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Emotionen: Zuckerbrot und Peitsche der Evolution

Für den individuellen Erfolg in sozialen Systemen ist die harmonische Einbindung der Emotionen erforderlich, ist Kurt Kotrschal überzeugt. Anlässlich des 1. Biologicum Almtal bat die FURCHE Österreichs Wissenschaftler des Jahres 2010 zum "Word-Rap" über die "Natur" unserer Gefühle.

Mensch-Sein heißt Gefühle leben...

Emotionen treiben uns in die Liebe und den Totschlag. Menschen sind an sich rationale Wesen, verhalten sich aber oft genug recht irrational, oder tun Dinge mit Freude, die eigentlich Mühen und Kosten verursachen, zum Beispiel sich verlieben, Kinder kriegen und aufziehen, sie begehen Seitensprünge und sogar Kinder- und Partnerinnenmord. Und auch Wirtschaft und Politik laufen alles andere als rational. Wo es "menschelt", treiben uns Emotionen, ohne dass klar wird, warum. Emotionen exekutieren also jene Verhaltensprogramme, die Menschen in ihrer Evolutionsgeschichte über hunderte Millionen Jahre im Dienst der Optimierung des individuellen Erfolgs sozusagen in ihre Gene integrierten.

Emotionaler Analphabetismus und die Folgen...

Sich seiner Emotionen nicht bewusst zu werden, bedeutet ein erhebliches soziales Handicap. Damit kann man sich in die Befindlichkeiten anderer kaum einfühlen, es fehlt also an Empathie-Fähigkeit, dem Kern der sozialen Kompetenz. Dagegen hilft die Beschäftigung mit den eigenen Emotionen von Kindesbeinen weg, was vor allem Knaben bzw. Männer nötig zu haben scheinen. Wie auch beim Wiedererkennen der Aromen beim Wein-Verkosten der Fall, müssen Emotionen benannt, angesprochen und gedacht werden, um harmonisch mit ihnen zu leben, und nicht neben ihnen oder gegen sie.

Fühlen und Denken - Henne oder Ei?

Stammesgeschichtlich gesehen kommt das Fühlen zuerst, wiewohl einfache Denkvorgänge auch bei Regenwürmern vorhanden sind. Seit Urzeiten sind Fühlen und Denken einander nicht immer gewogene Partner, die über den jeweils anderen Kontrolle ausüben wollen. Was gedacht wird, passiert zuerst unbewusst den Filter der Emotionen und Erfahrungen. Welche Gefühle bestimmte Reize und Situationen hervorrufen, hängt wiederum davon ab, wie sie mental repräsentiert sind, was wir also darüber denken. Idealerweise herrscht eine Art labiles Gleichgewicht: Selten günstig ist es, wenn Entscheidungen ausschließlich auf emotionalen Impulsen oder aber auf purer Ratio beruhen.

Gefühlvoller Umgang mit Haustieren ...

Mit liebevoller Konsequenz! Kumpan-Tiere wie Hunde sollten nicht dominiert oder unterworfen werden; sie benötigen aber, wie Kinder ja auch, klare Führung.

Aggressionen, Zorn, und Gewaltbereitschaft - leider immer wieder aktuell ...

Wie Konrad Lorenz schon richtig erkannte, ist Aggressionsbereitschaft an sich nichts Böses, sondern sozusagen Ultima Ratio, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Allerdings macht die Dosis das Gift. Gelegentlicher Zorn kann den anderen zeigen, dass sie Grenzen überschritten haben; aus geringfügigen Gründen eskalierende Aggression beschädigt allerdings Langzeit-wertvolle Beziehungen und stellt den Aggressor ins soziale Out; dies gilt auf individueller, gesellschaftlicher und staatlicher Ebene.

Angst als großes Thema des Lebens - und offensichtlich auch der Gesellschaft...

Menschen und andere Tiere sind aus guten evolutionären Gründen viel stärker Angst- als Freude-oder Lust-gesteuert. Etwa nach dem Motto: Besser einmal zu oft vorsichtig als ewig tot. Der "Mandelkern" im Gehirn (Amygdala) und die Angst, die dieses Kerngebiet verwaltet, beherrscht uns sozusagen ganz von selbst. An Freude, Glück und Lust müssen wir dagegen arbeiten. Mit Angst gewinnt man Wahlen, und Angststörungen treten heute in einem epidemischen Ausmaß auf. "Glücksstörungen" hingegen sind wohl eher unbekannt. Angst hält man am besten durch gute soziale Einbettung, der Aktivierung des Oxytocin-Systems im Gehirn und damit durch gutes Stress-Management in Schach. Partner, aber auch Kumpan-Tiere können dabei eine wichtige Rolle spielen.

Das Streben nach dem kleinen und großen Glück...

Wohl kaum je zuvor war eine Gesellschaft so individualisiert glücks- und lustorientiert: Es gibt einen richtigen Leistungsdruck in Richtung Glücklich-Sein. Und die verbissene Jagd nach dem Glück ist bekanntlich die beste Methode, es nie zu erreichen.

Bindung, Liebe und Fürsorge: ein guter Start ins Leben ...

Menschen als radikal soziale Tiere sind in ihren ersten Lebensjahren auf verlässliche und sensitive Zuwendung angewiesen, um so ein vertrauensvolles mentales und soziales Modell zu entwickeln, das ihnen erlaubt, später im Leben emotionale soziale Unterstützung sowohl anzunehmen als auch zu geben, damit effektives Stressmanagement zu betreiben und über eine balancierte Emotionalität in Gesundheit und Glück alt zu werden. Läuft die Frühbetreuung nicht optimal, kann das zwar später im Leben ausgeglichen werden, meist wird aber das eigene Bindungsmuster über den Fürsorgestil an die nächste Generation weitergegeben.

Depression - eine zunehmende Krankheitslast für die Gesellschaft...

Wohl aufgrund zunehmend überfordernder Arbeitsverhältnisse und einem Stressmanagement, das unter einer Verschlechterung der Bindungsbeziehungen leidet - und offenbar auch unter der Digitalisierung dieser Beziehungen. Emotionale soziale Unterstützung, auch durch Kumpan-Tiere wie Hund oder Katze, puffert und beugt vor.

Die immerwährende Freude am Spiel...

Im Spiel wird die Welt erforscht, es werden soziale Beziehungen getestet und gefestigt. Man de-eskaliert, wenn Spannungen bestehen oder schaut, wie weit man gehen kann. Spielen ist ein Beziehungskitt bei sozialen Säugetieren und Vögel. Man bereitet einander Freude, indem man Vergnügen signalisiert: Sogar Ratten "kichern", wenn man sie kitzelt, wie der Emotionsforscher Jaak Panksepp herausgefunden hat.

Ein altes Erfolgsrezept: Gefühle in Boulevardzeitungen, Film und TV ...

Viele Menschen interessiert nichts mehr als die Beziehungen und das Gefühlsleben anderer. Darum ist der Boulevard und das TV-Hauptabendprogramm voll mit Liebe und Harmonie, Eifersucht, Betrug, Mord und Totschlag - und zwar zwischen Menschen, aber auch zwischen Menschen und ihren Kumpan-Tieren. "Soap Operas" boomen ebenso wie soziale Netzwerke. Andere emotional zu verstehen und mit seinen eigenen Gefühlen zu tricksen und zu täuschen, war für Menschen immer schon wichtig. Schließlich entstand ja auch unsere Sprachfähigkeit im Zusammenhang mit der Kommunikation von "Gefühlen & Gossip".

Die Stichwörter lieferte Martin Tauss

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