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Eine militaristische Kultur

Guatemala - ein Land, das immer noch im Zeichen der in den achtziger Jahren verübten Massaker an den Indios steht. Ein Gespräch über die schleppenden Bemühungen, das Land zu befrieden.

Guatemala: Durch den Papstbesuch im Juli ist dieses zentralamerikanische Land und seine prekäre innenpolitische Situation ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gerückt. Vor etwa fünf Jahren haben Regierung und Guerilla einen Friedensvertrag unterzeichnet. Darin geht es um Demobilisierung der Rebellen und Entmilitarisierung, aber auch um Rechtsstaatlichkeit, indianische Rechte und wirtschaftliche Umverteilung. Bis heute wurde davon außer der Entwaffnung der Guerilla wenig umgesetzt.

Im folgenden Interview geht es um die derzeitige Lage im Land. Der Gesprächspartner, Weihbischof Mario Ríos Montt, wurde 1998 Nachfolger des ermordeten Bischofs Juan Gerardi als Leiter der Sozialpastoral. Er steht damit in Konfrontation zu seinem Bruder, General Efraín Ríos Montt, der im März 1982 für 16 Monate an die Macht gekommen war und zahllose Massaker an indianischen Gemeinden zu verantworten hat. "Wir haben die selben Eltern aber nicht die selbe Ausbildung genossen", erklärt der Bischof: "Er wuchs in der Kadettenschule auf, ich im Priesterseminar."

Die Furche: Man hat den Eindruck, dass von den Friedensverträgen bisher nichts umgesetzt worden ist ...

Bischof Mario Rí´os Montt: Dass die Friedensverträge überhaupt nicht umgesetzt wurden, ist übertrieben. Man muss gewisse Fortschritte anerkennen aber gleichzeitig einen Stillstand konstatieren. Man muss sich die Frage stellen, warum das so ist. Die Regierungen haben die Friedensverträge nicht als zentralen Punkt ihrer Arbeit anerkannt, sondern als Beiwerk. Wir als Kirche sehen das anders. Für uns ist das Programm der Friedensverträge von zentraler Bedeutung. Sie sind die beste Agenda für ein neues Guatemala.

Die Furche: Welches sind die wichtigsten Punkte, die fehlen?

Rí´os Montt: Ganz fundamental ist das Landproblem. Außerdem muss endlich allgemein anerkannt werden, dass wir eine plurikulturelle Gesellschaft, eine ethnisch gemischte Nation sind. Die Diskriminierung der indianischen Bevölkerungsgruppen kann nicht weiter bestehen bleiben. Das Erziehungswesen und die Gesundheitsversorgung liegen im Argen. Vor vier Jahren gab es in Guatemala auch schon viel Elend. Aber verhungert ist niemand. Das kann man heute nicht mehr sagen. In jeder dritten Gemeinde herrscht Hunger. Und das liegt an den sozialen Ungerechtigkeiten. Guatemala ist kein armes Land, es ist nur schlecht verwaltet. Es stimmt, dass auch Erdbeben und Unwetter zur Misere beigetragen haben. Aber auch in Japan gibt es Erdbeben und Orkane. Dass Lösungen nicht ernsthaft gesucht werden, liegt an den Machtgruppen. Wirtschaftslobby, Militärs und Politiker werden durch das gemeinsame Interesse geeint, sich ihren Verpflichtungen zu entziehen.

Die Furche: Die Umverteilung von Land funktioniert mit marktwirtschaftlichen Mechanismen. Man hat den Eindruck, dass über den Land-fonds nicht landlose Kleinbauern eine Existenzgrundlage bekommen, sondern Großgrundbesitzer ihr schlechtes Land zu Phantasiepreisen abstoßen.

Rí´os Montt: So ist es. Die Regierung hat Ländereien zu stark überhöhten Preisen gekauft. Die Großgrundbesitzer haben überzogene Preise für minderwertiges Land verlangt und damit Millionen verdient. Es muss ein neues Gesetz her, das beiden Seiten dient.

Die Furche: Ist der extrem ungerechten Verteilung des Landes anders beizukommen als mit einer Landreform mit konfiskatorischen Elementen?

Rí´os Montt: Ich glaube, dass es noch viel verfügbares Land gibt aber kein verlässliches Grundbuch. Zuerst muss geklärt werden, welches Land der Regierung zur Verfügung steht. Da muss einiges bereinigt werden. Wie viele Anwälte geben sich her, gefälschte Urkunden auszustellen? Warum kauft die Regierung privates Land, wenn es doch noch Staatsland gibt?

Die Furche: Die Bereinigung des Grundbuchs ist eine Titanenarbeit, die fast zur Gänze vom Ausland finanziert wird. Man hat den Eindruck, dass da von Null begonnen wird.

Rí´os Montt: Jede Region hat ihr Landregister. Da ist schon vorgearbeitet worden. Es wurden einige Anstrengungen unternommen. Es passiert aber viel zu wenig. Man kann nicht leugnen, dass etwas unternommen wird, aber die Bedürfnisse sind viel größer. Das wenige, das getan wird, dient oft nur dazu, die eigene Untätigkeit zu rechtfertigen. Aber das Problem bleibt.

Die Furche: In Guatemala kontrollieren 2000 Großgrundbesitzer 70 Prozent des fruchtbaren Landes und die reichsten 20 Prozent der Bevölkerung verzehren über 60 Prozent des Staatseinkommens, während das ärmste Fünftel gerade drei Prozent bekommt. Man hat den Eindruck, das Grundproblem dieses Landes ist seine raffgierige und rassistische Elite, die alle anderen ausschließen will.

Rí´os Montt: Das ist ein sehr hartes und vielleicht verkürztes Urteil. Deswegen kann man dem so nicht zustimmen. Es gibt einige mildernde Umstände, aber man muss anerkennen, dass den Regierenden und den Regierten die moralische Autorität abgeht, die jeder benötigt, um die Situation zu verändern.

Die Furche: Ist eine echte Lösung denkbar ohne Konsens bei der Elite, dass sich etwas radikal verändern muss?

Rí´os Montt: Ohne diesen Konsens kann die Demokratie nicht funktionieren. Man kann keinen Dialog abhalten ohne die Bereitschaft, Konzessionen zu machen und Korrekturen vorzunehmen. Alles andere ist Zeitverschwendung. Guatemala darf seine Probleme nicht mehr diskutieren, sondern muss sie lösen. Dafür bedarf es auf beiden Seiten des guten Willens. Ein Problem Guatemalas ist es, dass uns fähige Anführer fehlen, denn so viele wurden umgebracht.

Die Furche: Die Regierung von Präsident Alfonso Portillo hat Unternehmer und soziale Organisationen gleichermaßen gegen sich aufgebracht. Ist das mehr als ein taktisches Bündnis gegen einen unpopulären Staatschef?

Rí´os Montt: Wohl kaum, weil es über die Opposition zur Regierung hinaus keine gemeinsame Überzeugung gibt.

Die Furche: Es gibt Beobachter, die meinen, Guatemala steuere auf einen neuen Bürgerkrieg oder gar auf eine ausländische Intervention zu.

Rí´os Montt: Ich teile diese Meinung nicht. Ein Staatsstreich ist nicht möglich, weil die Armee ihr Prestige verloren hat. Ein Bürgerkrieg auch nicht, weil die Armee trotz allem noch stark genug ist, um jede Erhebung niederzuwerfen. Eine Intervention bedürfte eines Vorwandes den es derzeit nicht gibt. Die Beziehungen Guatemalas zur Drogenbekämpfungsbehörde der USA sind gut.

Die Furche: Im Friedensplan ist unter anderem die Verkleinerung der Armee und die Kürzung der Rüstungsausgaben vorgesehen? Ist diese Truppenreduzierung verwirklicht worden?

Rí´os Montt: Nein, und die Kürzung des Militärbudgets noch viel weniger. Der Rüstungsetat wurde sogar mehrmals aufgestockt. Das liegt daran, dass die Bank der Armee in Schwierigkeiten ist. Wenn die Militärs also nicht genug eigenes Einkommen haben, müssen sie sich aus dem Staatshaushalt bedienen.

Die Furche: Das nimmt die Zivilgesellschaft so einfach hin?

Rí´os Montt: Wir sind alle in einer militaristischen Kultur groß geworden. Diesen Makel muss man von der Wurzel her heilen. Aber es ist nicht einfach, sich gegen die Armee zu stellen, denn diese militaristische Kultur hat alle Ebenen der Gesellschaft durchsetzt.

Die Furche: Vor ein paar Monaten wurde das Urteil im Mordfall Bischof Gerardi gefällt. Neben zwei hohen Offizieren wurde auch ein Priester verurteilt. Dass zwei Offiziere wegen Mordes verurteilt werden ist in Guatemala eine kleine Sensation. Manche meinen, die Kirche hätte Pater Orantes geopfert, um die Verurteilung der Militärs zu erreichen ...

Rí´os Montt: Das ist lächerlich. Wir haben niemanden geopfert sondern versucht, die Wahrheit zu finden. Es ist nicht zu leugnen, dass Pater Orantes eine Rolle gespielt hat. Man kann den Zeugen nicht die Glaubwürdigkeit absprechen, nur weil sie Obdachlose sind.

Die Furche: Bischof Alvaro Ramazzini, der Leiter der Landpastoral, wurde vor kurzem mit dem Tode bedroht. Schwebt er in Gefahr?

Rí´os Montt: Er und viele andere. Das Problem bei den Drohungen ist, dass man weiß, wann sie anfangen aber nicht, wann sie aufhören. Denn keiner verständigt einen, dass die Drohung aufgehoben wird. Als Chef der Landpastoral ist er natürlich besonders gefährdet. Wer den Mund aufmacht, der exponiert sich. Wer schweigt, dem passiert nichts. Die Kirche hat viel gelitten in diesem bewaffneten Konflikt. 17 Priester und ich weiß nicht wie viele Katecheten wurden ermordet. In manchen Dörfern sperrte die Armee die Menschen in die Kirche und legte Feuer.

Das Gespräch führte Ralf Leonhard.

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