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Es gibt noch ein anderes Serbien

1945 1960 1980 2000 2020

Nach dem Krieg sucht das demokratische Serbien Verbündete im westlichen Ausland.

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Nach dem Krieg sucht das demokratische Serbien Verbündete im westlichen Ausland.

Ist der Dialog mit Serbien hoffnungslos geworden? Kann man mit "den Serben" einfach nicht reden, schon gar nicht, solange die Bomben fallen? Auch Stacy Sullivan, Balkankorrespondentin von "Newsweek", kam sichtlich erschüttert zum Ergebnis, mit den Serben könne man nicht diskutieren, wenn es um Kosovo und NATO-Bomben gehe; sie blieben ungerührt von den im Freien verwesenden Leichen von Srebrenica und dachten nicht daran zu protestieren, als Slobodan Milosevi'c - gegen den sie im Winter 1996 monatelang demonstriert hatten - im Kosovo albanische Dörfer beschießen und Zivilisten töten ließ.

Eigene Erlebnisse scheinen diese Feststellungen zu bestätigen: Als im Herbst vorigen Jahres - noch lange vor der Bombardierung - das Gespräch mit serbischen Freunden auf das Geschehen im Kosovo kam, war die Aussage eindeutig: Die UCK-Kämpfer seien "Terroristen", die Albaner durchwegs "Zigeuner", das Kosovo gehöre Serbien, die Albaner sollten verschwinden. Aussagen von Menschen, die unter den Kommunisten schwer litten, die Milosevi'c ablehnend gegenüber standen. Aber wenn es um "nationale Heiligtümer" geht, wenn die Bomben fallen, dann sind sie mit ihm solidarisch. Unverbesserlich? Hoffnungslos?

Dialog hoffnungslos?

Nun wieder, nach 77 Bombennächten, im Zeichen des Einzugs der Kfor-Truppen im Kosovo: Zwei Drittel der Menschen, mit denen er gesprochen habe - erzählt der Freund nach mehreren Tagen in Belgrad - seien der Meinung, Serbien und Milosevi'c hätten gesiegt gegen den "Terror der USA und der NATO". Und die Bombardements würden bald wieder einsetzen, wenn Serbien daran gehe, "sein" Kosovo wieder in Besitz zu nehmen. Nur die tiefwirkende Propaganda, oder Ausdruck der Volksseele, mit der "man" nicht reden könne?

Nochmals: Ist der Dialog hoffnungslos geworden? Ist das zarte Pflänzchen einer Verständigung, einer Annäherung zwischen Serben, Deutschen, Österreichern und Donauschwaben, das im vergangenen Herbst zu keimen begann, schon wieder ausgerissen?

Im September hatte in Vrsac, dem einstigen Werschetz im jugoslawischen Banat, eine Ausstellung "Vrsac na secanju" (Werschetz in der Erinnerung) der staunenden, völlig uninformierten Nachwelt dokumentiert, was Werschetz einst gewesen war, was die deutschen Siedler seit Maria Theresia hier geschaffen hatten, neben Serben und Ungarn.

Im Oktober trafen im Wiener "Haus der Heimat" Historiker und historisch geschulte Laien zusammen, Serben und Donauschwaben, um durch mehr Wissen über die Geschichte in diesem Raum zu mehr Verständnis zwischen den Volksgruppen zu kommen. Ein erster Anfang mit geringem Echo, auf serbischer wie auf donauschwäbischer Seite. Von den Medien beider Seiten weitestgehend ignoriert. Aber doch ein Versuch.

Und dann fielen die Bomben. Konnte man da noch weiter für Verständigung arbeiten? Zoran Zileti'c, emeritierter Professor für Germanistik an der Universität Belgrad und wichtigster Vorkämpfer der Verständigung auf serbischer Seite - die Furche stellte ihn im vergangenen Oktober vor - trat als Präsident der "Gesellschaft für serbisch-deutsche Zusammenarbeit" zurück. In dieser Zeit könne man nur schweigen, begründete er seinen Schritt. Andere, die keinen anderen Ausweg wußten, oppositionelle Politiker, Journalisten, Intellektuelle, zogen sich nach Montenegro oder ins Ausland zurück, um nicht in die Schußlinie - von Milosevi'c oder NATO - zu geraten. Und vielleicht, um für den "Tag danach" zur Verfügung zu stehen. Nun kommen sie zurück, organisieren Demonstrationen, Widerstand. Sind sie Partner eines neuen Dialogs?

Aber auch in der Zwischenzeit, sogar solange die Bomben fielen, gab es Stimmen, die den Dialog nicht abreißen lassen wollten. In Pancevo, dem einstigen Pantschowa, gibt es das "Banatski forum", Zentrum für die Dokumentation der Deutschen in der Vojvodina. Vor dem Konflikt im Kosovo hat das Forum mit Zileti'c und seiner Gesellschaft sowie einer dritten Organisation eng zusammengearbeitet, um dort, wo in den Nachkriegsmonaten tausende Donauschwaben ermordet und in Massengräbern verscharrt wurden, Gedenktafeln zu errichten. Im November 1997 wurde die erste in Rudolfsgnad/Knjicanin enthüllt. Weitere in Jarek und Gakowo sollten folgen.

Ziel ist Europäisierung Der Sprecher des Banatski forum in Pancevo ist Zlatoje Martinov, Historiker und Publizist. Er und das Forum wollten trotz der Kriegsereignisse in der bisherigen Richtung weitergehen, Richtung Demokratie, Menschenrechte, Freiheit und Freundschaft mit Deutschland, Österreich, überhaupt mit dem Westen, schreibt er im Brief an Architekt Helmut Frisch, den Organisator des erwähnten Historikertreffens im Vorjahr.

In einem Interview für die "Deutsche Welle" bezeichnete Martinov die herrschende Regierung als Hauptschuldigen an der Katastrophe des serbischen Volks, er protestierte gegen die Verhaftung oppositioneller Journalisten und kritisierte die Ansammlungen von Menschen auf Brücken und bei gefährdeten Gebäuden als "lebende Zielscheiben".

In Serbien wird Martinov totgeschwiegen, aber auch im Westen hat man seine Bemühungen nicht zur Kenntnis genommen. Darum wendet er sich an Freunde in Wien, ihm Echo zu verschaffen, das nach Serbien zurücktönt. Unsere Chance ist nur der Westen, durch Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Deutschland und Österreich, schreibt er. Unser Ziel muß Europäisierung und Modernisierung sein, Achtung der religiösen und traditionellen Werte und der Heiligkeit menschlicher Privatsphäre. Natürlich kann niemand glücklich sein, wenn das eigene Land bombardiert wird, aber im Moment muß primär das Feuer gelöscht und nicht Öl hineingeschüttet werden, wie es unsere staatlichen und privaten Medien tun, schließt Martinov.

Die Bomben fallen nicht mehr, Flüchtlinge kehren zurück. Wenn in diesen Tagen die Spitzen der europäischen Sozialdemokratie in Wien berieten; wenn in Sarajewo die Mächtigen der Welt diskutierten, wie sie das Kosovo, Serbien, die schwer getroffene Balkanregion aufbauen können; wenn Spitzenpolitiker die Notwendigkeit betonen, in Serbien - nach Milosevi'c - demokratische Strukturen zu schaffen, dann sollten sie nicht übersehen, daß es trotz gegenteiliger Beobachtungen dort Menschen gibt, die dasselbe Ziel vertreten.

Der Frieden muß erst gewonnen werden. Mit Hilfe jener, die den Dialog, während die Bomben fielen, nie abreißen lassen wollten. Nur wenn der Westen sie stützt, ihnen das nötige Echo verschafft, werden vielleicht auch jene überzeugt werden können, die heute noch vom "serbischen Sieg" überzeugt sind.

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