Zölibatär - In der katholischen Kirche können nur ehelos lebende Männer zum Pries­ter geweiht werden (Priesterweihe im Petersdom).
Religion

Eine unendliche Kirchengeschichte

1945 1960 1980 2000 2020

Kirchenhistoriker Hubert Wolf argumentiert in seinem neuen Buch kenntnis- und detailreich gegen das Zölibatsgebot für Priester. Eine lehrreiche und gut lesbare Auseinandersetzung.

1945 1960 1980 2000 2020

Kirchenhistoriker Hubert Wolf argumentiert in seinem neuen Buch kenntnis- und detailreich gegen das Zölibatsgebot für Priester. Eine lehrreiche und gut lesbare Auseinandersetzung.

Der Münsteraner Kirchenhis­toriker Hubert Wolf zählt zu den erfreulichen Erscheinungen am Himmel theologischer Gelehrsamkeit, weil es ihm gegeben ist, sein theologisches Fach populär(-wissenschaftlich) zu formulieren und einem breiten Publikum nahezubringen. Vom Index der verbotenen Bücher bis zu allerlei „Geheimnissen“ aus den Archiven des Vatikan hat sich Wolf in seinen Büchern geäußert. Und auch wenn er das Roman-Genre benutzt, gelingt ihm die Darstellung des kirchlichen Kosmos gleichzeitig als Lesefreude und Informationsquelle lang verschwiegener oder verschütteter Historie.
In „Die Nonnen von Sant’Ambrogio“ (2013) zeigte er etwa, dass sexueller Missbrauch auch im 19. Jahrhundert längst kirchenaktenkundig war, und dass es auch um Missbrauch von Nonnen durch Kleriker wie andere Nonnen ging. Dass einer der theologischen Väter des Unfehlbarkeitsdogmas von 1870 sich hier prominent als Missbrauchender findet, ist eines der pikanten, aber auch für die heutige Geschichtswissenschaft relevanten Details dieser in Romanform dargestellten Forschungen.
Nun legt Hubert Wolf in seinem Bändchen „Zölibat“ 16 Thesen wider die verpflichtende Verknüpfung von Ehelosigkeit und Priesteramt in der katholischen, genauer: römisch-katholischen Kirche vor. Und einmal mehr gelingt es dem Kirchenhistoriker, die historische, dogmatische und juristische Brüchigkeit der Zölibatspflicht für eine interessierte Leserschaft aufzubereiten. Eine weitere Publikation im Vorfeld der Amazonien-Synode im Herbst, auf der das Zölibatsthema jedenfalls angesprochen werden soll.

Pflichtzölibat ist kein Dogma

In den offiziellen lehramtlichen Stellungnahmen ist der Pflichtzölibat der Pries­ter mitnichten ein Dogma. Das ändert aber nichts daran, dass er in der (behaupteten) Tradition einen großen Stellenwert hat und dass Versuche beim und seit dem II. Vatikanum, eine Diskussion über den Pflichtzölibat für Priester in Gang zu bringen, von der Kirchenspitze unterbunden wurden. Paul VI. verbot etwa explizit die Diskussion dar­über auf dem Konzil.
Wolf arbeitet in seinen Thesen heraus, dass sich die katholische Argumentation in einer schizophrenen Lage befindet: Denn zum einen werden Argumente für den Pflichtzölibat in der lateinischen Kirche als die angemessene Lebensform für Priester gesucht und gefunden. Gleichzeitig muss die Kirchenleitung die Priester­ehe, die es sowohl in den mit Rom unierten Ostkirchen als auch bei den Orthodoxen gibt, würdigen und nicht verdammen.
Dass Rom hier immer wieder inkonsistent argumentiert, weist Wolf nach. Außerdem zeichnet der Kirchenhistoriker Spuren der Priesterehe von den Anfängen des Christentums bis ins 19. Jahrhundert nach. Es wird die Zölibatsdiskussion häufig auf das Argument verkürzt, in der römischen Westkirche gebe es das Zölibatsgebot seit dem II. Laterankonzil 1139, aber Wolf argumentiert, dass es sehr wohl das ganze Mittelalter hindurch keineswegs klar war, wieweit dieses Gebot auch faktisch durchgesetzt wurde.

Nach Wolf ist der Pflichtzölibat kirchenrechtlich erst im Codex von 1917 festgezurrt, d. h. die Norm ist gerade 100 Jahre alt.

Nach den Belegen von Wolf ist der Pflichtzölibat kirchenrechtlich erst im Codex Iuris Canonicae von 1917 festgezurrt, das heißt, die absolute Norm ist gerade 100 Jahre alt. Diese Feststellung ist eine der überraschenden Erkenntnisse in Wolfs Argumentarium. Andere Tatsachen, wie die Dispens-Praxis in der katholischen Kirche für konvertierte evangelische oder anglikanische Pfarrer, die katholische Pries­ter werden wollen, aber verheiratet sind, zeigen, wie brüchig das Zölibatsgesetz tatsächlich ist.
Wolf verortet das Konzept des Pflichtzölibats auch in einer kulturgeschichtlichen Entwicklung der kultischen Reinheit von Priestern, die aus paganen und jedenfalls nichtchristlichen Kontexten übernommen wurden. Wolf benennt die biblischen Befunde, die dieser Konzeption eigentlich entgegenstehen, und zeigt auch hier auf, wie sehr sich die einzelnen Argumentationen im Lauf der Kirchengeschichte durchaus entgegengesetzt entwickelt haben.
Die Zölibatsfrage hat sich, so Wolf, auch als konfessioneller Identitätsmarker etabliert, der das „Katholische“ gegen die protestantischen verheirateten und nach katholischem Verständnis nicht sakramental geweihten Pfarrer abgrenzen half. Solche und unzählige weitere Inkonsis­tenzen in der Lehre führt der Autor an.
Mit den Änderungen in Bezug auf das kirchliche Eheverständnis und die Sicht auf die Sexualität durch das II. Vatikanum ist für Wolf auch der Pflichtzölibat obsolet geworden. Es stünde seiner Abschaffung somit nichts im Wege.

Immer noch kein Ziel in Sicht

Bestechend und kenntnisreich argumentiert der Kirchenhistoriker diese Positio­nen und Konklusionen durch. Man darf es ja schon als Fortschritt sehen, dass diese Argumentation eines Theologen öffentlich geäußert werden kann, ohne dass der Autor römische Sanktionen befürchten muss.
Dabei ist noch lang nicht gesagt, dass die Zölibatsdiskussion trotz aller guten Argumente wirklich an ein Ziel kommen wird. Man stimmt Wolf natürlich angesichts der aktuellen Kirchenlage zu, dass das „alte System am Ende“ ist. Seine Beob­achtung, dass der Pflichtzölibat für Pries­ter natürlich auch dem Machterhalt eines hierarchisch-klerikalen Systems dient, ist gleichfalls nicht neu.
Doch der Kirchenhistoriker wartet immer wieder mit ernüchternden Entwicklungen auf: Beim Konzil von Trient, der katholischen „Antwort“ auf die Reformation, gab es Befürworter der Priesterehe, die auf diesem eben nicht glaubenszentralen Feld den reformationsgesinnten Christen entgegenkommen wollten. Den Mächtigen der römischen Kurie, so Wolfs Befund, war es aber gelungen, das Zölibatsthema auf diesem Konzil auszusitzen. Und einmal mehr war eine Chance vertan, das Zölibatsthema zu „lösen“ ...

Zölibat
Buch-Tipp

Zölibat

16 Thesen
Von Hubert Wolf
C. H. Beck 2019
192 Seiten, kt., € 15,40

Furche Zeitmaschine Vorschau