Eine schmerzliche Erinnerung

Pessach bzw. die Kartage und Ostern stehen für Juden und für Christen im Zentrum ihrer Erinnerungskultur. Die Feste sind einer der Auslöser für den jüdisch-christlichen Konflikt.

Die heftig kritisierte versöhnliche Haltung des Papstes gegenüber der Lefebvre-Bewegung, die sich in vielen Punkten nicht in Übereinstimmung mit den Beschlüssen des II. Vatikanums befindet, hat eine Vorgeschichte, die sich auf die Osterzeit und insbesondere auf die Karfreitagsliturgie und die Fürbitten für die Juden bezieht.

Die päpstliche Annäherung an diese Gruppierung war offenbar lange vorbereitet und kein "kurialer" Unfall, in den der Papst schlecht informiert hineingeraten wäre. Denn schon im Sommer 2007 veröffentlichte er ein Dokument, in dem der Liturgie, wie sie auf dem Konzil von Trient (1545-1563) beschlossen wurde, ein gewisses Ansehen eingeräumt wurde. Diese bis zum II. Vatikanum gültige Liturgie, an der Lefebvre auch nach dem Konzil festhielt, enthält die alte Form der Fürbitte für die Juden, nach der die Juden als "perfidus" bezeichnet wurden und ihnen durch das Unterbleiben einer Kniebeuge Verachtung gezeigt wurde.

Der Begriff "perfidus" wird meist als "verstockt" übersetzt und bezieht sich auf die Auffassung der Juden, dass Jesus ein gewöhnlicher Mensch und nicht der Messias gewesen sei. Nach der Konzilsreform verschwand das "perfidus", schon unter Pius XII. war die Kniebeuge bei Nennung der Juden eingeführt worden. Die Möglichkeit, mit der Toleranz gegenüber der Trienter Liturgie wieder der traditionellen Haltung der Kirche hinsichtlich der Juden mehr Raum zu geben und damit judenfeindlichen Strömungen Auftrieb zu geben, führte zu harten Diskussionen im jüdisch-christlichen Diskurs.

Benedikt XVI. veröffentlichte im Februar 2008 eine Kompromissfassung des Gebetes, das aber immerhin festlegte, dass die Juden das Heil nur durch die Bekehrung zum Christentum erlangen könnten. Dies stand im Widerspruch zur Fassung des Gebets aus den sechziger Jahren und war völlig unvereinbar mit der Auffassung Johannes Pauls II., nach der Judenmission überflüssig, wenn nicht sogar eine Sünde wäre.

Diese heute in schwer verständliche Formeln gepresste Diskussion war im Mittelalter von gefährlichen Drohungen und Gewaltausbrüchen begleitet. Die zeitliche Nähe des christlichen Oster- und des jüdischen Pessachfestes und die jeweils identitätsstiftende Bedeutung der Feste führte zu Beschuldigungen gegen die Juden, dass sie die Erinnerung an Jesus schändeten. Seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert spielte im gesamten Spätmittelalter die Beschuldigung der Hostienschändung eine gewichtige Rolle, die Verfolgungen auslöste.

Schändungsvorwürfe gegen die Juden

1305 und 1338 fanden derartige tragische Ereignisse in Korneuburg und Pulkau (Bild links) im Österreich der frühen Habsburger statt. Auch bei der blutigen Verfolgung und Ermordung von Juden 1420/21 musste eine Hostienschändung als Grund für das Todesurteil gegen 300 Juden herhalten. Mit der Hostienverehrung als Leib des Herrn hatte der christliche Glaubensmittelpunkt einen sichtbaren Ausdruck gefunden, der sich im Laufe des 13. Jahrhunderts rasch verbreitete. Legenden über Hostienfeinde wie Zauberer und Juden entstanden gleichzeitig mit der Ausgestaltung der Eucharistiefeier.

Mit den Legenden über Hostienschändungen erhielt eine grundlegende Auseinandersetzung zwischen Christen und Juden eine primitive, jedermann zugängliche Ausformung. Das christliche Osterfest ist eine Umdeutung der jüdischen Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Die beim nächtlichen Pessachmahl versammelten Jünger stimmten noch die jüdischen Lobgesänge an, wie Lukas berichtet, Jesus selbst aber bezog die künftige Bedeutung des Mahls auf die Erinnerung an ihn selbst. Jahrhundertelang koppelten sich die Christen nicht vom Pessachdatum der Juden ab, dann wurde Kritik an dieser Übereinstimmung mit den Juden laut und auf dem Ersten Konzil von Nizäa 325 wurde der Ostertermin festgelegt, wie er bis heute besteht: Ostersonntag ist der Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond.

Pessach/Ostern steht für Juden und Christen jeweils im Zentrum der Erinnerungskultur. Die Feste sind einer der Auslöser des jüdisch-christlichen Konflikts und sollten daher sensibel, historisch kommentierend behandelt und nicht als Instrument für die Annäherung an obskure katholische Gruppen missbraucht werden.

* Der Autor ist em. Leiter des Inst. für die Geschichte der Juden in Österreich ("Die Päpste und die Juden", Patmos-Verlag 2008)

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