rottenschlager - © DSP

Emmaus. Ein Anfang

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Mit einer Resozialisierungsquote von über 60 Prozent macht sich Karl Rottenschlagers St. Pöltner Emmaus-Projekt seit 20 Jahren einen Namen.

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Mit einer Resozialisierungsquote von über 60 Prozent macht sich Karl Rottenschlagers St. Pöltner Emmaus-Projekt seit 20 Jahren einen Namen.

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Arbeit statt Almosen - dieser berühmte Ausspruch des Kapuzinermönchs Henri Antoine Groués, der den in Zeiten der Resistance angenommenen Decknamen Abbé Pierre bis heute nicht mehr abgelegt hat - prägte nicht nur Generationen von jungen Sozialarbeitern, sondern führte im weitesten Sinne auch zur Gründung von heute 370 Emmausgemeinschaften in über 38 Ländern der Welt. Der Gründer von Emmaus Paris, der vergangenen Monat seinen 90. Geburtstag feierte, verbringt heute seinen Lebensabend in der Gemeinschaft von Esteville in Frankreich, in der vorwiegend ältere und gebrechliche Menschen leben.

Abbé Pierres zitierter Ausspruch war es auch, der 1981 Karl Rottenschlager, nach neunjähriger Erfahrung als Sozialarbeiter in der Strafanstalt Stein, dazu veranlasste, das erste Emmausprojekt in Österreich zu starten - eine Wohn- und Arbeitsgemeinschaft für Obdachlose, Haftentlassene und Drogensüchtige, in der er gemeinsam mit den "Gästen", wie die Betreuten genannt werden, lebt und arbeitet. Nicht um zu belehren oder zu richten, sondern um " als einer der selber scheitert, den Weg mit einem so genannten Gescheiterten zu gehen".

Vision statt Resignation

Die ersten beiden Versuche eine Emmausgemeinschaft in Oberwölbing beziehungsweise Spratzern, beides Ortschaften im Umland St. Pöltens, aufzubauen, scheiterten trotz Zustimmung des Gemeinde- und Pfarrgemeinderates am Widerstand der Bevölkerung: Das Risiko für Frauen und Kinder sei zu groß, war das Hauptargument, doch traurigerweise wurden auch solche Stimmen laut, die nach einem "neuen Hitler" riefen - eine typisch österreichische Geschichte möchte man meinen...

Doch diese Geschichte hat ein Happyend: Nach den Startschwierigkeiten entstand 1982 in St. Pölten schließlich doch eine Emmausgemeinschaft, die nun im September ihr zwanzigjähriges Jubiläum feiert. Was als kleine Gebetsgruppe von Sozialarbeitern begann, beinhaltet heute neben vier Wohnheimen und fünf Kleinbetrieben auch eine Beratungs- sowie eine Notschlafstelle. Obdachlose wie Süchtige finden hier nicht nur ein neues Heim, sondern werden in den internen Betrieben, einer Tischlerei, einer Emailwerkstätte, einem Bautrupp und einem Altwarenhandel auf die Arbeitswelt "draußen" vorbereitet.

Fundament war und ist für die Wohnheimleiter sowie für alle Sozialarbeiter und ehrenamtlichen Helfer der "Glaube, dass es für Gott keine hoffnungslosen Fälle gibt". Erklärtes Ziel ist der liebes- und arbeitsfähige Mensch.

Die Gemeinschaft versteht sich als offen für Hilfesuchende und Mitarbeiter, ungeachtet welcher Weltanschauung oder Religion diese ihr Vertrauen schenken, sofern sie die Emmausprinzipien, die strengen Verzicht auf Alkohol- und Drogenkonsum (außer in der Notschlafstelle) sowie Verzicht auf Gewalt in Tat und Wort einfordern, akzeptieren: Emmaus wirkt auch für den Außenstehenden als ein Ort gelebter Solidarität. Alle anfallenden Dienste werden von Gästen und Mitarbeitern gemeinsam geleistet, um jenen, die nie erfahren durften, was Familie bedeutet, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und Geborgenheit zu vermitteln. Genau darin liegt auch das Geheimnis des Resozialisierungsprogrammes der Gemeinschaft, denn die Quote derer, die nach einem Aufenthalt in Emmaus erfolgreich an den Wohnungs- und Arbeitsmarkt vermittelt werden, liegt bei über 60 Prozent!

Die Furche sprach mit Karl Rottenschlager, dem Gründer der Emmausgemeinschaft in St. Pölten.

DIE FURCHE: Gibt es eine einheitliche oder ähnliche Entwicklung im Leben derer, die bei Ihnen Hilfe suchen?

Karl Rottenschlager: Größtenteils sind es Menschen die in Heimen aufgewachsen sind, jedoch würde ich dieses Scheitern im Leben nicht unbedingt am Heim alleine festmachen, sondern daran, dass einfach die fehlende Liebe in der Entwicklung eines Kindes ihre Spuren hinterlässt. Meist waren die Kinder unerwünscht und bekamen das in allen nur erdenklichen Weisen zu spüren. Unsere Aufgabe kann hier nur in der Versöhnungsarbeit liegen, da der Hass auf die Mutter bei vielen unserer Gäste auf alle Frauen projiziert wird.

DIE FURCHE: Wie äußert sich dieses Verhalten im Umgang mit den in Emmaus beschäftigten Frauen?

Rottenschlager: In unseren Einrichtungen liegt der Anteil an beschäftigten Frauen bei zirka einem Drittel. Und das ist extrem wichtig! Denn die Mitarbeiterinnen lassen sich von den Gästen keinerlei Diskriminierungen gefallen und versuchen ihnen klarzumachen, dass Frauen keine Menschen zweiter Klasse sind.

DIE FURCHE: Einer ihrer Basissätze lautet: "Es gibt keinen hoffnungslosen Fall." Haben Sie mit der Umsetzung dieses sehr viel Kraft abverlangenden Grundsatzes, manchmal Probleme?

Rottenschlager: Trotz des hohen Frustrationsgrades, der in unserem Job leider nicht zu vermeiden ist, versuchen wir stets, jenseits von Gut und Böse zu denken. Ohne eine gewisse spirituelle Basis wäre das sicherlich nicht möglich. Ich als Christ sehe jeden Menschen als Abbild Gottes - oder: als Tempel Gottes - und es fällt mir dadurch naturgemäß leichter, die Hoffnung nicht aufzugeben. Oft wird von unseren alkohol- oder drogenabhängigen Gästen die Entscheidung gegen eine Veränderung, einen Entzug, getroffen. In diesen Fällen versuchen wir den Menschen nicht aufzugeben und leisten in den äußersten Fällen (66 von 2.002 Fällen) Sterbebegleitung.

Von Politik zuerst ignoriert

DIE FURCHE: In zwei Häusern, der Notschlafstelle "Auffangnetz" und dem "Haus Kalvarienberg", wird Alkoholkonsum toleriert.

Rottenschlager: Genau. Um in eines unserer Wohnheime zu einem längeren Aufenthalt aufgenommen zu werden, müssen sich die Hilfesuchenden mit unserem Gästevertrag einverstanden erklären, der von ihnen Bereitschaft zur Veränderung und Toleranz erwartet. Jene, die diese Veränderungsbereitschaft noch nicht aufbringen können oder wollen, finden solange im "Auffangnetz" oder im "Haus Kalvarienberg" Unterschlupf: In St. Pölten muss kein Obdachloser auf der Straße schlafen.

DIE FURCHE: Wie ist Ihr Verhältnis zu Amtskirche und Politik?

Rottenschlager: Prinzipiell halten wir uns aus jeglichen Diskussionen, seien sie politischer oder innerkirchlicher Natur, heraus. Wir leben in Einheit mit der Ortskirche und versuchen keine richtende Position einzunehmen. Mit der Politik ist das so eine Sache: Jetzt, nach 20 Jahren, in denen Emmaus durch Höhen und Tiefen ging, waren auf einmal alle Politiker von Anfang an dabei - dass wir in den ersten 15 Monaten keinerlei Unterstützung aus deren Reihen erhalten haben, wird nicht erwähnt.

DIE FURCHE: Eine typisch österreichische Geschichte ...

Rottenschlager: Man muss sagen, dass wir die anfängliche harte Zeit nie ohne die Unterstützung von Freunden aus der Gebetsgruppe und anderen Spendern geschafft hätten. Bis zu 40 Millionen Schilling sind so zusammengekommen. Ich nenne das immer: Brotvermehrung heute!

DIE FURCHE: Woher nehmen Sie die Kraft diesen Beruf auszuüben?

Rottenschlager: Für mich ist es kein Beruf, sondern eine Berufung. Einerseits ist es sicherlich die Freude am Menschen, andererseits ist es auch der Glauben aus dem ich Kraft ziehe. Wobei ich mich hier nicht auf den christlichen Glauben allein fokussieren will, Toleranz und Verständnis gegenüber anderen Kulturen und Glaubensrichtungen sind extrem wichtig.

Informationen:
Emmausgemeinschaft, 3100 St. Pölten, Herzogenburger Straße 48-50, Tel. 02742/31990, www.emmaus.at

Am Sonntag, 8. September feiert die Emmausgemeinschaft in St. Pölten ihr 20-Jahr-Jubiläum: 10 Uhr: Festgottesdienst in der Pfarrkirche Maria Lourdes (3100 St. Pölten, Kremser Lamdstraße 48); ab 11.30: Frühschoppen, Festakt, Flohmarkt, Tombola in Emmaus Viehofen, 3107 St. Pölten-Viehofen, Ortweing. 2-8.

Buchtipp
Jedem Menschen seine Würde.
20 Jahre Emmaus.
Von Walter Feninger, Ernst Putz, Karl Rottenschlager. Landesverlag, St. Pölten 2002. 208 S., geb., e 17,90

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