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Entscheidung im Libanon

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Die Friedensverhandlungen zwischen Israel und Syrien sind trotz starkem Druck der USA ins Stocken geraten. Ein Zankapfel ist die künftige Verfassung des Zedernstaats Libanon.

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Die Friedensverhandlungen zwischen Israel und Syrien sind trotz starkem Druck der USA ins Stocken geraten. Ein Zankapfel ist die künftige Verfassung des Zedernstaats Libanon.

Die regelmäßigen Angriffe der vom Iran kriegstechnisch und finanziell unterstützten Hisbollah-Milizen auf israelische Stellungen im Südlibanon sind nicht nur ein Hindernis im Nahost-Friedensprozeß. Auch für den Libanon selbst sind diese Kämpfe eine Zerreißprobe. Gegen die schiitische Hisbollah kämpft in den Diensten Israels die vorwiegend aus Christen zusammengesetzte Söldnermiliz "Südlibanesische Armee". Erneut also ein Konflikt zwischen Moslems und Christen, ein Kampf der dem Land schon einmal zum Verhängnis wurde.

Doch auch wenn sich Israel demnächst aus dem Südlibanon vollständig zurückzieht, klingt das nur im ersten Moment wie eine gute Nachricht. Im Libanon will sich niemand so recht darüber freuen. Und das, obwohl man seit 21 Jahren die Umsetzung der UNO-Resolution im Sinne eines bedingungslosen Abzugs israelischer Truppen verlangt.

Nun aber fordert Beirut einen Friedensvertrag mit Israel. Die gefährlichen Folgen eines einseitigen Rückzugs Israels erklärt Libanons Parlamentspräsident Nabih Berry, Führer der schiitischen Amal-Miliz, gegenüber der Furche so: "Die israelische Regierung droht uns unter Ankündigung des Abzugs zugleich mit Vergeltungsschlägen, sollte auch nur eine Kugel aus libanesischem Gebiet auf Nordisrael fallen." Berry befürchtet daher ein Wiederaufflammen der massiven Bombardierungen des Südlibanon, wo mehrheitlich Schiiten wohnen. Ein israelischer Abzug ohne Friedensvertrag kann nur heißen: "Israel macht uns für seine Sicherheit verantwortlich."

Ein weiteres Risiko infolge eines abrupten Vakuums im Südlibanon wittern libanesische Beobachter in der Reaktion Syriens. Seit Herbst 1990 besetzen rund 70.000 syrische Truppen das Land, die libanesische Regierung unter General Emile Lahoud steht unter der Kontrolle von Damaskus. Nach einem Rückzug Israels bliebe Syrien als Besatzungsmacht übrig. Angesichts der bevorstehenden Machtkämpfe um die Nachfolge des kränkelnden Staatschefs Hafez al Assad könnten dann leicht neue Konflikte in den Libanon hineingetragen werden. Zur Zeit führt der zum Kronprinzen erkorene Sohn Bachar Assad das Libanon Dossier. Chefsache also, ein Zeichen dafür, wie genau Damaskus die Vorgänge im kleinen Mittelmeerstaat verfolgt.

Auch wenn die pro-syrischen - meist muslimischen - und anti-syrischen - meist christlichen - Fraktionen im Libanon über einen Abzug Syriens uneinig sind, herrscht Harmonie in der Palästinenserfrage. Die Zahlen über die Stärke der Palästinenser im Libanon schwanken. Laut Statistik des UNO-Flüchtlingshilfswerkes halten sich 360.000 Flüchtlinge im Land auf. Andere Quellen sprechen von mehr als einer halben Million. Die Gesamtbevölkerung des Zedernstaats beträgt drei Millionen.

Eine Verleihung der libanesischen Staatsbürgerschaft an die Palästinenser, die nicht in ihre Heimat zurückkehren können, lehnt Premierminister Selim Al-Hoss ab. Selbst wenn die meist sunnitischen Palästinenser die muslimische Bevölkerungsgruppe demographisch stärken würden, stellt der Moslem Al-Hoss im Furche-Gespräch klar: "Niemand kann den Libanon zwingen, die Palästinenser, die ein Recht auf Rückkehr haben, hier auf Dauer anzusiedeln."

PLO als Staat im Staat An der Beiruter Gerüchtebörse kursieren Meldungen über eine Wiederbewaffnung der palästinensischen Flüchtlinge. Parlamentspräsident Berry sieht gar eine Neuauflage des Szenario der späten 60er Jahre, als die PLO im Südlibanon einen Staat im Staate bildete und so zum Zerfall des fragilen multi-ethnischen Staatsgebildes beitrug.

Die Überwindung des religiösen Proporzes zwischen den 15 anerkannten Konfessionen im Libanon ist Teil des Abkommens von Taif. Vor genau zehn Jahren wurde Taif unterzeichnet und seither nicht umgesetzt. Der Konfessionalismus ist stärker als je zuvor. Auch wenn die Libanesen aller Konfessionen dank ihres dichten universitären Netzes und der in der arabischen Welt einzigartig bunten Medienlandschaft in ständigem Dialog stehen, die Loyalität gegenüber der eigenen Gruppe dominiert das politische Denken. Ohne Unterschied der Religion trifft jedoch alle die derzeitige Wirtschaftskrise, die wie ein Schatten auf den sonst als lebenslustig bekannten Levantinern ruht.

Finanzminister Georges Corm kritisiert die frühere Regierung des Multimilliardärs Rafik al-Hariri, die die aktuelle Staatsverschuldung von 19 Milliarden US-Dollar hinterlassen hat. Für den Schuldendienst müssen bereits 45 Prozent aller Ausgaben herangezogen werden, klagt er gegenüber der Furche. Mittels eines Stabilisierungspakts will Corm den produktiven Sektor ankurbeln und durch Einführung von Einkommens- und Mehrwertsteuer die Staatseinnahmen erhöhen.

Kein Monte Carlo mehr Das verzerrte Bild eines Monte Carlo in der Levante, das vor allem die finanzkräftigen Auslandslibanesen (sechs Millionen) von ihrer Heimat haben, stimmt nicht. Dazu gehört auch die Streuung der Investitionen außerhalb des Zentrums Beirut. Gerade die reichen, in der Diaspora lebenden, geschäftstüchtigen Libanesen haben ausschließlich in Luxusimmobilien investiert, wo jetzt rund acht Milliarden Dollar brach liegen.

Der von al-Hariri ohne Rücksicht auf Verluste forcierte Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Hauptstadt Beirut trägt trotz aller Kritik der Ökonomen beeindruckende Früchte. Wo sich noch vor einigen Jahren die "grüne Linie" als unsichtbare Grenze zwischen muslimischem Westen und christlichem Osten hinzog, erheben sich nun stolze Fassaden. Den Architekten des Wiederaufbaus ist es gelungen, orientalisches Flair in die modernen Bauten einfließen zu lassen. Vor allem im Serail, dem Sitz des Premiers, dominieren Pracht und Ästhetik. Erinnerungen an die Zeit, als der Libanon noch die Schweiz des Nahen Ostens war, werden wach.

Die Schönen und Reichen mit den großen Autos und kleinen Handys sind retour. Was noch fehlt, ist der Esprit, der einst die Cafes hier belebte. Aber auch unter doppelter Okkupation durch Syrien und Israel, nimmt sich niemand ein Blatt vor den Mund. Aber müde sind die Libanesen geworden. Die Welt verbessern will kaum noch einer. Und das Leben genießen, das können nur manche. Inzwischen brauen sich über dem Süden des Landes Wolken zusammen, die noch niemand sicher deuten kann. Eines steht aber fest: Erfolg oder Mißerfolg des nahöstlichen Friedensprozesses werden maßgeblich im Libanon entschieden.

Die Autorin ist Korrespondentin der deutschen Tageszeitung "Die Welt".

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