Digital In Arbeit

Entwurf im Spiegel

Über den Sinn der Rede von Christus. Eine Replik auf "Geburt des zweiten Adam" von Paul Weß (Furche 51-52/06; s. dazu auch Lesermeinung S. 11/12).

Jesus Christus, der "Sohn Gottes", "wahrer Mensch und wahrer Gott" - wer soll das verstehen? Dass Jesus ein moralisch untadeliger Prophet war, lässt sich leicht anerkennen. Aber warum wir ausgerechnet durch Jesus "erneuerte Menschen" werden, wie Paul Weß meint, leuchtet nicht ein. Warum nicht durch Martin Luther King, Mutter Teresa oder Dietrich Bonhoeffer? Ist die Menschenfreundlichkeit Gottes nicht auch durch diese Vorbilder des Glaubens "voll wirksam geworden"? Warum war die Wirkung bei Jesus "voller"? Warum hat er die Vervollkommnung geschafft und danach niemand mehr? Den Unterschied macht gerade das, was Weß nicht wahrhaben will: Hinter seiner Rhetorik steht nichts anderes als der verkappte Gottessohn.

Immer mehr öden mich Predigten an, die mich zum besseren Menschen machen wollen, indem sie mir Jesus als moralisches Vorbild hinstellen. Moralität gehört zum Menschen, und es ist eine christlichen Untugend, Nichtgläubigen zu unterstellen, sie seien unfähig, sich moralisch zu erneuern. Dazu können einem inzwischen Psychotherapeuten besser verhelfen als Moralpredigten. Wer in der Christologie nur eine hellenistische Überformung biblischer Theologie sieht, übersieht die Überformung der biblischen Theologie durch den neuzeitlichen Moraldiskurs.

Mehr als Psychotherapie

Dabei wird die entscheidende Diskursebene ausgeblendet, die Hans Blumenberg "Bedeutsamkeit" nennt, und die in der Literatur ebenso zu Hause ist wie im Geflecht menschlicher Beziehungen. Nur wer und was uns "etwas bedeutet", gibt dem Leben Sinn; wem nichts etwas bedeutet, hat die Lust am Leben verloren. Die Kunst ist mit dem Glauben verwandt, und was der Poet Peter Hacks über die Kunst sagt, lässt sich auch über den Glauben sagen: Er ist nicht Nachricht über die Wirklichkeit, sondern "Nachricht über eine Haltung, die man der Wirklichkeit gegenüber einnehmen kann". Im Neuen Testament gibt es an einer Stelle so etwas wie eine Definition des Glaubens: "Es ist aber der Glaube aus dem Stoff der Hoffnung gemacht, ein Überführtwerden von etwas, das wir nicht sehen." (Hebr 11,1) Programme der Menschenverbesserung sind noch immer gescheitert, wenn sie sich nicht sogar in totalitäre Tyrannei verkehrt haben. Der christliche Glaube stellt dem etwas gegenüber, das nicht sichtbar, greifbar oder beweisbar, aber bedeutsam ist, eine Matrix von Bedeutsamkeit: die Christusgestalt.

Bedeutsamkeit lebt in der Sprache, sprechend verständigen wir uns darüber, was uns etwas bedeutet, machen wir uns einen Reim auf eine unbegreifliche Welt, die von Trennungen gekennzeichnet ist: innere Zerreißproben, getrennte Menschen, einander widerstreitende Weltbilder, der Tod als Trennung von Leben und Geschichte und die Trennung von Gott als dem Urgrund des Seins - das nennt die Bibel Sünde, nicht im moralischen Sinne, sondern als Zustand. Dem steht die Gestalt Christi gegenüber als die allem vorausgesetzte Einheit und damit zugleich als eine eschatologische Verheißung vollendeter Zukunft, die für die Glaubenden als Erbe bereit liegt; ein Bild für das Ganze und Ungetrennte, für die Aufhebung alles Getrenntseins, auch der Sünde (Hebr 4,15). Die Bibel nennt das Erlösung, und die alten Bekenntnisse bringen dies mit "wahrer Gott und wahrer Mensch" zum Ausdruck. Die Christusgestalt ist wie ein Bild, in einen Spiegel eingraviert; wer in diesen Spiegel schaut, kann hinter seinem Spiegelbild den Entwurf erkennen, den Gott von seinen Menschen gemacht hat, und wird diese Züge der Menschlichkeit vielleicht doch nicht so leichtfertig auf Spiel setzen - die umgekehrte Version des Bildnisses des Dorian Gray.

Wort Gottes nie in Reinkultur

Nur was bedeutsam ist, hat eine motivierende Kraft, Fakten haben sie nicht und Moralpredigten mit oder ohne ethische Vorbilder nur für kurze Zeit. Aber die Christusgestalt, durch die Gott seine Versprechen vor Augen führt und die ein Vor-schein zukünftiger Herrlichkeit ist (2Kor 4,6; Joh 1, 5.9), kann Dankbarkeit auslösen. Es macht einen großen Unterschied, ob jemand ein verantwortetes Leben führt, weil er oder sie durch Ermahnungen und makellose Vorbilder moralisch unter Druck steht, oder ob das aus Liebe und Dankbarkeit und damit in Freiheit geschieht (2Kor 3,18). Glaube lässt sich nicht ohne diese Hoffnung auf ein "Danach" leben, darauf ist die ganze Bibel ausgerichtet. Das nachzuvollziehen ist für Menschen unserer Tage wohl die größte Schwierigkeit. Aber anders hätte Dietrich Bonhoeffer 1944 im Gefängnis nicht schreiben können: "Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag ... führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen!" Ein solches Lied entzieht sich jedem moralischen Missbrauch.

Jede Sprache ist kulturbezogen. Worte ändern ihre Bedeutung, wenn sich der kulturelle Kontext wandelt. Es gibt nicht die unverfälschte Sprache wie etwa eine biblische Ursprache ohne kontextuelle Bindung, denn sonst wäre es möglich, das Wort Gottes in "Reinkultur" zu haben und unmöglich, dass Menschen, die aus einem andern Sprach-und Kulturraum kommen, etwas davon verstehen, was mit der Gestalt Christi gemeint ist. Wir haben "die Botschaft" immer nur in kulturierter Form und daher in jeder neuen Generation die Aufgabe der Hermeneutik, der Interpretation in einem unabgeschlossenen Prozess des Verstehens. Die Griechen sind dem auf ihre Weise nachgekommen, wir müssen es auf unsere Weise tun.

Jesus stand im Sprach-und Vorstellungshorizont der alttestamentlich-jüdischen Tradition, zu der der Begriff "Messias" gehört. Aber was ist nicht schon damals alles unter diesem Begriff verstanden worden! Das müsste erst noch entschlüsselt werden, bevor man "Messias" heute für verständlicher hält als "Sohn Gottes". Religiöse Sprache ist metaphorisch und nicht wörtlich zu nehmen, als stünde dahinter die Vorstellung, dass Gott, der Mann, ein Kind gezeugt hat. Zudem ist "Sohn Gottes" nur einer unter mehreren Hoheitstiteln, die unterschiedliche Traditionen zusammenführen. Auch würde kein orthodoxer Christ die "Vergöttlichung des Menschen" so verstehen, dass wir Götter werden. Vielmehr handelt es sich um eine eschatologische Aussage, dass Gott nach dem Ende der geschichtlichen Tage den Tod besiegen wird (Offb 21,4). Und wenn in den altkirchlichen Bekenntnissen in der lateinischen Übersetzung von Christus als göttlicher "Person" die Rede ist, dann bedeutet das nicht wie im heutigen Alltagsverständnis ein eigenständiges Individuum, sondern eine Wirkungsweise Gottes, der die Nähe zu den Menschen in allen Dimensionen sucht.

Reim auf Jesu Tod machen

Gott wirkt als Schöpfer unseres natürlichen Daseins, als Begleiter unserer Geschichte, als Inspirierender unserer Seele. Deshalb ist das Neue Testament von trinitarischen Wendungen durchzogen (z.B. Mt 28,19; 1Petr 1,2). Die Nachfolger/innen Jesu mussten sich einen Reim auf seinen schrecklichen Tod machen, weil nach allem, was sie mit ihm erlebt hatten, das nicht das Ende sein konnte. Was sie an faktischer Geschichte mit angesehen hatten, leuchtete ihnen in einer neuen Bedeutsamkeit ein, und fürs "Einleuchten" unbeweisbarer Überzeugungen ist der Geist zuständig. Wo immer sein unberechenbares, Bedeutung stiftendes Wirken ausgeblendet wird, geht auch der Sinn der Christusgestalt verloren. Deshalb darf die Dreifaltigkeit des einen Gottes nicht auseinander gerissen werden.

Haben wir es also in der Christologie mit einer hellenistischen Verzerrung der biblischen Botschaft zu tun? Nein, sondern so steht es in der Bibel geschrieben. Mein Versuch, die Christusgestalt zu verstehen, ist der Versuch, vor dem, was geschrieben steht, nicht zu kneifen.

Die Autorin ist Vorstand des Instituts für Praktische Theologie an der Evang.-Theol. Fakultät in Wien.

FURCHE-Navigator Vorschau