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Epiphanie profan

Was aber, wenn Epiphanie nicht nur als genuin religiöses Geschehen gesehen wird, sondern auch im profanen Leben zu entdecken wäre?

Kalter Dezemberregen klatscht gegen die Fensterscheiben. Der Himmel ist düster, und im Zimmer ist es so dunkel, dass ich die Lampe aufdrehen muss. Als ich später die südseitig gelegene Küche betrete, blendet mich plötzlich Helligkeit: die Wolken sind aufgerissen, die Sonne sichtbar und der Himmel goldfarben. Ein plötzliches Aufleuchten der zuvor grauen Welt, der Welt außen und auch der Innenwelt.

Es erinnert mich an einen Vers des antiken Dichters Pindar: "Eines Schattens Traum - der Mensch! Kommt aber Glanz, gottgegebener, ist strahlend Licht bei den Menschen, freundlich ihr Dasein.“ (Pythische Ode VIII, 94-97). Das gehört zur Faszination des Christbaums: dass plötzlich im Dunkel Lichter aufleuchten, ein Glanz, der sich ausbreitet im Raum und allem einen anderen, irgendwie transzendenten Charakter gibt. Es ist ein poetischer Augenblick, in dem für Kinder "das Christkind kommen“ kann, wenn ihnen das so erzählt wurde - umso schmerzvoller ist dann die Enttäuschung, wenn ihnen klar wird, dass die Eltern die Geschenke unter den Baum legen; weil es "das Christkind gar nicht gibt“. Dann hat der sogenannte Realismus den Glanz zum Erlöschen gebracht, und oft ist damit nicht nur das Christkind erledigt, sondern eine ganze Dimension durch Misstrauen verschlossen. Die Verletzung, die daraus entsteht, vernarbt. Sie mutiert zum dauerhaften Verdacht, dass Transzendenz mit Lügen und verdeckten Machtansprüchen verknüpft ist.

Poetische Augenblicke

Der Zugang zur verlorenen Leichtigkeit der Epiphanie lässt sich heute am ehesten durch die paradoxen Interventionen der Kunst wiederfinden.

Vergangenen Sommer sind kleine Plastik-Elefanten und Plastik-Giraffen hoch überm Boden auf einer Stange über den Kreuzgang des Minoritenklosters in Graz balanciert und in die Ausstellungsräume der Minoritengalerie im 2. Stock gewandert. Sie waren eine Quelle für Momente des Innehaltens oder auch des Lächelns über diesen befremdlichen und zugleich ausdrucksstarken Umstand. Worauf weisen die Tiere hin? Wohin sind sie unterwegs? Diese Frage konnte man 2003 auch angesichts der goldenen Leitern stellen, die die finnische Künstlerin Maaria Wirkkala von Dächern der Grazer Altstadt in den Himmel deuten ließ. Ihre poetischen Installationen mit Plastikelefanten, gläsernen oder goldfarbenen Bauleitern, den Schatten von Gegenständen etc. "sind materiell völlig wertlos“. Sie erscheinen als "Akt der Herzens, frei von jeder Eitelkeit und voll heiterer Demut“. So hat der Wiener Avantgarde-Dichter H. C. Artmann 1974 in einer Rede den "poetischen Akt“ charakterisiert.

Die Poesie ist seit einiger Zeit das Rückzugsgebiet für Erfahrungen, die schnell als verdächtig gelten und nicht so leicht einen Ort finden können: Situationen von Schönheit und Nutzlosigkeit, von Momenten der Offenheit, die man nicht dogmatisch oder machtpolitisch vereinnahmen kann. Was das Poetische an einer Installation oder an einem Bild oder Text - oder auch an einer Begegnung mit Menschen - ist, das entzieht sich und lässt sich nicht in Worte bringen. Es entsteht eine eigentümliche Stille, weil die üblichen Bedeutungsstrategien versagen. Poetische Momente sind so etwas wie Epiphanien, in ihnen leuchtet jener Glanz auf, der heute nicht mehr so leicht als gottgegeben verstanden werden kann. Dafür ist das Wort "Gott“ zu belastet und zu sehr mit jenen Verletzungen verbunden, die eher Wut erzeugen als Offenheit.

Poetische Momente werden durch einen traditionsbelasteten Bezug auf Religion oder "Gott“ eher verhindert als befördert. Die "profanen Erleuchtungen“ eröffnen sich, so der Philosoph Walter Benjamin, vorwiegend jenen, die absichtslos durch die Straßen der Stadt flanieren, lesend oder in Gedanken versunken sind, die auf etwas warten oder mit offenen Augen träumen. Es sind Augenblicke von großer Intensität, in denen die Dinge sich plötzlich nicht mehr auf ihre sprachlich fixierte Bedeutung festlegen lassen, sondern ein Eigenleben beginnen. Der Surrealist René Magritte bediente sich dieser Möglichkeit, Wort und Sache auseinanderzuhalten, um Momente der Irritation und des Staunens beim Betrachten hervorzurufen. Das Alltägliche wird zum Besonderen, Einzigartigen, wenn die "Gebrauchsanweisungen“, mit denen man zumeist die Dinge betrachtet, wegfallen, wenn man nicht mehr so sicher sagen kann, wozu etwas gut sein soll oder was es bewirkt.

Eine Rose zum Beispiel kann zwar als Geschenk sehr brauchbar sein, oder als Gartenpflanze oder in der Vase. Doch genau betrachtet verhält es sich anders: "Die Ros’ ist ohn’ Warum, sie blühet, weil sie blühet“, schreibt der böhmische Barockdichter und Mystiker Angelus Silesius. "Sie acht’ nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.“ Dass der Dichter und Mystiker diese Rose so sehen kann, liegt freilich nicht an der Rose, sondern an seiner Übung, das "Warum“ und den Gedanken der Zweckmäßigkeit gelegentlich wegzulassen.

Aufmerksamkeit ist nicht alles

Profane Epiphanien können sich jederzeit ereignen - vorausgesetzt, sie werden zugelassen. Solche Erfahrungen sind nicht synthetisch herstellbar, doch man kann ihnen Raum geben und dies auch durch Achtsamkeit üben. Damit ist jedoch nicht "Aufmerksamkeit, der Rohstoff der Informationsgesellschaft“ (Florian Rötzer) gemeint. Die Welt in der Industriegesellschaft ist vielfach durch Medien aller Art vermittelt, die das Augenmerk, die Aufmerksamkeit möglichst vieler auf sich lenken wollen, da dies ihren Marktwert steigert. Als Mittel der Wahl gilt die Erzeugung starker und immer stärkerer Reize. Wer nicht ausreizt bis zum Letzten, wird nicht wahrgenommen; und nur wer wahrgenommen wird, ist "real“, sagen die Herolde der Informationsgesellschaft. Reize werden verstärkt, damit medial vermittelte Erlebnisse intensiviert werden. Das führt in der Praxis zum Verlust der Wirklichkeit. So hat man festgestellt, dass sich viele Jugendliche zwar sehr für Umweltfragen und Ökologie engagieren - allerdings bei Exkursionen entsetzt sind, wenn sie in der feuchten Erde gehen oder in die Erde greifen müssen, wenn ihre Schuhe schmutzig werden oder wenn sie mit lebendigen Fröschen, Spinnen und anderen fürs ökologische Gleichgewicht wichtigen Tieren zu tun bekommen.

Plädoyer für absichtslose Achtsamkeit

Die "Realität“ der Medien ist nur zweidimensional und zudem "unter Kontrolle“. Die "Wirklichkeit“ dagegen ist, wie sie ist. Sie entzieht sich der Kontrolle und ist unvermittelt da. Und sie ist oft langsam und langweilig. Doch dies alles sind Bedingungen der Möglichkeit profaner Epiphanien. In der medialen Atemlosigkeit, die das Ergebnis von Reizvermehrung und Reizintensivierung ist, ist kein Raum für Epiphanien, für profane so wenig wie für religiös konnotierte. Dies ist eine Leerstelle, denn nichts kann dauerhaft jenen nutzlosen Glanz ersetzen, der die Menschen aus dem Schattendasein holt und ihr Leben freudig macht.

Absichtslose Achtsamkeit statt Aufmerksamkeitsmanagement lässt Raum für das Erscheinen eines "gottgesandten Glanzes“. Epiphanie wird dort möglich, wo nicht gleich ein Urteil über eine Situation oder einen Menschen abgegeben wird; wo Offenheit möglich ist für das, was gerade jetzt ist; wo Zuwendung mit Wohlwollen und Neugierde, ohne Absicht und Zweck möglich ist.

Manchmal braucht diese Zuwendung auch Einsatz. Als Franz von Assisi einem Leprakranken begegnete, musste er sich zunächst überwinden, ihm nahezukommen. Dann küsste er ihn, und eine tiefe Freude überkam ihn.

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