jänner hinein keine öffentlichen Termine wahr. Für ihn persönlich wird das kommende Jahr markant sein: Am 14. September jährt sich sein Amtsantritt als Wiener Erzbischof zum 25. Mal. Und bereits am 22. Jänner feiert Schönborn seinen 75. Geburtstag. Das für diesen Zeitpunkt vom Kirchenrecht vorgesehene Rücktrittsangebot hat er Papst Franziskus bereits während der Amazonien-Synode im Oktober übergeben. Ob und wann der Papst dieses annehmen wird, ist bislang nicht bekannt.

Im FURCHE-Gespräch äußert sich Schönborn zu den großen (welt)kirchlichen Themen des vergangenen Jahres. Die Amazonien-Synode war für ihn, den Europäer, prägend, wie er erzählt. Nicht zuletzt der politische Krampf um die jüngste Klimakonferenz in Madrid zeigt, wie essenziell das, was sich rund um Amazonien tut, auch in globaler Perspektive ist. Weiters äußert sich der Kardinal über kirchliche Perspektiven zu verheirateten, bewährten Männern als Priester („viri probati“) und zu Leitungsfunktionen für Frauen. Das andere große Kirchenthema anno 2019, der Umgang mit den Missbrauchsfällen, war ebenso Thema des Gesprächs wie der Umgang mit Homosexualität. Außerdem nimmt Schönborn Stellung zu innerkirchlicher Polarisierung und zu konservativen Anwürfen an den Papst.

DIE FURCHE: Herr Kardinal, 2019 ist weltkirchlich ein bedeutendes Jahr gewesen – zu verschiedenen Themen. Da war einmal die Bischofssynode über Amazonien im Oktober. Was könnte die Botschaft dieser Synode für die Menschen in Österreich sein?
Kardinal Christoph Schönborn: Für mich ist die erste Botschaft dieser Synode, dass Amazonien uns alle angeht, wirklich die ganze Welt. Für mich bleibt wie ein Schock das Wort von Professor Hans Joachim­ Schellnhuber vom Potsdam-Institut in Berlin, der als Letzter auf der Synode gesprochen hat. Das war ein Paukenschlag, wie er den Synodalen in Anwesenheit des Papstes gesagt hat: The destruction of the Amazonian­ forest is the destruction of the world. Das klingt ungeheuer dramatisch, aber das Amazonasgebiet ist einer der wichtigsten stabilisierenden Faktoren des Weltklimas. Es war sicher diese Sorge, die Papst Franziskus sehr entscheidend bewogen hat, diese sehr ungewöhnliche Synode einzuberufen. Denn es war eine Regionalsynode: Es waren alle Bischöfe aus den neun Ländern dabei, die zu Amazonien gehören, dazu eine große Zahl von anderen Teilnehmern und Teilnehmerinnen, Ordensschwes­tern, Laien, Experten. Wir anderen Bischöfe waren eine kleine Minderheit, fünf Euro­päer, zwei Afrikaner, ein Asiate, ein Ozeanier und zwei Nordamerikaner.

DIE FURCHE: Aber es ging bei der Synode um viel mehr als um das Klima.
Schönborn: Das zweite große Thema waren die Menschen, die dort leben. Besonders der Schutz der Indigenen, ihrer Kultur, aber auch ihres Lebensraums, ihrer Rechte. Das Grundproblem ist, dass sie keine definierten Territorien haben. Wenn Agrokonzerne oder Bodenschätze suchende Konzerne oder Hydroenergiekonzerne kommen und riesige Projekte verwirklichen und das Land kaufen, dann gibt es keine Rechte der Indigenen. Das dritte Thema war daher der Schutz der indigenen Kulturen. Mit der ganzen Ambivalenz einer modernen Welt, in der das Internet bis in den Urwald vordringt, in der die Landflucht das Leben der Menschen im Wald prägt, die Jugend zur Stadt drängt.

Ich habe mich auf der Synode nicht berechtigt gefühlt, Ratschläge zu geben. Aber ich habe drei, vier Fragen gestellt.

DIE FURCHE: Was ist die kirchliche Perspektive zu diesen Fragen?
Schönborn: Es wurde die Frage gestellt: Gibt es eine Amazonienkirche mit einer eigenen inkulturierten Liturgie? Damit sind wir bei dem vierten großen Thema, das ist die Pastoral und da habe ich vor allem zugehört. Ich habe mich nicht berechtigt gefühlt, Ratschläge zu geben. Aber ich habe drei, vier Fragen gestellt. Die erste Frage ist: Was bedeutet das unglaubliche Vordringen der evangelikalen Freikirchen, vor allem der Pfingstler? Manche sprechen von 60 bis 80 Prozent der Christen, die inzwischen bei den freikirchlichen Gruppierungen sind. Es hat mich erschreckt, wie wenig das angesprochen worden ist. Deshalb war das große pastorale Thema, von einer pastoral de visita zu einer pastoral de presencia zu kommen, also nicht gelegentlich auf Besuch kommen, sondern dort sein. Ich hatte den Eindruck, dass man scheu an diesem Thema vorbeigeht. Ich habe dann eine zweite Frage gestellt. Der Papst hat sie selber angesprochen wie in seiner Eröffnungsansprache: Gibt es eine lateinamerikanische Solidarität mit Amazonien? Wenn 1200 kolumbianische Priester in den USA und Kanada tätig sind und in Amazonien ein dramatischer Priestermangel herrscht, ist das zumindest eine Frage der Solidarität. Und schließlich die Frage, die mich als Wiener besonders bewegt hat: Wir haben sehr viele Ständige Diakone – inzwischen 214 – in der Erzdiözese Wien. Warum gibt es in Amazonien keine Ständigen Diakone? Wären nicht die viri probati­ diaconi ein Laboratorium für viri probati presbyteri, bewährte Verheiratete, die zum Priester geweiht werden? Das sind ein paar Fragen, die meinem Empfinden nach offen geblieben sind, aber im Schlussdokument doch starke Akzente bekommen haben.

Warum gibt es in Amazonien keine Ständigen Diakone? Wären die nicht ein Laboratorium für ‚viri probati presbyteri‘, bewährte Verheiratete, die zum Priester geweiht werden?

DIE FURCHE: Es gab bei der Amazonien-Synode medial große Aufregung um indigene Statuen und die Frage, ob man die indigene Kultur kirchlich inkulturieren kann. Konservative Kritiker werfen ja sogar dem Papst wegen dieser Statuen, die während der Synode aufgestellt waren, vor, er fördere Götzendienst. Wie bewerten sie diese Spannung?
Schönborn: Ich antworte mit dem berühmten Satz eines österreichischen Politikers: Lernen Sie Geschichte! Während dieser Kontroversen hat der Osservatore Romano in einem Leitartikel den gerade heiliggesprochenen John Henry Newman zitiert, wo Newman zeigt, wie die Kirche im Laufe der Jahrhunderte immer religiöse Elemente aus dem Heidentum integriert hat. Weihrauch etwa war für das frühe Christentum undenkbar, weil das ein Zeichen des Heidentums war, die Bischofsmütze und die Messgewänder kommen ja nicht aus der biblischen Tradition, sondern haben römische, heidnische Vorbilder. Auch der Heiligenkult hat heidnische Elemente christianisiert. Das Aufgreifen von heidnischen Elementen, die in das christliche Erbe integriert werden, ist eine christliche Selbstverständlichkeit. Die umstrittene Pachamama-Statue ist zuerst einmal einfach eine hochschwangere Frau. Ich habe einem amerikanischen Journalisten in einem Interview gesagt: Sie und ich – wir sind genauso auf die Welt gekommen, und ich vermute doch auch, dass Sie auch Pro Life sind, das ist sicher ein ganz starkes Bekenntnis zum Leben. Als Mutter Erde und als Mutter des Lebens ist sie ein Urbild, das natürlich im Christentum seinen Platz hat. Der heilige Franziskus sagt im Sonnengesang: Gelobt seist du für Mutter Erde, die uns trägt und nährt. Mehr gibt es nicht dazu zu sagen.

Ich habe in jungen Jahren erlebt, wie Paul VI. kritisiert worden ist. Die Kritiken an ihm sind vergleichbar mit denen, die an Papst Franziskus adressiert werden.

DIE FURCHE: Man hat da den Eindruck, dass bestimmte Kreise hier das nächste Thema sehen, um den Papst zu kritisieren. Inwieweit belastet Papst Franziskus dies?
Schönborn: Ich denke, Papst Franziskus hat großen inneren Frieden und eine innere Klarheit, die ihm aus seinem tiefen Gebetsleben zukommt. Auch da kann ich nur sagen: Lernen Sie Geschichte! Ich habe in jungen Jahren erlebt, wie Papst Paul VI. kritisiert worden ist. Jetzt ist er heiliggesprochen worden. Aber die Kritiken an Paul VI. sind durchaus vergleichbar mit denen, die an Papst Franziskus adressiert werden – Zerstörer der Kirche, Vernichter der Tradition, Verächter des Lehramts. Den einen war er der gefährliche Liberale, den anderen war er der Bremser, der nicht mutig genug war …

DIE FURCHE: Zurück zur Pastoral: Sie sagen, der Ständige Diakonat könnte ein „Labor“ für künftige Gestaltungen des kirchlichen Amtes sein? Heißt das, dass Sie sich vorstellen können, auch in Richtung viri probati zu gehen?
Schönborn: Vor 50 Jahren sind in Wien die ersten Ständigen Diakone von Kardinal König geweiht worden. Das ist wirklich ein Laboratorium, weil die meisten der Ständigen Diakone verheiratet sind, Familie und Berufsleben haben und ehrenamtlich als Diakone in der Kirche Dienst tun. Natürlich wäre der Sprung zum Presbyter noch einmal ein qualitativer Sprung, weil den priesterlichen Dienst ehrenamtlich wahrzunehmen, durchaus sehr herausfordernd wäre. Aber undenkbar ist es nicht.

DIE FURCHE: Was heißt das für den Zölibat?
Schönborn: Ich bin gerade nach der Erfahrung dieser Synode umso mehr überzeugt, dass die Grundform des römisch-katholischen Priesters die Lebensform der Nachfolge Jesu in der Ehelosigkeit ist und wohl auch bleiben wird. Und auf jeden Fall bleiben soll. Das sage ich umso überzeugter, als ich selber zuständig bin für die 30 griechisch-katholischen Priester in Österreich, von denen die meisten verheiratet sind, Familie haben. Ich sehe durchaus, dass sie ausgezeichnete Priester sind. Ich glaube dennoch: Der Zölibat ist eine Kostbarkeit, die die römisch-katholische Kirche nicht aufgeben soll.

DIE FURCHE: Aber wenn Sie das Beispiel der katholischen Ostkirchen nennen, so zeigt dieses auch, dass es mehrere Formen nebeneinander geben kann. Könnte man nicht sagen: Grundform für Priester ist das zölibatäre Leben, aber etwa in Amazonien und auch bei uns mag es Gründe geben für eine Dispens von der zölibatären Lebensform?
Schönborn: Denkbar ist es. Ich frage mich dennoch immer: Haben wir wirklich die Alternativen ausgeschöpft, um nicht einer solution de facilité, einer Ausweglösung nachzugeben? Das heißt nicht, dass es nicht Situationen gibt und auch geben wird, in denen die viri probati presbyteri als zusätzliche Möglichkeit sich eröffnen können. Aber ich möchte doch deutlich sein. Die Grundform wäre das nicht. Davon bin ich nach der Amazonien-Synode noch mehr überzeugt.

Schönborn2 - © Tosca Santangelo
© Tosca Santangelo

DIE FURCHE: Das zweite große Thema neben dem Zölibat sind Frauen auch in geistlichen Leitungsfunktionen der katholischen Kirche. Das Schlussdokument der Synode spricht das an, die Frage von Diakoninnen soll noch einmal untersucht werden.
Schönborn: Die Frage der Diakoninnen ist weiter zu prüfen, das war die Bitte der Synode an den Papst. Ich glaube aber, das Hauptfeld liegt anderswo. Die Synode hat einfach die Tatsachen angeschaut: Was geschieht in den kleinen, oft weit verstreuten Gemeinden von Amazonien? In den meis­ten dieser Gemeinden sind Frauen de facto die Leiterinnen der Gemeinden. Es gibt ausreichend Möglichkeiten vom Kirchenrecht her, dass Frauen hier wirklich mit der Gemeindeleitung beauftragt werden können. Sie ersetzen nicht den Priester, aber sie leisten einen unersetzbaren Dienst. Das hat die Synode auch ausdrücklich angesprochen mit einem Hinweis auf Paul VI. und sein Dokument Ministeria quaedam, wo er die kirchlichen Ämter, die früher zu den niederen Weihen gehört haben, bewusst als „Laienämter“ bezeichnet, sie aber nur Männern vorbehalten sein ließ. Da ist eine starke ausdrückliche Bitte an den Papst, das zu ändern, was in seiner Vollmacht liegt. Und damit könnten viele Gemeindedienste von Frauen wirklich als Beauftragungen wahrgenommen werden, wie wir ja schon eine wachsende Zahl von Begräbnisleiterinnen oder Wortgottesfeierleiterinnen haben.

DIE FURCHE: Die Themen Zölibat bzw. Frau in der Kirche bewegten aber nicht nur die Kirche in Amazonien, auch in Europa sind sie seit Jahrzehnten auf dem Tapet – etwa vor 20 Jahren beim „Dialog für Österreich“, der letzten gesamtösterreichischen kirchlichen Forumsveranstaltung. Das Thema brennt vielen unter den Nägeln. Wäre es da nicht an der Zeit zu sagen, dies jetzt auch weltkirchlich anzugehen?
Schönborn: Jetzt ist es einmal in einer Regionalsynode behandelt worden, und ich bin sicher, dass der Papst, wenn er dieses Thema weiter vertiefen will, das nicht im Alleingang macht, sondern synodal, das heißt unter größtmöglicher Einbeziehung der Weltkirche. Ich erinnere aber daran, dass der eurozentrische Blick hier etwas zu eng liegt. Europa wird im Jahr 2050 nur mehr sieben Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, das heißt, die Europäer werden im Weltepiskopat deutlich zur Minderheit. Wir dürfen nicht erwarten, dass weltkirchlich die europäischen Kirchen die Themenführerschaft haben. Daran werden wir uns gewöhnen müssen.

Für mich ist sehr erschreckend, dass gerade in manchen neuen Gemeinschaften von Gründerpersönlichkeiten her Missbrauchsverhalten in erschreckendem Maße offenbar wurde.

DIE FURCHE: Ein anderes großes Thema des letzten Jahres, wo Sie sich selber auch exponiert haben, war die Missbrauchskrise, darunter auch der geistliche Missbrauch an Ordensfrauen. Sie sind da im vor Kurzem auch in Buchform publizierten Gespräch mit der früheren Ordensfrau Doris Wagner sehr, sehr offen auf die Frage von Missbrauch Ordensfrauen gegenüber eingegangen. Dieses Thema hat bis jetzt keine Rolle gespielt.
Schönborn: Ich habe vor allem sehr viele schmerzliche Erfahrungen im Gespräch mit Betroffenen gemacht. Und natürlich versuche ich, daraus auch allgemeinere Schlussfolgerungen zu ziehen: Was begüns­tigt Missbrauch in der Gesellschaft und in der Kirche? Ein begünstigender Faktor ist der spirituelle Missbrauch. Für mich ist da doch sehr erschreckend, dass gerade in manchen neuen Gemeinschaften von Gründerpersönlichkeiten her Missbrauchsverhalten in erschreckendem Maße offenbar geworden ist. Da frage ich mich schon: Ist da spirituelle Autorität überhöht worden? Da war spiritueller Missbrauch, der dann auch zu anderen Formen des Missbrauchs geführt hat. Das ist ein Thema, das in den letzten Jahren sehr, sehr deutlich hervorgetreten ist. Ich glaube aber auch, dass wir gerade in der Kirche in Österreich einen guten Weg gegangen sind, mit diesem schmerzlichen Thema verantwortungsvoll umzugehen. Das ist auch international anerkannt worden.

DIE FURCHE: Auch auf einem anderen Gebiet sind Sie hervorgetreten – und werden von konservativen Gruppen dafür angefeindet, dass Sie Ende November im Stephansdom mit Gery Keszler und anderen bei einer Veranstaltung auch Homosexuelle in einer Kirche sichtbar werden ließen. Warum machen Sie das?
Schönborn: Es ging an diesem Abend ausdrücklich um die Aids-Hilfe, die bei Weitem nicht nur Homosexuelle betrifft. Die Veranstaltung im Dom war ganz fokussiert auf die Hilfe für ein Hospiz der Malteser in Südafrika, und die dort Betreuten sind vor allem heterosexuelle Opfer von Aids. Aber natürlich ist das Thema Aids sehr stark auch durch die Homosexualität zum gro­ßen Thema geworden. Und die Zusammenarbeit mit Gery Keszler ist für mich auch ein Zeichen, dass wir für diese Hilfe wirklich zusammenarbeiten müssen. Die Sorge um Aids-Kranke war der Fokus dieser zum dritten Mal stattfindenden Nacht. Ich glaube, das ist eine sehr richtige Bemühung. Dass der richtige Umgang mit Homosexualität ein großes gesellschaftliches und auch ein großes kirchliches Thema ist, ist mir sehr bewusst. Ich plädiere hier entschieden dafür, nicht zuerst auf die Frage nach der sexuellen Orientierung zu schauen, sondern auf die menschliche Qualität. Die erste Frage ist: Wie bist du zu anderen Menschen? Und das ist auch die erste Frage, die Gott uns stellt. Nicht die einzige, aber die erste. In der großen Gerichtsrede im Mat­thäusevangelium wird nicht nach der sexuellen Orientierung gefragt, sondern: Ich war hungrig und du hast mir zu essen gegeben, und ich war nackt und du hast mich bekleidet. So sehe ich auch diese Benefizveranstaltungen im Dom für die Aids-Hilfe.

Weihnachten ist das unüberbietbare und auch nie zurückgenommene Ja Gottes zu uns.

DIE FURCHE: Was möchten Sie nicht zuletzt den FURCHE-Leserinnen und -Lesern zu Weihnachten dieses Jahr ans Herz legen?
Schönborn: Ich würde empfehlen, das Kapitel 22 im Konzilsdokument Gaudium et spes noch einmal zu lesen, das vom Mensch gewordenen Gott handelt. Da gibt es diese wunderschöne Passage: „Denn er, der Sohn Gottes, hat sich in seiner Menschwerdung in gewisser Weise mit jedem Menschen verbunden. Mit Menschenhänden hat er gearbeitet, mit menschlichem Geist gedacht, mit einem menschlichen Willen hat er gehandelt, mit einem menschlichen Herzen geliebt.“ Inkarnation ist einfach die Grundaussage, wie Gott zum Menschen steht, und wie Gott zu dieser Welt steht, die er geschaffen hat, die in einem ziemlichen Trubel – in troubles – ist. Weihnachten ist deshalb das unüberbietbare und auch nie zurückgenommene Ja Gottes zu uns.