Ein Streit um mehr als nur die Arbeitszeit

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Tageweise länger zu arbeiten schadet nicht, solange die Anzahl der Wochenstunden gleich bleibt, heißt es aus der Wirtschaftskammer. Nicht ganz so unproblematisch sieht man das beim Gewerkschaftsbund. DIE FURCHE hat bei den Präsidenten beider Seiten nachgehakt.

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Tageweise länger zu arbeiten schadet nicht, solange die Anzahl der Wochenstunden gleich bleibt, heißt es aus der Wirtschaftskammer. Nicht ganz so unproblematisch sieht man das beim Gewerkschaftsbund. DIE FURCHE hat bei den Präsidenten beider Seiten nachgehakt.

Einzelne längere Arbeitstage seien keine zusätzliche Belastung, würden also auch nicht die Gefahr von Burn-out oder noch schlechterer Vereinbarkeit von Beruf und Familie erhöhen, meint WKO-Präsident Christoph Leitl.

Die Furche: Wir erleben gerade eine Rekordarbeitslosigkeit. Andererseits klagen viele über zuviel Arbeit. Ist es angesichts dieser Ungleichverteilung von Arbeit sinnvoll, aus dem "zuviel" ein "noch mehr" zu machen?

Christoph Leitl: Der Wirtschaft geht es nicht um eine Arbeitszeitverlängerung, sondern um eine flexiblere Arbeitsverteilung über die Woche. Während der Wirtschaftskrise 2008/09 etwa ist die heimische Wirtschaft um 3,8 Prozent eingebrochen, die Beschäftigungszahlen sanken nur um 1,4 Prozent - was einer Sicherung von rund 80.000 Arbeitsplätzen entspricht. Nach einer Erhebung der OECD entfiel davon ein großer Teil auf Formen flexibler Beschäftigung, insbesondere auf Überstundenabbau und flexible Arbeitszeiten. Flexible Arbeitszeitmodelle sichern besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Arbeitsplätze. Ein Mehr an Flexibilität nützt zudem nicht nur den Betrieben, sie ist auch zum Vorteil der Arbeitnehmer, weil damit häufiger Gleittage und verlängerte Wochenenden möglich werden. International gesehen zeichnet sich übrigens ein klarer Trend weg von Arbeitszeitverkürzung ab. In manchen Ländern wie der Schweiz geht es sogar in Richtung Arbeitszeitverlängerung, was -ich betone das nochmals - für uns kein Thema ist.

Die Furche: Längere Arbeitstage und kürzere Erholungsphasen fördern aber Erschöpfungszustände wie Burn-out, die oft längere Krankenstände zur Folge haben. Sind Zwölf-Stunden-Tage da eine nachhaltige Lösung?

Leitl: Da es nicht um eine Arbeitszeitverlängerung geht, sondern um eine flexiblere Verteilung und auch die Arbeitnehmer sich flexible Arbeitszeiten wünschen, sehe ich da keine Gefahr. Übrigens sinkt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der Österreicher ohnehin Jahr für Jahr um etwa eine Viertelstunde, weil Teilzeit zunimmt - nicht weil die Menschen das müssen, sondern weil sie es wollen. Laut Eurostat arbeiten nur 11,5 Prozent der Teilzeitbeschäftigten unfreiwillig Teilzeit.

Die Furche: Lange Arbeitstage lassen sich nicht mit öffentlichen Kinderbetreuungsangeboten verbinden, die selbst in Wien spätestens um 18 Uhr dicht machen. Sollen die Arbeitnehmer für die zusätzlichen Kinderbetreuungskosten durch einen Zwölf-Stunden-Tag selbst aufkommen?

Leitl: Ich bin überzeugt, dass Eltern durch mehr Flexibilität am Arbeitsplatz Familie und Beruf sogar besser unter einen Hut bringen können. Aber klar ist, dass es für arbeitende Eltern eine große Erleichterung wäre, wenn auch Kindergärten und Schulen flexibler wären. Die Wirtschaft drängt seit langem auf Maßnahmen zur Verbesserung der Kinderbetreuungsangebote auch zu Randzeiten.

Die Furche: Mit welchen Zuckerln könnte der 12-Stunden-Tag den Arbeitnehmern schmackhaft gemacht werden, im Sinne von "Leistung muss sich wieder lohnen"?

Leitl: Ein wichtiger Vorteil ist, dass Arbeitnehmer sich Zeitpolster schaffen können, die an anderer Stelle - für die Kinderbetreuung, für verlängerte Wochenenden etc. - konsumiert werden können. Eine aktuelle Market-Umfrage zeigt, dass genau das auch von den Arbeitnehmern gewünscht ist. Demnach sehen 83 Prozent Überstunden als sinnvoll an und würden sogar 90 Prozent phasenweise auch bis zu zwölf Stunden arbeiten, wenn dadurch ein zusätzlicher freier Tag und mehr Freizeit gewonnen wird.

Die Furche: Wird es zur Ankurbelung der Wirtschaft in Österreich nicht ganz andere Reformen benötigen als eine Arbeitszeitverlänger ung? Ständig ist die Rede von nachhaltigem Wachstum, Innovationen, Qualität statt Quantität ...

Leitl: Ja natürlich! Flexiblere Arbeitszeiten sind nur ein Element eines Maßnahmenbündels, das Österreich setzen muss. Da geht es etwa um Anreize für betriebliche Investitionen, um eine ernst gemeinte Entbürokratisierung zugunsten der Betriebe und darum, vor allem den kleinen und mittleren Unternehmen den Zugang zu Finanzierung zu erleichtern. Und natürlich braucht Österreich eine massive Entlastung bei den Lohnnebenkosten, wo die Belastung im internationalen Vergleich besonders hoch ist. Aber klar ist: Flexibilisierung und Individualisierung sind gesellschaftliche Trends, die auch in den Arbeitszeiten Berücksichtigung finden müssen.

Der Zwölf-Stunden-Arbeitstag sei bereits möglich, den Arbeitgebern gehe es vor allem um ein Vermeiden von Überstundenzahlungen , meint ÖGB-Präsident Erich Foglar, und fordert im Gegenzug für die hohe Flexibilität mehr Freizeit.

Die Furche: Die Arbeitsstundenzahl pro Woche soll trotz 12-Stunden-Tag gleich bleiben, argumentiert die WKO. Warum sind Sie dennoch dagegen?

Erich Foglar: Die Arbeitsstundenanzahl pro Woche ist das eine, die tägliche Höchstarbeitszeit das andere. Bereits jetzt haben wir die Möglichkeit einer Zwölf-Stunden-Höchstarbeitszeit pro Tag. Daher sehen wir keine Notwendigkeit, das generell aufzumachen. Die Frage ist ja, wie dann kontrolliert wird, ob die wöchentliche Höchstarbeitszeit eingehalten wird. Die Erholungsphase später nützt mir nicht viel, wenn ich am Tag selbst übermüdet bin und mich selbst gefährde. Gerade bei schwierigen und gefährlichen Arbeiten fungiert das Arbeitszeitgesetz als Schutzgesetz.

Die Furche: Die WKO betont, es gehe nur um eine Arbeitszeitflexibilisierung, nicht um eine Verlängerung.

Foglar: Wir sind bereits eines der flexibelsten Länder. Es gibt fast alle Arbeitszeitmodelle, die man sich vorstellen kann. Einen Zwölf-Stunden-Tag muss man nur melden und danach die Erholungszeit gewähren. Höchstarbeitszeit heißt nämlich, dass Überstunden aufrecht bleiben und damit auch die dementsprechenden Überstunden-Entlohnung. Die Arbeitgeber überlegen natürlich, wie man die Bezahlung senken kann. Wenn der Zwölf-Stunden-Tag zur Regel wird, kommt die Selbstbestimmungsmöglichkeit der Arbeitnehmer unter die Räder.

Die Furche: Sollte das 40 Jahre alte Arbeitnehmerschutzgesetz nicht angepasst werden?

Foglar: Das Arbeitnehmerschutzgesetz ist alt, aber alt heißt nicht, dass es schlecht ist, und modern heißt nicht, dass man alle Schutzmaßnahmen über Bord werfen soll. Wenn die Höchstarbeitszeit auf der einen Seite erhöht wird und auf der anderen Seite argumentiert wird, dass das Arbeitnehmerschutzgesetz längst an die modernen Bedingungen angepasst gehört mit dem Hintergedanken "Weg mit den Kontrollen, der Bürokratie, der Schikane!", dann ist die Absicht klar: Länger arbeiten, weniger kontrollieren. Dann wird die Schutzfunktion klar ausgehöhlt.

Die Furche: Sollten sich Arbeitnehmer nicht im eigenen Interesse der Arbeitsplatz-Sicherheit flexibler zeigen?

Foglar: Gesetze und Kollektivverträge ermöglichen jetzt schon unterschiedlichste Arbeitszeitformen, Jahresarbeitszeiten, Zeitausgleichskonten etc. Ständig in den Raum zu stellen, dass wir flexibler werden müssen im eigenen Interesse ist ein Lachakt. Wer das behauptet, negiert die Realität, will Kosten meiden und die Arbeitszeiten noch weiter ausdehnen. Aber irgendwann ist Schluss.

Die Furche: Mit welchen anderen Maßnahmen neben der Arbeitszeitflexibilisierung sollte man auf den globalen Wettbewerb, Auftragsschwankungen, etc. reagieren?

Foglar: Es gibt bereits diverse Maßnahmen: Betriebliche Schwankungen werden durch Kollektivverträge und Betriebsvereinbarungen ausgeglichen, es gibt Bandbreitenmodelle, Jahreszeitenmodelle, Unternehmen, die mit Zeitkonten Saisonschwankungen ausgleichen, um die Leute nicht zum AMS schicken zu müssen und Spitzen nicht mit zu vielen Zeitarbeitern abdecken zu müssen. Am flexibelsten waren wir mit der Kurzarbeit, als die Wirtschaft eingebrochen ist. Wir sollten das Thema Arbeitszeitverkürzung diskutieren, weil höhere Tagesgrenzen nur mit einer Verkürzung der Arbeitszeit einhergehen können. Die Belastung muss ja ausgeglichen werden.

Die Furche: Kombiniert mit einer Arbeitszeitverkürzung wäre der Zwölf-Stunden-Tag also denkbar für Sie?

Foglar: Wenn ich drei Mal zwölf Stunden arbeite, bin ich bei 36 Stunden. Wenn ich dann eine längere Erholungsphase habe, kann ich damit leben. Dann müssen wir aber über eine Arbeitszeitverkürzung sprechen, und da sind die Arbeitgeber leider nicht gesprächsbereit. Es müsste eine Form des Ausgleichs geben, etwa auch in Form einer sechsten Urlaubswoche oder in Form von mehr Zeitsouveränität für die Arbeitnehmer. Wenn sie auf einem großen Berg an Zeitguthaben sitzen und dieses nicht konsumieren können, fehlt ihnen das Geld in der Tasche. Unser Ziel ist klar: Belastung reduzieren, mehr Menschen in Beschäftigung bringen. Eine Million Menschen arbeiten Teilzeit. Sie müssen bereit sein, über das vereinbarte Ausmaß hinaus zu arbeiten. Es wäre nur fair, wenn sich hier auch die Gegenseite flexibel zeigt.

Die Gespräche führte Sylvia Einöder

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