Ein unerhörter Prophet

"In seinen Büchern 'Die Hakenkreuzler' und 'Die Nazisozi' bezeichnete Fischer Hitler als 'Schönworteheiland', dessen 'nationale Kleinhäuslerei' einen neuen Weltkrieg heraufbeschwöre."

Zu jenen Personen, die unmittelbar nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland sofort verhaftet werden sollten, zählte auch der Wiener Franziskanerpater Zyrill Fischer. Dies war dem Ordensmann, der sich durch Vorträge und Publikationen einen Namen als einer der profiliertesten NS-Kritiker im deutschen Sprachraum gemacht hatte, auch durchaus bewusst, seit ihm eine schwarze Liste der Gestapo von der Staatspolizei zugespielt worden war. Dennoch wollte Fischer nach dem Einmarsch der deutschen Truppen am 12. März 1938 zunächst noch in Wien bleiben, verließ dann aber auf dringenden Rat seiner Ordensoberen noch am frühen Abend dieses Tages in Zivilkleidung und mit wenigen Habseligkeiten das Kloster in Wien, nachdem er zuvor noch zahlreiche Unterlagen und Dokumente verbrannt hatte, um niemanden zu belasten.

Den ganzen Tag "lag die fiebernde Innenstadt Wiens" in einer Mischung aus "Lärm, Unruhe und ängstlicher Stille", man sah "Nazis unter meinem Fenster vorbeimarschieren", aber auch "viele Leute mit verweinten Gesichtern auf den Straßen", wie Fischer in seinen persönlichen Erinnerungen "Die Gestapo kam zu spät" 1944 schrieb. Seine abenteuerliche Flucht aus Wien begann mit dem Zug, unter Gestapo-Leuten sitzend, Richtung ungarische Grenze, um die Nacht im Kloster Frauenkirchen zu verbringen. Tatsächlich kamen in Wien nur einige Stunden später schon vier bewaffnete Gestapo-Männer, um den gesuchten Franziskaner festzunehmen.

Zyrill Fischer gelangte am nächsten Morgen dank einem patriotisch gesinnten Zollbeamten doch noch über die Grenze, durfte aber in Ungarn erst nach stundenlangem Rückfragen in Budapest in die Hauptstadt weiterfahren, wo er wieder bei den Franziskanern Unterschlupf fand. Nach zwei Monaten stand auch dort die Staatspolizei im Kloster und teilte Fischer mit, in Wien kenne man seinen Aufenthaltsort und verlange seine Auslieferung, weshalb er Ungarn verlassen müsse. Nachdem er über Vermittlung eines früheren Mitbruders aus Innsbruck eine Einladung des Ordensprovinzials von Cincinnati/Ohio erhalten hatte, reiste P. Fischer über Jugoslawien, Italien und die Schweiz nach Frankreich, wo er am 23. Mai in Cherbourg das Schiff nach Amerika bestieg.

Im Sommer 1940 kam Fischer dann in das Franziskanerkloster "Old Mission" in Santa Barbara an der Küste Kaliforniens. Von dort korrespondierte er mit Exilösterreichern auf der ganzen Welt und wurde etwa auch von Otto Habsburg besucht. Vor allem aber entwickelte sich eine Freundschaft mit Franz Werfel, der mit seiner Frau Alma Mahler nach geglückter Flucht aus Europa in Beverly Hills gelandet war. Für "Das Lied von Bernadette", ein Buch über die Marienerscheinungen von Bernadette Soubirous, das zu schreiben Werfel bei seinem Zwischenstopp im Wallfahrtsort Lourdes gelobt hatte, konnte ihm der Franziskaner wertvolle katholische Hintergründe geben. Beide starben auch knapp hintereinander, Fischer am 11. Mai 1945, drei Tage nach der deutschen Kapitulation, und Werfel im August 1945.

Die Nazisozi -Klarheit über das Hitlertum

Seinen Ruf als engagierter katholischer Publizist hatte der aus einer Mühlviertler Kleinbauernfamilie stammende Johannes, als Franziskaner dann Zyrill Fischer, der nach seiner Priesterweihe in Innsbruck in St. Valentin seelsorglich gewirkt hatte, mit scharfsinnigen Analysen der sozialistischen Kinderfreunde-Bewegung (1924) und der religions-und kirchenfeindlichen Agitation des Austromarxismus begründet. Daraufhin holte ihn Kardinal Piffl zur Pressearbeit für kirchliche Einrichtungen nach Wien. Da ihn seine Schreib-und Vortragstätigkeit auch nach Deutschland führte, konnte Fischer dort ab 1927 den rasanten Aufstieg der Nationalsozialisten beobachten, indem er etwa auch unerkannt Veranstaltungen der Nazipartei besuchte. Fischer erkannte bald die Gefahren der NS-Bewegung und schrieb darüber im ganzen deutschsprachigen Raum. "Ich begriff, dass sich hier eine große Gefahr für ganz Europa zusammenbraute - ja, für die ganze Welt!"

In seinem 1932 erschienenen Buch "Die Hakenkreuzler" und dessen Kurzversion "Die Nazisozi" im Gsur-Verlag von Ernst Karl Winter, die die zentralen Inhalte der Nazis vom Rassismus bis zum Verhältnis zur Religion vor Augen führten, bezeichnete er Hitler als "Schönworteheiland", dessen "nationale Kleinhäuslerei" einen neuen Weltkrieg heraufbeschwöre. Den Blut-und Boden-Mythos der NS-Ideologie verurteilte Fischer in diesen Schriften als eine biologistische und mit dem Christentum unvereinbare "Häresie" ebenso wie die in Deutschland bereits einsetzende Judenverfolgung. Diese prophetischen Worte, wie er sie etwa auch im Artikel "Klarheit über das Hitlertum" in der Wiener Sonntagszeitung im Dezember 1932 äußerte, brachten ihm von wütenden Nazis anonyme Todesdrohungen ein.

Gerade auch im Verhältnis zum Judentum entwickelte Fischer unerhört neue Ansätze einer interreligiösen Verständigung, die er bei dem vielbeachteten Vortrag "Wie sieht der Katholik das jüdische Volk" 1934 in Wien mitteilte. Zyrill Fischer war auch einer der Unterzeichner des von katholischen Intellektuellen aus ganz Europa verfassten Memorandums "Die Kirche Christi und die Judenfrage", das der deutsche Zentrumspolitiker Joseph Wirth 1937 an den Vatikan-Staatssekretär Eugenio Pacelli, den späteren Papst Pius XII., übermittelte. Doch die darin enthaltenen dringenden Warnungen drangen scheinbar nicht bis zum Papst vor.

Konflikt mit den "Brückenbauern"

Aber auch im kirchlichen Bereich Österreichs blieben die Mahnungen Fischers weitgehend ungehört. Die latenten Spannungen zwischen den katholischen Verbänden und der 1927 gegründeten Katholischen Aktion (KA), die mit dem Katholikentag 1933 immer stärker von der Erneuerungsbewegung "Bund Neuland" bestimmt wurde, entluden sich auch in der Frage der Haltung zum Nationalsozialismus. Während der "Volksbund der Katholiken Österreichs" eher der Christlichsozialen Partei nahestand, suchten die "Neuländer" und manche ihrer nationalkatholischen "Brückenbauer" teils auch aus pastoralen Gründen eine Verständigung mit dem Nationalsozialismus.

Fischer, der den politischen Katholizismus des autoritären Ständestaates als Bollwerk "gegen braunen und roten Bolschewismus, für Christentum und Österreichertum" (so eine Einschaltung in einer Zeitschrift) anfangs durchaus begrüßte und den Neuland-Proponenten "geistigen Hochverrat" vorwarf, konnte Kardinal Innitzer aber nicht von seiner kompromisslosen Haltung zur NS-Ideologie überzeugen. Dieser übertrug vielmehr Neuland die Führung der KA. Obwohl Fischer 1936 von der Kirchenführung seiner publizistischen Basis, der Volksbund-Zeitschrift Katholisches Leben, enthoben wurde, verteidigte er den Kardinal später in seinen Erinnerungen.

Zyrill Fischer, der hochaktive Querdenker und unerschrockene Einzelkämpfer, machte die Erfahrung der biblischen Propheten, die in ihrem eigenen Land nichts gelten. Aber im Hintergrund engagierte er sich weiter in einigen der Regierung nahestehenden Organen wie etwa der "Christlichen Pressezentrale" und ab 1936 in vom "Sekretariat sozialer Arbeit" organisierten inoffiziellen Gesprächsrunden zwischen Regierung, Arbeiterschaft und Kirche und in den letzten Wochen vor dem Anschluss auch noch in Vermittlungsaktionen Schuschniggs zu den Sozialisten.

In dieses Bild des "Rufers in der Wüste", wie sich P. Fischer später im US-Exil selbst bezeichnete, passt es auch, dass außer einem Nachruf des emigrierten jüdischen Schriftstellers Robert Braun 1946 in der FURCHE und einer späten Würdigung im Wiener Diözesanblatt 1973 auch kirchlicherseits fast nichts über den prophetischen Franziskaner zu hören war. Sein Ordensbruder Stefan Kitzmüller vom Kloster in Maria Enzersdorf, der sich wissenschaftlich mit Zyrill Fischer beschäftigte und sein Testament und alle noch verfügbaren Aufzeichnungen in Nachfolge der mit Fischer befreundeten Familie Lugmayer verwaltet, macht in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass der persönliche Nachlass Fischers mit einigen vertraulichen Manuskripten in den 1970er-Jahren schon bald nach dem zweiten Kurznachruf durch jemand Unbekannten vom Archiv der "Old Mission" erworben wurde und seither verschollen ist. Mit dem Verschwinden dieser Aufzeichnungen sei nicht nur ein aufschlussreiches Stück kirchlicher Zeitgeschichte entzogen worden, sondern auch sein Autor zumindest in diesem Aspekt zum Schweigen gebracht worden.

"Gerade auch im Verhältnis zum Judentum entwickelte Fischer unerhört neue Ansätze einer interreligiösen Verständigung."

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