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Ein Umdenken ist nötig

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Viele hungrige Mäuler, aber nur ein kleiner Futtertopf - so ist die Lage des Denkmalschutzes in Österreich, Sponsoren fehlen die steuerlichen Anreize.

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Viele hungrige Mäuler, aber nur ein kleiner Futtertopf - so ist die Lage des Denkmalschutzes in Österreich, Sponsoren fehlen die steuerlichen Anreize.

die furche: Sie sind seit etwa zweieinhalb Jahren Präsident des Bundesdenkmalamtes. Worin sieht diese Institution ihre Aufgaben ?

Wilhelm Georg Rizzi: Ziel ist die Erhaltung des kulturellen Erbes. Zu diesem Zweck wurde schon vor 150 Jahren die k.u.k. Zentralkommission gegründet, die als Gutachterorgan allerdings nur Empfehlungen erteilen konnte. Mit der Denkmalschutzgesetzgebung 1923 wurde das Bundesdenkmalamt zur Behörde. Seitdem haben wir ein legistisches Instrument, mit dem wir Objekte notfalls auch gegen den Willen der Eigentümer unter Schutz stellen und so erhalten können.

die furche: Wann wird ein Gebäude unter Denkmalschutz gestellt?

Rizzi: Die Kriterien dafür sind im Gesetz definiert: ein Objekt muss die entsprechende geschichtliche, künstlerische oder sonstige kulturelle Bedeutung haben, die die Feststellung eines öffentlichen Interesses an der Erhaltung rechtfertigt. Das ist gegeben, wenn es sich aus überregionaler und lokaler Sicht um Kulturgut handelt, dessen Verlust eine Beeinträchtigung des österreichischen Kulturgutbestandes in seiner Gesamtheit bedeuten würde.

die furche: Wie hoch schätzen Sie den Bestand an schützenswerten Gebäuden in Österreich?

Rizzi: Aufgrund von Hochrechnungen einzelner Bezirke gehen wir von einem Denkmalbestand von etwa 60.000 Objekten aus. Dabei muss man jedoch sagen, dass der Denkmalbegriff dem Wandel der Zeit unterworfen ist. So sind in jüngerer Zeit neue Kategorien wie das wirtschafts- oder technikgeschichtliche Denkmal in den Blickpunkt gerückt. Eine derartige Gesamterfassung kann also nie ganz definitiv sein, es wird immer ein gewisse Offenheit geben müssen.

die furche: Wie viele Gebäude konnten bisher unter Schutz gestellt werden?

Rizzi: Wir haben von diesem Bestand erst etwa ein Drittel de facto unter Denkmalschutz. Das Verfahren ist sehr mühsam. Es sind vom Gesetzgeber alle Rechtsmittel eingeräumt und diese werden auch häufig von den Parteien ergriffen. Manche Verfahren gehen durch mehrere Instanzen, das kostet viel Zeit und Arbeit. Das hat dazu geführt, dass das Denkmalamt trotz aller Anstrengungen bisher erst etwa ein Drittel der Denkmale unter Schutz stellen konnte.

die furche: Gibt es etwas, worum Sie weinen?

Rizzi: Glücklicherweise haben wir nach dem Krieg nur wenige wirklich bedeutende Einzeldenkmale verloren, wesentlich schmerzvoller erscheint jedoch das Verschwinden der historischen Siedlungsgefüge im ländlichen Raum. Dabei ist dafür nicht in erster Linien das Bundesdenkmalamt verantwortlich zu machen. Ortsbildpflege fällt in die Kompetenz der Länder. Wenn Sie heute über Land fahren, werden Sie feststellen, dass die Dokumente historischer bäuerlicher Alltagskultur vielfach verloren gegangen sind. Wie ein burgenländisches Dorf vor 100 Jahren ausgeschaut hat, ist nur mehr durch Fotografien überliefert. Wenn sie heute durch so ein Dorf fahren, fallen Ihnen vielleicht zwei Häuser auf, die noch alt ausschauen. Wenn Sie genauer hinsehen, erkennen Sie: Das sind Kopien. Ich war als Architekturstudent in Mörbisch Häuser zeichnen: Keines davon steht noch. So ein Haus, aus Lehm gebaut, ist leicht zu demolieren, da fährt die Maschine rein, und es liegt. Eine Kirche würde heute wohl niemand mehr abreißen. Aber ein Haus am Land: da kräht keiner danach. Bei der bäuerlichen Architektur ist juridischer Schutz besonders problematisch. Wenn abzusehen ist, dass es nicht die geringste Erhaltungsperspektive gibt, welchen Sinn haben dann staatliche Interventionen?

die furche: Warum gibt es oft Widerstände gegen den Denkmalschutz? Sehen Betroffene die Unterschutzstellung nicht als Aufwertung Ihres Besitzes?

Rizzi: Dieser honorige Standpunkt ist leider sehr selten. Die Mehrheit sagt: Lassen Sie mich in Ruhe. Machen wir uns nichts vor, Denkmalschutz ist eine Eigentumsbeschränkung. Der Staat verlangt die Erhaltung "im öffentlichen Interesse". Da kommt dann automatisch die Frage: Was bekomme ich dafür?

die furche: Was könnte das Bundesdenkmalamt als Anreiz geben?

Rizzi: Der Staat kann Subventionen, aber auch steuerliche Erleichterungen bieten. Vor allem letztere sollten ausgebaut werden. Bei den Subventionen sind wir im Moment aus bekannten Gründen an der unteren Grenze und tun uns natürlich hart. Allerdings muss man sagen, dass auch die professionelle fachliche Beratung bei allen Problemen der Instandhaltung und Instandsetzung einen gewissen Wert repräsentiert und durchaus zu Einsparungen bei Investitionen führen kann.

die furche: Welches Budget haben Sie im Jahr zu Verfügung?

Rizzi: Der Subventionstopf ist leider sehr klein. Heuer sind es 133 Millionen für Bauten im Privatbesitz, die bundeseigenen Denkmale nicht eingerechnet. Im Vorjahr waren es 153 Millionen, das bedeutet Kürzungen von etwa 17 Prozent, also der Satz, der alle Institutionen betroffen hat.

die furche: Worin sehen Sie momentan eine dringliche Aufgabe?

Rizzi: Einem Objekt sieht man oft von außen nicht an, ob es ein Denkmal ist. Was wir jetzt machen, ist eine flächendeckende Bestandsaufnahme, eine Inventur. Wir erarbeiten ein Denkmalverzeichnis für das gesamte Bundesgebiet. Das ist ein Monsterunterfangen für die kommenden zehn Jahre. Die Listen, die auch bebildert sind, werden den Bürgermeistern und Parteien zugeschickt. Wir erhoffen uns davon einen günstigen Effekt: Es wird ja immer geargwöhnt, eine Unterschutzstellung sei ein subjektiver Akt einer Behörde, der für den einzelnen schwer nachvollziehbar ist. Warum mein Haus, wo doch das von schräg gegenüber genauso alt ausschaut? Wenn der Betroffene, den Denkmalbestand seiner Gemeinde im Gesamten sieht, kann er den Stellenwert seines Objektes selbst einschätzen und merkt, dass es mit Berechtigung unter Denkmalschutz gestellt wird. Wenn dann noch der Bürgermeister sagt, dass man mit uns gut zusammenarbeiten kann, wird man mit geringeren Reibungsverlusten über die Runden kommen.

die furche: Wie schätzen Sie das Bewusstsein in Österreich für das Kulturgut Denkmal ein?

Rizzi: Das "feeling" für historische Objekte ist in anderen Ländern, wie etwa in England zweifellos weiter entwickelt. 1975 war das Jahr des kulturellen Erbes, das hat für die Denkmalidee einen Riesensprung nach vor gebracht, nun geht dieses Pendel wieder zurück, der Rückgang hält, wie ich glaube, noch an.

die furche: Was könnte man bei Ihrem geringen Budget tun, um im Notfall ein Gebäude vor dem Verfall zu retten?

Rizzi: Es gibt hier einen Topf, in dem ist nicht sehr viel drinnen. Andererseits haben wir sehr viele Mäuler, die aus diesem Topf zu stopfen sind. Nicht alle sind gleich weit aufgerissen, nicht alle sind gleich bedürftig. Das muss man mit vernünftigem Augenmaß betrachten. Es gibt grundsätzlich keinen Rechtsanspruch auf Förderung, man wird dort handeln, wo Not am Mann ist. Prinzipiell sollten Besitzer darauf achten, mit kleinen, laufenden Maßnahmen und regelmäßiger Pflege größeren Schäden vorzubeugen. Damit kann man mit bescheidenem Aufwand sehr effektiv arbeiten. Dafür wäre ein grundsätzliches Umdenken nötig.

die furche: Was gäbe es abgesehen vom Subventionen für Möglichkeiten?

Rizzi: Spendenfreudigkeit durch Steuerbegünstigung. Wir bekommen etwa 30 Millionen im Jahr auf diese Weise dazu. Das ist eine ganz schöne Summe, interessanterweise kommen 90 Prozent davon von privaten Spendern. Außerdem gibt es einige Vereine, die sich das Ziel gesteckt haben, bei Firmen anzuklopfen. Das ist ein dankbares Zubrot, das aber leider noch nicht genügend Stellenwert bei uns hat.

die furche: Gibt es Fallbeispiele, auf die Sie besonders stolz sind?

Rizzi: Wir haben rund 5000 Befassungen im Jahr, in der Zeitung steht das Negative, beim Rest ist man froh, dass er erhalten werden konnte. Kein Aufsehen zu erregen, ist in der Denkmalpflege nicht negativ besetzt. Positive Beispiele sind etwa die Barockpaläste in Wien, die im letzten Jahrhundert durch soziale und wirtschaftliche Umwälzungen herabgekommen waren. Schauen Sie sich heute das Palais Esterhazy an, das Palais Harrach, oder das Palais Kinsky. Wie hat sich das Bild gewandelt! Da haben wir schon viel heimliche Missionsarbeit hineingesteckt, um die Investoren zu überzeugen, denn reiche Leute rechnen gut. Natürlich ist das immer auch eine Gratwanderung, Veränderungen muss man wohldosiert zugestehen.

Das Interview mit DI Dr. Wilhelm Georg Rizzi, Präsident des Bundesdenkmalamtes, führte Isabella Marboe.

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