Eisvogel und Resignation

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Alois Brandstetter kommt wie immer, doch auf neue Weise vom Hundertsten ins Tausendste.

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Alois Brandstetter kommt wie immer, doch auf neue Weise vom Hundertsten ins Tausendste.

Es gehört zum Jahresablauf wie Ostern und Weihnachten: das neue Buch von Alois Brandstetter. Sie enttäuschen nie die Erwartungen des vertrauten Lesers, heißen immer "Roman" und sind nie einer, schlagen jeweils ein oder zwei Themen an, kommen von dort aus vom Hundertsten ins Tausendste, kehren aber beharrlich und in oft waghalsigen Kurven immer wieder zum Thema zurück. Auf verschlungenen Gedankengängen kann der konservative Rebell gegen den Zeitgeist vielerlei zur Sprache bringen, was ihn bewegt, kränkt, ärgert, ängstigt. Er tut es witzig und geistreich und lässt dem Leser manchen lehrreichen Happen aus seiner umfassenden klassischen Bildung zukommen. Er spielt virtuos mit der Sprache und leistet sich gelegentlich (Schicksal studierter Germanisten) auch mal einen Schnitzer ("die naheliegendste Bezeichnung").

Doch der jüngste "Roman" ist auffallend anders als die früheren. Die unbeschwerte Spottlust "Zu Lasten der Briefträger", das Maßnehmen an den Regeln des Heiligen Benedikt bei der Schilderung modernen Klosterlebens in dem "Kriminalroman" von der "Abtei": So etwas findet man in der "Zärtlichkeit des Eisenkeils" nicht. Brandstetter ist persönlicher geworden und kämpft mit altersbedingter Resignation. Manchmal glaubt man, er habe beim Schreiben ein Tagebuch neben sich liegen. "Am 5. Dezember wurde ich 60 Jahre alt! Meine Heimatgemeinde Pichl bei Wels ernannte mich aus diesem Anlass zum Ehrenbürger." Ungefähr zur selben Zeit tauchte am heimatlichen Flusslauf der Eisvogel wieder auf, den man seit Jahren nicht gesehen hatte und schon ausgestorben wähnte. Im regionalen Sprachgebrauch heißt er "Eisenkeil", lateinisch "Ysidia". Damit ist schon der Rahmen abgesteckt: Der arme Bauernsohn, der in der Mühle des Vaters aufwuchs (er hat oft davon erzählt), ist inzwischen mit klassischer Bildung vertraut geworden und im Lateinischen wie zu Hause, lehrt Alt- und Mittelhochdeutsch an der Universität, genießt es aber, von den Pichlern als einer der Ihren noch akzeptiert, ja geehrt zu werden, weil er seine Heimat so oft in die Literatur brachte. Aber wie kann er seinen Pichlern als frischgebackener Ehrenbürger eine Dankesrede halten, die diese auch verstehen? Wie soll er auch nur seine Gedanken über den Eisvogel (seit alters her ein Beispiel ehelicher Treue) formulieren, wie seine Sorgen über den Umgang des modernen Menschen mit der Natur vor dem Forum ausbreiten, das in der Massentierhaltung gewinnbringenden Fortschritt erblickt? Der vertraute Brandstetter-Leser wird mit anderen Gedanken angesprochen: Vom Eisvogel kommt er auf den Wiedehopf, den Kauz und andere Vögel, von seinem Vornamen auf den Heiligen Aloisius, vom Rückblick auf sein Schriftstellerleben, seine vielen "Romane" auf die Kollegen, die nach seiner Einschätzung mehr Erfolg hatten als er. Hat er zu wenige Frauen realistisch ins Spiel gebracht? Das Geschlechtsleben vernachlässigt? Sein skurriler Streit mit dem inzwischen verstorbenen Sexualforscher Ernst Bornemann kommt noch einmal zur Sprache. Die sexuelle Aufklärung des kleinen Alois orientierte sich in der ländlichen Heimat am Geschlechtsleben der Tiere.

Die Schriftsteller-Kollegen werden der Reihe nach abgehandelt, am ausführlichsten immer wieder Thomas Bernhard, dann Peter Handke, H. C. Artmann, Günter Eich, Dietmar Grieser, Weinheber, Wolfgang Borchert ... Milder Spott für die einen, Bewunderung für die anderen. Dann ein großer Exkurs über Hölderlin, der ihn selbst ins Poetische erhebt. "Warum singen die Vögel? Oder singen sie gar nicht, weil sie Gesang sind, sie ,äußern' sich durch ihren Gesang, sie äußern also sich und kein Lied, sie sind ein Lied. Und darum heißt es ja auch in einem ,Lied' Hölderlins: ,Seit ein Gespräch wir sind ...'"

Zurück in den Niederungen des kulturpolitischen Alltags, wird der Klagenfurter Streit um den "Fäkalkünstler" Cornelius Kolig kommentiert: "Im Ergebnis kommen heute die sogenannten skandalösen Künstler zum Zug. Sie bekommen den Zuschlag und den öffentlichen Auftrag. Nur über den öffentlichen Skandal führt der Weg zum öffentlichen Auftrag. Ein Maler, der nur malt oder der noch malt, und das noch gut, aber unauffällig ist, hat es deutlich schwer, zu einem öffentlichen Auftrag zu kommen ... Die Boulevardzeitungen tun dem Künstler und manchmal auch ,Künstlern' jedenfalls mit ihrem Protest und ihren Leserbriefen des gesunden Volksempfindens eher einen Gefallen als einen Tort an". So fühlt sich Brandstetter unfähig, bei modernen Marktstrategien mitzuhalten. Kein Wunder, dass der mittlerweile 61-Jährige mit dem Satz schließt: "Ich habe mich überlebt."

Die Zärtlichkeit des Eisenkeils Roman von Alois Brandstetter, Residenz Verlag, Salzburg 2000 , 157 Seiten, geb., öS 268.-/e 19,48

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