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Ein heiliges Spiel

Öffentliches Leiden und Sterben Johannes Pauls II., Wahl Benedikts XVI., Weltjugendtag in Köln: Nie war die katholische Kirche weltweit so präsent wie in diesem "katholischen" Jahr 2005. Das Dossier setzt sich mit den Medien vis-à-vis den katholischen Ereignissen auseinander (unten), bietet Beobachtungen zum Weltjugendtag (Seite 26), fragt bei der Hamburger Bischöfin Maria Jepsen nach, wie evangelische Christ(inn)en das Geschehen bewerten (Seite 27), und lässt Neuerscheinungen zum Papstwechsel Revue passieren (Seite 28). Redaktion: Otto FriedrichDas vergangene Jahr war für die katholische Kirche ein "Annus mirabilis" - ein wunderbares Jahr: Selten zuvor zeigten sich derartige Berührungspunkte zwischen den globalen Medien und der Weltkirche.

Der Papst ist tot. Es lebe der Papst. - 2005 war die katholische Kirche das globale Religionsthema der Medien: Ein katholisches Annus mirabilis.

Bei genauerer Betrachtung scheint diese weniger überraschend zu sein, als man auf den ersten Blick vermutet: Man konnte etwa schon in den letzten Jahren beobachten, dass Grundelemente, die sich in der katholischen Kirche durchsetzten (und die liberalen Katholiken gar nicht immer sympathisch sind), den Gesetzmäßigkeiten und Bedürfnissen der Medienglobalisierung evident nahe kommen - unter anderem: Personalisierung, Globalisierung, Hierarchisierung, große Gesten und klare Botschaften. All das kann die katholische Kirche anbieten: Sie hat eine Identifikationsfigur an der Spitze, sie ist seit jeher global vernetzt, sie hatte einen Papst, der Meister der großen Gesten war, und sie hat einen Papst, der auf seinen Weise dem Vorgänger diesbezüglich nachfolgt (vielleicht war das ja auch das größte Überraschungsmoment beim Weltjugendtag in Köln). Und natürlich reklamiert die katholische Kirche für sich, in einer Zeit der Suche ein klares Orientierungsangebot vorweisen zu können.

I. Das Sterben als große Geste

Auch das Leiden und Sterben Johannes Pauls II. ist medialen Bedürfnissen entgegengekommen. So konnten die Medien über dieses öffentliche Sterben Werte transportieren, die offenbar sonst nicht, oder jedenfalls nicht in dieser Dichte zu vermitteln gewesen waren. Das ist ein interessantes Phänomen und entzieht sich selbst rationalen Beurteilungskriterien. Der nüchterne Zeitgenosse, auch der katholische, konstatierte, dass der Papst als Chef von mehr als einer Milliarde Gläubigen ein Minimum an körperlicher und geistiger Fitness benötigt, um sein Amt ausfüllen zu können. Dieses Mindestmaß an Amtsfähigkeit hatte Johannes Paul II. schon eingebüßt. Aber offensichtlich ging es gar nicht um reale Amtsfähigkeit, sondern um das große Zeichen - und dieses große Zeichen ist auch angekommen, wie etwa an zwei Wortmeldungen aus protestantischem Mund, die normalerweise nichts mit dem Papsttum am Hut haben, sichtbar wird: "Durch Johannes Paul II. ist ein Bild von Gebrechlichkeit öffentlich gemacht worden, das hoffentlich als Ermutigung empfunden wird und zu einer neuen Einstellung gegenüber Leiden, Alter, Tod beiträgt" meinte der Wiener evangelische Theologe Ulrich H. J. Körtner am 5. Mai in der Furche.

Dementgegen hatte schon im März der in München lehrende evangelische Systematiker Friedrich Wilhelm Graf sich in der Süddeutschen Zeitung eher spitz mit dem Leiden des Papstes auseinander gesetzt: "Johannes Paul II. hat alte, komplexe Überlieferungen vom öffentlichen Papalsterben mit faszinierender religionspolitischer Konsequenz renoviert. Das verbreitete Bild eines antimodern autoritären Restaurationspapstes wird der postmodernen Deutungssouveränität nicht gerecht, mit der dieser Bischof von Rom höchst heterogene Elemente der kirchlichen Tradition zum Gesamtkunstwerk seiner selbst verknüpft. Früh schon stimmte Karol Wojtyla seine religiöse Mission auf den Grundton eines Heil bringenden Martyriums".

Trotz allem kritischen Unterton musste also auch Graf zugestehen, dass die Darstellung wirkt. Zeichenhafter Höhepunkt war zweifellos der Ostersonntag auf dem Petersplatz, wo die Überhöhung des Gestus nicht mehr zu überbieten war: Unten feierten die Kardinäle und die fromme Menge den Ostergottesdienst. Aber rechts oben über dem Petersplatz im obersten Stock des Apostolischen Palastes stand das leere Fenster offen, und dieses leere Fenster (in der tv-Übertragung immer wieder ins Bild geholt) war wichtiger als alles Geschehen auf dem Platz. Als der vom Tod gezeichnete Johannes Paul II. dann am Fenster erschien, den Segen zu sprechen versuchte, aber nicht mehr sprechen konnte, sondern nur mehr die Segensgeste andeutete, da war aus dem von den Medien global verbreiteten Geschehen ein heiliges Spiel geworden, eine ungeschminkt heilige Allianz zwischen dieser Religion und den Medien.

Nach dem Ostersonntag lief die die öffentliche Sterbebegleitung vollends geölt: Die Medien lieferten das Sterben (ebenfalls ein eindrückliches Bild: die nackte Holzkiste mit der sterblichen Hülle des toten Papstes, schmucklos mitten im funebralen Prunk des Requiems), aber auch das Auferstehen - als neuer Pontifex maximus Benedikt xvi. - frei Haus. So etwas macht keine Konfession, keine Religion der katholischen Kirche nach. Und selten war dies so global authentisch wie in den Frühlingstagen 2005.

II. "Bravo, Bene!"

Ein zweiter Befund geht vom Gegenteil aus, nämlich, dass die Relevanz der institutionellen Religion im Sinkflug ist. Religionssoziologische Studien etwa halten fest, wie - jedenfalls in hiesigen Breiten - die institutionelle Religion, die Kirchen unattraktiv geworden sind. Der religiöse Mensch der Gegenwart, so der Tenor dieser Befunde, baut sich seine Religiosität aus verschiedenen Versatzstücken auf, er ist wählerisch, nicht mehr mit Haut und Haaren in einer konfessionellen Gemeinschaft verwurzelt. Die Religionssoziologie beobachtet und analysiert daher auch eine Eventkultur, die gerade auf dem religiösen Feld zu finden ist. Religion, die diesen Bedürfnisse nachgeht, kommt an - und bedient ihrerseits die Medien, die auf der Klaviatur dieser Eventkultur spielen. Auch auf diesem Feld - was die mediale Inszenierung, besser: Eventisierung von Religion betrifft - war die katholische Kirche 2005 ein unschlagbarer Global Player. Ja, die Medien brauchen Events, und ein Papstbegräbnis mit fünf Millionen Pilgern ist ebenso ein solches wie eine Papstwahl, und die Medien bedankten sich mit Jahrhundertschlagzeilen wie "Wir sind Papst" (© Bild-Zeitung), "Papa Ratzi" (© The Sun, London), "Oh, mein Gott!" (© taz, Berlin) - was braucht die katholische Kirche bei solchen Schlagzeilen noch pr machen?

Der neue Papst hat diese Mechanismen schnell in den Griff bekommen, was beim Kölner Weltjugendtag im August geschehen ist, passt in dieses Muster. Unglaublich, welche Allianzen zwischen Medien und der katholischen Kirche da zu Tage gekommen sind: So widmete die bekanntlich erzkatholische Jugendillustrierte Bravo am Weltjugendtag dem Ratzinger-Papst ein Poster, auf dem neben dem mild lächelnden Benedikt xvi. in Balkenlettern "Bravo, Bene!" zu lesen war. Besser hätte man dieses medial wunderbare Jahr der katholischen Kirche kaum charakterisieren können.

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