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Ein Floh, der Minister zwickt

Von Abbé Pierre (1912-2007) kann die Armutsbekämpfung viel lernen.

Hör zu, du bist jetzt zwar völlig verzweifelt, ich aber, ich brauche dringend jemanden, der mir hilft. Ich allein komme mit meiner Arbeit nicht zurande. Gemeinsam werden wir beide schon allerhand fertig bringen", sagte Abbé Pierre zu dem jungen Mann, der gerade versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Nach der Entlassung aus der Haft hatte jener zu Hause so entsetzliche Familienverhältnisse vorgefunden, dass ihn aller Mut und Lebenssinn verließ.

"Und so kam er in unser Haus", erzählte Abbé Pierre: "Er war der Erste, für den Emmaus ein wirkliches Zuhause werden sollte." Nach ihm kam ein anderer und noch ein dritter. Das war 1949.

Das Vorstadthaus, in dem Abbé Pierre lebte, machte er zum Treffpunkt von Jugendverbänden und Sozialvereinen - und später zur Wohngemeinschaft von Arbeitslosen, entlassenen Strafgefangenen, politischen Flüchtlingen ohne Aufenthaltserlaubnis, Obdachlosen und Alkoholikern. Das ganze ausgeworfene "Strandgut" sammelte sich bei Abbé Pierre - und baute sich eine neue Existenz.

Denn wer hier ankam, wurde nicht mildtätig verarztet, gönnerhaft betreut oder bürokratisch verwaltet, sondern sinnvoll eingesetzt, in einem Team gleichberechtigter Kollegen. Etwas tun statt immer nur warten. Niemandem etwas schulden. Der Abbé fragte nicht nach vergangenen Verfehlungen oder frommen Bekenntnissen. Er gab ihnen, die niemand brauchte, die Erfahrung, gebraucht zu werden, Fähigkeiten zu besitzen.

Mit Obdachlosen leben

Statt Almosen zu geben, lebte Abbé Pierre mit den Obdachlosen zusammen und schuf mit ihnen Arbeits-und Wohngemeinschaften. Privilegierte und Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, schlossen sich zu Emmaus-Bewegung zusammen. Die zusammengewürfelte Gemeinschaft montierte ehemalige Kriegsgefangenenbaracken ab und baute sie zu Notwohnungen um. Mit Ab-bruchmaterial, das man sich auf Pump von Altwarenhändlern beschaffte, bauten die Emmaus-Leute einfache, aber solide Häuser - und das illegal. Als die Kontrolleure von der Baubehörde auftauchten, drohte der Abbé, vor Gericht aufzutreten und die ungerechten Gesetze zu brandmarken, die hier übertreten wurden. Die Behörde verzichtete auf eine Anzeige.

Später rückten die Bewohner von Emmaus regelmäßig aus, um auf Dachböden, Müllplätzen, Schutthalden die verwertbaren Reste der Konsumgesellschaft zu sammeln. Lumpen, Papier, Glas, Gummi, Metall wurden sorgfältig sortiert und tonnenweise an Großhändler und Fabriken verkauft. Geschickte Tüftler reparierten achtlos weggeworfene Gebrauchsgegenstände und ausgediente Uhren. Mit dem Erlös wurden wieder Häuser gebaut und obdachlos gewordene Arbei-terfamilien vor dem Ruin gerettet.

Ziel der Emmausgemeinschaften ist es, Notleidenden zu helfen, damit sie als gleichwertige Partner in kleinen Arbeits-und Lebensgemeinschafen ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Abbé Pierre hat den Menschen als Ganzes gesehen. Wohnen, sinnvolle Arbeit und gemeinsames Leben waren die drei zentralen Punkte seines Programms gegen Armut.

Der Ansatz erinnert an Sigmund Freuds "arbeits-und liebesfähigen Menschen". Auch die Arbeiten des indischen Ökonomen Amartya Sen, dass Armutsbekämpfung eine Erhöhung der Verwirklichungschancen von Betroffenen bedeute, nimmt Abbé Pierre vorweg. Sen spricht von Fähigkeiten und Möglichkeiten, die notwendig sind, um Güter in persönliche Freiheiten zu verwandeln. Daraus hat sich der Begriff der "Teilhabechancen" entwickelt. Bei Abbé Pierre klingt das so: "Alle, die überzeugt sind, dass es nicht zweierlei Maß geben kann, alle, die weniger aus Mitleid handeln als aus Sorge um das gleiche Recht aller Menschen auf Lebensvoraussetzungen, auf Nahrung, Wohnung, Gesundheit und Arbeit - sie alle sind Freunde von Emmaus."

Freundschaft und Respekt

Freundschaft, Respekt und Zutrauen sind Erfahrungen, die Armutsbetroffenen allzuoft verweigert werden. Die Public-Health-Forschung bestätigt, was Abbé Pierre intuitiv erkannt hat. Es sind besonders drei Lebensmittel, die stärken: Freundschaft hilft. Selbstwirksamkeit hilft. Anerkennung hilft. Das Gegenteil macht verwundbar: Isolation schwächt. Ohnmacht schwächt. Beschämung schwächt. Wer sozial Benachteiligte zu Sündenböcken macht, wer Leute am Sozialamt bloß stellt, wer Zwangsinstrumente gegen Arbeitssuchende einsetzt, wer mit erobernder Fürsorge Hilfesuchende entmündigt, vergiftet diese Lebensmittel: Freundschaft bedeutet soziale Netze. Selbstwirksamkeit ist die Erfahrung, dass mein Handeln Sinn macht. Anerkennung heißt Respekt.

Wer immer du bist: Tritt ein!

Im Winter 1953 errichtete Abbé Pierre am Seine-Ufer in Paris zahlreiche Notunterkünfte für Obdachlose. An den Zelteingängen brachte er folgendes Flugblatt an: "Notleidender, wer immer du bist, tritt ein, schlaf dich aus, iss dich satt, fass wieder Mut!" Das ist der Ton des Abbé Pierre. Und das ist der Ton, der Menschen am Rand stärkt. "Wir sind keine Bittsteller, wir wollen Respekt", so formulierten es die Teilnehmer der österreichweiten Treffen von Menschen mit Armutserfahrung, die unter dem Titel "Sichtbar werden" letztes Jahr in Österreich stattfanden. Erwerbsarbeitslose, Mitarbeiter(innen) von Straßenzeitungen, psychisch Erkrankte, Menschen mit Behinderungen, Alleinerzieherinnen und Migrant(inn)en waren zusammengekommen, um über Strategien gegen Armut zu beraten: "Sichtbar werden sollen unsere Alltagserfahrungen. Sichtbar werden sollen unser Können und unsere Stärken. Sichtbar werden sollen unsere Forderungen und Wünsche zur Verbesserung der Lebenssituation."

Armutsbekämpfung braucht einen niederschwelligen und Lebensbereiche verbindenden Ansatz: Wer mit Arbeitslosen zu tun hat, denkt an Bildung, an Existenzsicherung, an Wohnen, Familie, Gesundheit. Wer mit Gesundheitsfragen von Armutsbetroffenen zu tun hat, sorgt sich um Beschäftigung, nicht schimmlige Wohnungen, Bildung, Erholungsmöglichkeiten und eine Lösung der stressenden Existenzangst.

Von Abbé Pierre kann Armutsbekämpfung viel lernen. Statt in eingeschlossenen Handlungsfeldern besser in Zusammenhängen denken: Gesundheitspolitik ist Wohnungspolitik, Bildungspolitik ist Sozialpolitik, Stadtplanung ist Integrationspolitik."

Eine aktuelle Sozialhilfe-Umfrage im Pinzgau hat beispielsweise ergeben: Ein großer Bereich, wo Betroffene Hilfe benötigen, ist das Wohnen, dann in Fragen der Kinderbetreuung und auch in der Haushaltsplanung und-führung.

Heiliger Zorn

Wenn Abbé Pierre die Stimme erhob, dann kräftig: "Ich neige nicht zu Zorn", sagte er: "Aber wenn ich etwas anprangern muss, was die Menschen zerstört, dann werde ich verrückt. Es ist Liebe, was diesen heiligen Zorn nährt."

Als der französische Premierminister Raffarin 2002 ein neues Sicherheitsgesetz erlassen wollte, widersprach ihm Abbé Pierre: Der Premier habe den Armen den Krieg erklärt, nicht der Armut. Abbé Pierre machte Vorschläge zur Reparatur des Gesetzes: dass niemand verfolgt werden dürfe, weil er bettle oder weil er in einer leer stehenden Wohnung Obdach gesucht habe. Staat und Behörden sollten wegen unterlassener Hilfeleistung angezeigt werden, wenn sie in Armut lebenden Menschen nicht beistünden. "Wir sind fest entschlossen", verkündete der hartnäckige Abbé, "der Floh zu sein, der von der Mülltonne des Lumpensammlers bis auf den Schreibtisch des Ministers springt und die Herrschaften zwickt, um sie an das Elend der Notleidenden zu erinnern."

Dass er in Frankreich schon zu Lebzeiten "heilig gesprochen" wurde, war ihm nicht recht. Die Berufung zum Großoffizier der Ehrenlegion lehnte er ab und bat, aus der Umfrageliste der beliebtesten Franzosen genommen zu werden, die er stets anführte. Die Überhöhungen wie "Vater der Armen" machten ihn misstrauisch. Er wollte nicht Gegenstand rhetorischen Ablasses fürs schlechte Gewissen der Eliten sein und auch nicht Projektionsfläche des Guten. Soziale Not bekämpfen können wir alle. Die Arme sind nicht die ganz anderen, die fremden Unbekannten, sondern solche wie Du und Ich. In sein Tagebuch schrieb Abbé Pierre im Angesicht konkreter sozialer Not: "Mein Gott, wir schaffen es nicht mehr. Schick uns Verstärkung, Freiwillige, brauchbare Berufungen, keine Romantiker. Mein Gott, schick uns Verstärkung."

Der Autor ist Sozialexperte der Diakonie und Mitinitiator der Armutskonferenz. Er hat in Sommereinsätzen Ende der 80erJahre in der Emmausgemeinschaft gearbeitet.

INFOS: www.emmaus.at

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