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"Er kann Veränderungen nur lostrEtEn"

"Der Mann hat etwas richtig Ansteckendes. Mit seiner Furchtlosigkeit. Der hat vor nichts Angst. Das sieht man, wenn er durch die Welt geht.

Wie der Papst auf Menschen zugeht, und wie er in sehr einfachen Worten sagt, was er denkt, das ist ein ganz neuer Wind aus dem Vatikan. Ein franziskanischer Wind.

Der Papst hat den Film nicht gesehen. Er hat mir ausrichten lassen, dass er ihn sich auch nicht anschauen wird. Dass er gehört hätte, er wäre sehr schön geworden, dass er sich freut."

Er hat einfühlsame Filmporträts über die kubanischen Musiker des "Buena Vista Social Clubs" gedreht. Oder über die Tanz-Ikone Pina Bausch wie über den Fotografen Sebastião Salgado. Und spätestens seit seinem Engel-Epos "Der Himmel über Berlin"(1987) weiß die Welt auch, dass Wim Wenders ein religiöser Spurensucher ist. Nun porträtiert der Filmemacher mit "Papst Franziskus -Ein Mann seines Wortes" den gegenwärtigen Pontifex. Ein FURCHE-Gespräch über diesen Film und Wim Wenders Begegnungen mit Franziskus.

Die Furche: Herr Wenders, wie haben Sie den Papst kennengelernt?

Wim Wenders: Ich habe mich mit dem Papst zwei Jahre lang beschäftigt, ehe ich ihm das erste Mal die Hand geschüttelt habe. Dieser Händedruck war beim ersten Drehtag mit ihm. Eine Viertelstunde später haben wir angefangen zu drehen. Er kam auch ganz allein in den Raum, gar nicht mit Entourage, sondern plötzlich ging die Tür auf und er kam alleine rein. Das war ein besonderer Moment. Die Anfrage, einen Film mit ihm zu machen, kam im Herbst 2013, und im Herbst 2016 begannen wir mit Dreharbeiten.

Die Furche: Gab es gar keine Vorgaben?

Wenders: Null Komma Josef. Wirklich! Es ist ja keine Produktion des Vatikan, die haben sich, außer es zu initiieren, aus allem raus gehalten.

Die Furche: Kannte der Papst Ihre Filme?

Wenders: Er hat nie einen Film von mir gesehen. Das war auch das Erste, was er mir sagte: "Sie müssen verstehen, man hat mir viel von Ihnen erzählt, aber ich schaue mir keine Filme an." Dario Viganò, der Präfekt der Kommunikationsabteilung des Vatikan, ist Kommunikationswissenschaftler, hat Film studiert, hat Bücher über Filme geschrieben und hatte auch mal einen Filmclub betrieben, wo ich einmal zu Besuch war. Über ihn kam das Projekt zustande.

Die Furche: Wie haben Sie Franziskus erlebt?

Wenders: Er ist ein extrem kommunikativer Mensch. Aus ihm strahlen eine große Menschenfreundlichkeit und eine enorme Herzlichkeit. Wie er auf Menschen zugeht, und wie er in sehr einfachen Worten sagt, was er denkt, das ist ein ganz neuer Wind aus dem Vatikan. Ein franziskanischer Wind. Der Mann faszinierte mich schon, bevor ich ihn das erste Mal sah. Zehn Sekunden vorher, bevor ihn alle Welt zum ersten Mal gesehen hat, gab es auf dem Petersplatz in Rom die Ansage des Kardinaldiakons, wer der neue Papst werden würde, und dass er aus Buenos Aires stammte und sich Franziskus nannte. Ich sprang vorm Fernseher auf und dachte - ohne noch sein Gesicht gesehen zu haben: Das gibt's nicht! Wer traut sich so etwas?

Die Furche: Glauben Sie an Gott?

Wenders: Ja. Ich ein gläubiger Mensch, bin katholisch aufgewachsen, später bin ich Protestant geworden. Ich bin ökumenischer Christ und finde die Unterschiede eher befruchtend. Ich finde, dass die Menschen an der Basis schon viel weiter sind in der Ökumene als die Kirchen.

Die Furche: Als Sie konvertiert sind, hatte das einen konkreten Anlass?

Wenders: Die katholische Kirche schien mir ziemlich erstarrt, die evangelische hingegen schien mir wirklicher zu sein. Wobei: Es liegt vieles an einem selbst. Was mir bei der evangelischen Kirche gefallen hat, war, dass sie uns aufgefordert hatte, selbst die Bibel zu lesen. In meiner katholischen Kindheit hatte mir das nie jemand gesagt. Das wurde einem immer vorgelesen. Das kam immer von der Kanzel.

Die Furche: War das ein Thema, dass Sie nicht mehr katholisch sind?

Wenders: Ich sagte denen gleich zu Beginn: Ihr wisst schon, dass ihr einen Protestanten vor Euch habt? Und der Vatikan meinte: Das wissen wir sehr wohl, aber das interessiert uns überhaupt nicht. Es interessiert uns mehr, was Sie für ein Auge haben und welche Filme Sie gedreht haben.

Die Furche: Was hat die Arbeit an diesem Film mit Ihnen gemacht?

Wenders: Der Mann hat etwas richtig Ansteckendes. Einerseits mit seiner Furchtlosigkeit. Der hat vor nichts Angst. Das sieht man auch, wenn er durch die Welt geht. Er lässt keine Menschenmenge aus. Gleichzeitig hat er auch einen unglaublichen Optimismus, dass alles sich noch zum Guten verändern könnte und es nicht zu spät ist. Heutzutage trifft man wenig Menschen, die einen so anfachen können, und die einem auch klar machen, dass wir alle an etwas glauben. Wir glauben eigentlich alle, dass es keine Unterschiede zwischen Menschen gibt. Das steht in all unseren Grundgesetzen. Nur wir handeln überhaupt nicht mehr so. Franziskus redet über all das so einfach und überzeugend, dass ihm auch Menschen zuhören, die sonst nicht zuhören würden.

Die Furche: Haben Sie etwas geändert an ihrem Leben?

Wenders: Ja, bin voll dabei. Mein Motto ist seither: Mit weniger auskommen.

Die Furche: Wie sieht das konkret aus?

Fahrrad fahren. Wir haben außerdem den Film günstiger gemacht. Wir hatten ein Budget von 2,5 Millionen, und dachten, wir müssen an dem Film beweisen, dass man mit weniger auskommen kann. Und so machten wir den Film für 1,5 Millionen, und eine ist auf ein Sonderkonto des Papstes für wohltätige Zwecke gegangen.

Die Furche: Gespart, indem Sie auch auf Gagen verzichtet haben zum Beispiel?

Wenders: Ich habe den Film für eine symbolische Gage gemacht, wo ich für fünf Jahre Arbeit so viel verdient habe, wie sonst mit einem Werbespot. Und wenn der Film etwas abwirft, dann geht auch das an wohltätige Zwecke.

Die Furche: Dass Franziskus auch Gegner hat, blenden Sie im Film völlig aus. Wieso?

Wenders: Das wäre ein ganz anderer Film geworden. Der Konflikt zwischen einem Erneuerer und dem Apparat, den er bewegen muss. Kann man auch machen, müsste aber ein anderer machen. Denn dafür braucht man ein anderes Talent. Ich bin ja jemand, der Filme macht über Dinge, die ich liebe, schätze und mit anderen Menschen teilen will -egal, ob das nun die Musik aus Havanna ist oder die Choreografien der Pina Bausch.

Die Furche: Haben Sie den Eindruck, der frische Wind von Franziskus wird zu dauerhaften Veränderungen in der Kirche führen?

Wenders: Ich habe das Gefühl, dass das Rad, das er angeschoben hat, nicht mehr zurückzuschieben ist. Ich glaube auch, es gäbe einen Riesenkrach, wenn man das Rad anhalten würde. Es muss weitergehen, ich glaube, er wäre selbst gerne jünger gewesen, um das alles anzugehen, zugleich weiß er auch, dass er Veränderungen nur lostreten, aber sie nicht durchführen kann.

Die Furche: Wie hat der Papst auf den Film reagiert?

Wenders: Der Papst hat den Film nicht gesehen. Er hat mir ausrichten lassen, dass er ihn sich auch nicht anschauen wird. Dass er gehört hätte, er wäre sehr schön geworden, dass er sich freut. Aber Filme sind nicht sein Ding. Er hat mir ausrichten lassen, ich müsse doch bitte verstehen, dass er deswegen nicht auf einmal beginnen könne, ins Kino zu gehen.

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