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Ende der Globalisierung?

Was steckt hinter den Prophezeihungen, die Globalisierung könnte im Zuge der Krise in sich zusammenbrechen? Wäre neben dem ökonomischen System auch das kulturelle be- troffen? Ein Essay über wenig beachtete Entwicklungen in den vergangenen 25 Jahren, die die Film- und Literaturwelt verändert haben – und sich als dauerhaft erweisen werden.

Die Frage, ob die Globalisierung durch eine sich allmählich artikulierende Tendenz zum nationalen Protektionismus rückgängig gemacht werden kann, wird oft pauschal gestellt. Ihre Beantwortung liegt allerdings häufig jenseits der Kompetenz jener, die es versuchen. Hier nur ein Hinweis: Hinter dem breiten Rücken des Wortes Globalisierung verbirgt sich allerlei, beispielsweise die Globalisierung der Kultur. Wen der Begriff befremdet, dem ist der damit verbundene Zustand möglicherweise so selbstverständlich geworden, dass er keine Benennung benötigt. Wer einen Beweis verlangt, vergleiche den von europäischen und US-amerikanischen Autoren dominierten Bücherschrank der Eltern mit dem eigenen. Ist der aus dem 19. Jahrhundert stammende Begriff „Weltliteratur“ nicht tatsächlich erst heute dabei, eingelöst zu werden, heute, wo der Kanon eine ehedem ungeahnte Weite erreicht, wo Autoren, die in Regionen geboren wurden, die vor Jahrzehnten noch einen weißen Fleck auf der Landkarte der Weltkultur gebildet haben, internationale Besteller schreiben – Garcia Marquez, Arudhati Roy oder Salman Rushdie, um nur einige zu nennen?

Es gibt erstmals ein globales Publikum und ein diesem entsprechendes Angebot und manches, was hierzulande einst nicht marktfähig war oder als nur für Spezialisten relevant galt, gehört heute zum Mainstream der Weltkultur. Wie wurde doch einst die Mischung aus ästhetischer Avantgarde, Rebellion und Zen-Buddhismus belächelt, die in der amerikanischen Beat-Generation rund um Jack Kerouac und Allan Ginsberg propagiert wurde – doch im universellen Eklektizismus gibt es global akzeptierte „Crossovers“, die um vieles gewagter sind.

Eine gewisse pauschale Globalisierungskritik hat die Gier zur Wurzel der Globalisierung erklärt: Es geht um ein „Mehr“ mit weniger Kapitaleinsatz und höherem Profit. Ohne Zweifel ist auch in der kulturellen Globalisierung die von Adorno/Horkheimer gescholtene „Kulturindustrie“ die treibende Kraft. Ihr Ziel ist die Gewinnmaximierung in einem extrem kompetitiven Markt, der Kostenfaktor ist keineswegs ausgeschaltet: Die Übersetzung eines per Lizenz erworbenen neuen Rushdie – inklusive der globalen Propaganda für diesen Autor mit seiner speziellen Vorgeschichte – mag billiger sein als der „Aufbau“ eines heimischen Nachwuchsautors. Auch hier gibt es „Marken“, das ausufernde schnelllebige Starsystem belegt das, es gibt eine oligopolistische Struktur, die eine Pluralität der Anbieter vortäuscht, und es gibt ein konsumistisches Käuferverhalten, in dem der Prestigewert mehr zählt als Kennerschaft und Genuss.

Koalition der Gier

Doch aus den kommerziellen Prozeduren ist eine eigene Ästhetik entstanden, deren Konformismus sich anders organisiert als in anderen Segmenten des Konsums. Die Koalition der Gier zwischen den „Schnäppchenjägern“ und den Anbietern läuft anders, es ist nicht nur die materielle Gier, sondern auch die „Neu-Gier“ der Konsumenten, die das Angebot unter ein neues Regelsystem gestellt hat. Es gab noch nie so viel Kultur wie heute und – vor allem im reproduktiven Bereich – so billige Kultur. Das Segment, das nicht den Regeln der Profitmaximierung unterliegt, ist geschrumpft. Das deutsche Versandhaus „2001“ feiert heuer seinen vierzigsten Geburtstag. Der mittlerweile monatlich versandte, 340 Seiten starke Katalog mag als Beleg dienen – „Weltmusik von A – Z ab 5,99 e“. Da findet sich der Blues der Beduinen, armenische Fantasien und die groovigen Perkussionen des Istanbul Oriental Ensembles, ehedem ein Reservat der Kenner im hochpreisigen Nischensegment. Erinnert man sich noch an jenes Foto, das irgendwo in einer wüstenartigen Landschaft einige traditionell gekleidete Männer zeigte, die schweigend rund um einen kleinen Fernsehapparat saßen und rauchend „Dallas“ konsumierten? Das Foto ist abgelöst von fröhlichen Männern, die auf unidentifizierbaren Instrumenten den „Desert Blues“ spielen.

Die Globalisierung hat den Regionen eine Chance für die kulturellen Darstellungsmöglichkeiten geboten. Jener klassische Konflikt zwischen den beiden „Zentren“ Europa und den USA, die unleugbare „Amerikanisierung“, die regionale Besonderheiten eliminierte, ist am Rückzug. Sicher: Es ist merkwürdig, dass unsere Kinder viel über die Liebesgeschichte von Captain Smith und Pocahontas wissen, aber nichts über Richard Löwenherz und den Sänger Blondel, ein Stoff, der im Übrigen durchaus internationale Qualitäten hat. Das meinte wohl der berühmte Ausspruch des Ökonomen und Vorsitzenden des British Art Council John Maynard Keynes „Down with Hollywood“.

Die einmal wöchentlich im „Standard“ abgedruckten Besucherzahlen österreichischer Kinos belegen die ungebrochene Dominanz amerikanischer Produktionen. Doch auf der ästhetischen Ebene ist Hollywood – als Metapher für eine bestimmte Filmsprache gelesen – auf dem Rückzug, es gibt „globale“ Künstler wie Ang Lee, die zwischen Themen und Stilen springen und denen „Hollywood“ als Hülle für einen ästhetischen Pluralismus dient, der regionale Geschichten wie eine Jane Austen, ein asiatisches Märchen oder die Liebesgeschichte zwischen zwei schwulen Cowboys „global“ konsumierbar erzählen.

Und auf der Ebene der Produktion? Es gibt Bollywood, das Hongkong-Kino und Erfolge des europäischen Films, an denen sogar der österreichische partizipiert. Die Kulturindustrie hat ein Angebot von ungeahnter Breite zusammengestellt. Wer hätte den Erfolg von japanischen Mangas oder bulgarischen Chören vorhergesehen? Sicher, es gibt Verlierer und Gewinner – Verlierer sind jene Regionen, die kulturindustrielle Produkte importieren; Gewinner sind jene Regionen, die sich sichtbar machen, und deren Zahl steigt in geometrischer Progression.

Ist diese Synthese zwischen Ästhetik und Kommerz nun gefährdet? Wenn die Bankenkrise in die Realwirtschaft eingreift, dann wird das auch die globale Kulturindustrie erwischen und eine mögliche Finanznot wird die Bereitschaft des Publikums zum kulturellen Konsum reduzieren. Aber die Chancen eines nationalen Protektionismus zur Förderung „heimischer“ Kulturprodukte und damit einer Rücknahme der kulturellen Globalisierung sind – trotz der französischen Quote für „nationale“ Musik – gering. Man kann den Fortbestand einer deutschen Unterwäschefabrik durch Garantien und Schutzzölle retten; doch die Machbarkeit dieser Maßnahmen ist fraglich. Aber T-Shirts und auch Autos sind letztlich austauschbare Produkte, wo der Preis eine größere Rolle spielt. Der kulturelle Konsum hat andere Wurzeln, er basiert auf ästhetischen Neigungen und verfügt zudem durch das Netz über eine globale Vertriebsmöglichkeit, die sich bisher noch gar nicht voll entfaltet hat. Vielleicht kann man den Desert Blues wieder in eine Nische drängen, die Ausweitung des Kanons – und damit die Diversifizierung unserer kulturellen Neu-Gier –, der großen Errungenschaft der kulturellen Globalisierung, ist jedenfalls irreversibel.

* Der Autor ist Professor für Philosophie an der Universität Wien

Weltkultur

Eine pauschale Globalisierungskritik hat die Gier zur Wurzel der Globalisierung erklärt: Es geht um ein „Mehr“, mit weniger Kapitaleinsatz und höherem Profit. Ohne Zweifel ist auch in der kulturellen Globalisierung die „Kulturindustrie“ die treibende Kraft. Ihr Ziel ist die Gewinnmaximierung.

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