Ein Frommer. Ein Jünger des Doktor Faust

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Der steirische Priester und Künstlerseelsorger - Poet, Maler, unermüdlicher Vermittler zwischen Gegenwartskunst und dem für seine Begriffe viel zu lahmen, zu wenig interessierten Kirchenvolk - Josef Fink, ist am 29. November gestorben.

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Der steirische Priester und Künstlerseelsorger - Poet, Maler, unermüdlicher Vermittler zwischen Gegenwartskunst und dem für seine Begriffe viel zu lahmen, zu wenig interessierten Kirchenvolk - Josef Fink, ist am 29. November gestorben.

Manchmal verstehe ich deine Tode Deine Liebe macht Jagd waidwund erwarte ich daß Du mich aufhebst und heimträgst (Sammle mich ein, 1984) Was hat er uns, den jüngeren Studienkollegen, nicht stundenlang seine Bilder erklärt, eher hingezerrt zu seinen Werken, die er in der Nacht zuvor gemalt hatte, für uns war er ein Bohemien, den wir mit offenem Munde bewunderten. Er gehörte zu den jungen, wilden Kaplänen, die im Sog des Zweiten Vatikanischen Konzils die Landschaft der steirischen Kirche veränderten.

In einer Sternstunde haben Bischof Johann Weber und sein damaliger Kanzler Johann Reinisch 1975 für die Diözese das daniederliegende Minoritenkloster gepachtet und es dem Kaplan Fink übergeben. Mit dem Protestanten Harald Seuter hat er es zum Kulturzentrum bei den Minoriten ausgebaut, eine im deutschen Sprachraum einzigartige Einrichtung, in dem die Avantgardekunst das tägliche Brot ist und die Auseinandersetzung mit den heißen Eisen in Kirche und Gesellschaft mehr als einen Sturm im Wasserglas hervorriefen. Bequem war er nie, der Josef Fink, er konnte, wenn es um die Förderung der Kunst ging, dreinfahren und wortmächtig poltern. Manch ein Stadt- und Landespolitiker hat da sein Fett abbekommen.

Rührend sorgte er für mittellose Künstlerinnen und Künstler, er zog sein Geldbörsel und kaufte Bilder. Ermutigte zum Weitermachen. Sicherte ihnen eine Zeitlang das Fortkommen. Wie kein anderer hat er sich ständig auf seine jüdisch-christlichen Wurzeln besonnen, mit leidenschaftlicher Liebe hing er am Heiligen Land, der Wüste insbesonders, seine Exkursionen, seine Künstlerklausuren, seine Drehbücher für Filme, seine Texte kreisten um diesen Landstrich, in den sein Gott sich einst verliebt hatte.

Die von Josef Fink gestalteten Sakralräume zählen zu den gültigen Zeichen: die Kapellen im Bildungshauses Mariatrost, im Aloisanum, im Hirtenkloster, die Werktagskapelle in der Schutzengelkirche in Graz (siehe Bild oben) und die Aufbahrungshalle in Graz-St. Veit. 1989 gab er der alljährlichen Künstlerklausur in Poppendorf das Thema "Tod Exodus Wandlung", daraus entstand die Serie der Tanzenden, die dann diese Aufbahrungshalle zieren sollten, Tod und Auferstehung gehörten zu den Leitmelodien seines Lebens.

Mystiker und Kritiker Ob er als Maler oder als Lyriker bedeutender war, wird sich weisen. Auf jeden Fall war er Poet, Mystiker, ein Frommer und ein Jünger des Doktor Faust, der immer wissen wollte, was die Welt im Innersten zusammenhält und ein begeisternder Prediger, einer, der sich intensiv vorbereitete und der zum Nachdenken herausforderte. Ein Mann Gottes in jeder Faser seines Leibes, leidenschaftlich wie ein alttestamentlicher Prophet, ein aufrechter, ein frommer Mann, ein Chassid. Seinen Gott liebte er unbedingt, seine Kirche nur bedingt, er gab den Kritikern, den Querdenkern, den Marginalisierten im Kulturzentrum Heimat, dieses Zentrum war/ist war so etwas wie ein Einfallstor der Gnade für viele, die sonst mit Leichtigkeit an jeder Kirchentüre vorbeikommen. Er war ein Stachel im Fleisch der Kirche - grantige Ungeduld konnte ihn beim Gedanken an seine allzu biederen Amtsbrüder erfassen.

Verdichtet bis in die äußerste Knappheit sind seine Texte, Monologe mit geliebten Menschen, die ihm transparent werden und unmittelbar in ein Gespräch mit seinem Gott münden, Hymnen, Liebeslieder, Klagepsalmen, gewaltig und sensibel bis in die Haarwurzeln. Ein strenger Mahner und Kritiker war er, ein Visionär, ein neugierig Staunender, wie hat er sich über Kitsch und billige religiöse Gebrauchskunst, über die Verhübschung des öffentlichen Raumes aufregen können.

In bester bäuerlicher Tradition (er stammte aus dem oststeirischen Ebersdorf bei Gnas) hat er einem Nachfolger die Wege geebnet, mit Johannes Rauchenberger ist ein begabter Theologe und Künstler in seine Fußstapfen getreten, wir dürfen von ihm und seinem Team große Dinge erwarten. Möge die Fackel Otto Mauers weitergetragen werden. Josef Fink hat als einer dieser Fackelträger Licht und gleichzeitig herzliche Wärme in die Nacht des dumpfen Dahinbrütens getragen.

Der Tod Gott hat ihn erbeutet, er konnte ihm nicht mehr entfliehen.

Als ihm im Endstadium seiner Zuckerkrankheit beide Beine amputiert wurden, schlug er erst mit dem Stock auf seine blutigroten Bilder ein, um dann seinen Schmerz nach trotzigem Aufbäumen in Einverständnis zu wandeln.

als du mir die Füße abhacktest habe ich zu tanzen begonnen (zur Ausstellung "post festum (nach der Säge)" 1998, Bildungshaus Mariatrost) Josef, der Freund. Am 11. Dezember wäre er 58 Jahre alt geworden. Möge er, heil an Leib und Seele, mit den Engeln tanzen.

Der Autor ist Direktor des Bildungshauses Mariatrost in Graz.

JERUSALEM Mehr als die Ferne irritiert mich die Nähe der Sache Denn es steht nicht geschrieben wie viele Stadien tagelang?

wochenlang?

jahrelang?

sie unterwegs waren unter der Sternkonjunktion Fest steht daß vom Zion hinaus bis nach Bethlehem bloß zwei Stunden zu gehen ist So nah ist die Sache Fest steht auch daß die Fremden nach der Auskunft im Tempel hinaus nach Bethlehem gingen und knieten Aber es steht nicht geschrieben daß einer der Auskunft gebenden Priester die zwei Stunden Wegs hinausgegangen wäre Mehr als die Ferne irritiert mich deshalb die Nähe der Sache (aus: Josef Fink, Chronischer Himmel. Verlag Styria, Graz 1995)

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