Die mediale Wahrnehmung der römisch-katholischen Kirche ist zur Zeit blau-bzw. einäugig. Hierzulande melden sich sogar Pfarrer zu Wort, um dringendste Reformen einzumahnen.

Sex sells. Und wenn die katholische Kirche, respektive ihre Leitung involviert ist, gilt obige Medien(binsen)weisheit erst recht: So konnte man weltauf weltab einige Tage lang lesen, der Vatikan wolle Kondome zur Aids-Verhütung zulassen. Zumindest in Bezug auf diese Zuspitzung ein Sturm im Wasserglas: Denn wer sich die Mühe machte, die diesbezüglichen Aussagen zweier Kardinäle näher anzuschauen (leider keine verbreitete Eigenschaft im hyperschnellen Journalismus, der geraffte Agenturmeldungen kaum geprüft übernimmt), hätte eine, sagen wir, äußerst differenzierte Zugangsweise zum angeblichen Aufreger entdecken können.

Kardinal Martini, einer der beiden, hatte im Interview mit dem Wochenmagazin L'Espresso gemeint, nicht die ethische Analyse der Frage Kondome und Aids-Verhütung sei das Problem, sonern das PR-Kopfweh, welches folge, wenn Kirchenoffzielle obiges laut aussprächen. Martini sinngemäß: Immer wenn ein hochrangiger Kirchenmann sage, der Gebrauch von Kondomen könne im Zusammenhang mit einer tödlichen Krankheit als "kleineres Übel" angesehen werden, würden am nächsten Tag die Schlagzeilen "Kirche erlaubt Kondome" hinaustrompeten ...

Leider sind mediale Mechanismen oft derart simpel - auch der gegenständliche Fall beweist dies: Vatikanische Dementis folgten bereits, und des Papstes Mühlen mahlen langsam weiter, um das Problem zu analysieren; es werde einige Monate dauern, so die (vor Redaktionsschluss der Furche) jüngste Stellungnahme aus Rom, bis ein Dokument zu iesen Fragen erscheinen werde.

Ja, die mediale Wahrnehmung ist zur Zeit gerade in Bezug auf römisch-katholische Kirchenvorgänge blau-bzw. einäugig. Die Rosen, die etwa sonst gar nicht romfreundliche Leitartikler oder auch das (links)liberale Feuilleton zu Beginn des Jahres zwei dem Benedikt'schen Pontifikat streuten, in allen Ehren - dem Ratzinger-Papst anzurechnen, wie er etwa die Liebe und weniger die Doktrin thematisierte, ist das eine. Das andere wäre aber, gleichzeitig den Finger nicht loszulassen von der Wunde, dass die große Linie, die Gottesfrage in der Gesellschaft wachzuhalten auch die Mühen der Ebene in den Blick bekommen muss. Daher ist es keineswegs bloß griesgrämiges Beharren der durchs II. Vatikanum bewegten Kirchengeneration, zu meinen, substanzielle Reformen seien nötig, um jedenfalls hierzulande der katholischen Kirche mittelfristige Perspektiven zu verschaffen. Es nützt auch wenig, dabei auf andere Weltgegenden zu verweisen, in denen die Kirchenlage anders und aus manchem Blickwinkel "besser" scheint - etwa in der Frage des Priesternachwuchses. Letzteres Beispiel ist typisch: Jeder einigermaßen Rechenkundige kann leicht nachprüfen, wie dramatisch der Rückgang der Priester in den allernächsten Jahren sein wird. Die gewohnte Seelsorge wird nicht aufrechterhalten werden können.

Ein Hoffnungszeichen, dass sich dieser Tage auch betroffene Pfarrer - zur Zeit aus den Diözesen Wien und St. Pölten rund um Helmut Schüller und Udo Fischer - selber zu Wort melden und in einer "Pfarrerinitiative" den Reformstau unverblümt ansprechen (vgl. dazu auch die Kolumnen von Helmut Schüller und Hubert Feichtlbauer, Seite 5 und 11 dieser Furche). Der drückende Priestermangel, der auch die Feier der Eucharistie für mehr und mehr Gemeinden in Frage stellt, ist Ausgangspunkt, die bekannten Themen von wiederverheirateten Geschiedenen bis zur "Stagnation in den Bemühungen um die Einheit und Abendmahlsgemeinschaft" der Kirchen folgen auch bei dieser Initiative auf dem Fuß. Es ist zu wünschen, dass sich die initiativen Pfarrer mit den längst existierenden diesbezüglichen Laien-Projekten zusammentun; dass der Aufschrei nun aus der Mitte der schrumpfenden Priesterschaft kommt, ist aber ein beredtes Zeichen.

Angesprochen ist die Kirchenleitung, und zwar unmittelbar die Bischöfe, denen eigentlich nicht nur die Aufgabe zukäme, die kirchliche Hierarchie von oben nach unten zu repräsentieren, sondern auch die Nöte der Gemeinden und deren Priester im Sinn eines Reformdialogs nachdrücklich in Rom zu vertreten. Man muss freilich konstatieren, dass diese bischöfliche Pflicht von Österreichs Hirten zur Zeit kaum in für den einfachen Katholiken merkbaren Dosen wahrzunehmen ist.

otto.friedrich@furche.at

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