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"Es gibt Österreich nicht mehr"

Vor wenigen Tagen hat der deutsche Starsoziologe Ulrich Beck gemeinsam mit Edgar Grande sein neues Buch herausgebracht: "Kosmopolitisches Europa". Am Rande des 32. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in München erläuterte Beck im furche-Interview seine Thesen vom Europäisierungs-Prozess und der Auflösung nationaler Identitäten.

Die Furche: In Ihrem kürzlich publizierten Buch "Kosmopolitisches Europa" schreiben Sie: "Die Euphorie über das neue, größere Europa könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass Europa noch immer unverstanden, unbegriffen ist." Was könnte zum besseren Verständnis Europas beitragen?

Ulrich Beck: Ein anderer Blick auf Europa, der kosmopolitische Blick! Der Begriff des Kosmopolitismus ist zunächst ein philosophischer Begriff. Er taucht bereits in der griechischen Philosophie auf, wo auch das Wort geprägt wurde. In der aktuellen Globalisierungsdiskussion verwendet man ihn als positiven Gegenbegriff zur Ordnungsmacht des Marktes und des Nationalstaates. Kosmopolitismus meint, dass im Denken, Zusammenleben und Handeln die Anerkennung des Anderen zentral ist. Wir befinden uns ja seit einiger Zeit in einer transnationalen, ja kosmopolitischen Lage, die wir gar nicht beabsichtigt haben. So ist zum Beispiel der internationale Terrorismus stets in unserem Alltagsleben präsent. Auch in der Wirtschaft ist der Prozess der Kosmopolitisierung unübersehbar. Wir geraten in ein ökonomisches Abhängigkeitsverhältnis von transnationalen Konzernen, das wir so nie gewollt haben.

Die Furche: Wie hängen Kosmopolitismus und Europäisierung zusammen?

Beck: Die von mir analysierte Europäisierung ist ein ähnlicher Prozess wie der Kosmopolitismus. Unser Denken über Europa wird noch von nationalstaatlichen Kategorien geprägt. Wir gehen davon aus, dass Österreich oder Deutschland noch Nationalstaaten sind, während wir an einem Prozess partizipieren, den wir noch gar nicht richtig begriffen haben. Das kosmopolitische Europa bricht mit dem Prinzip "Entweder - Oder", das den Nationalstaat stets der europäischen Idee gegenüberstellte. Es wird durch die positive Definition des "Sowohl-als-Auch" bestimmt. Die Nationalgesellschaften europäisieren sich immer mehr, was man am Beispiel von bi-nationalen Ehen, Bildungskarrieren oder Arbeitsmarktkarrieren sieht. Sie verschmelzen in zunehmenden Maß miteinander, sodass die nationalstaatlichen Traditionen und Rechtsauffassungen allmählich aufgeweicht werden. Überspitzt könnte man sagen, dass es Österreich in der Form des klassischen Nationalstaats gar nicht mehr gibt, da ja viele Grenzen abgeschafft wurden, die österreichische Währung nicht länger existiert und bestimmte Entscheidungen in Brüssel getroffen werden.

Die Furche: Derzeit entsteht oft der Eindruck eines anti-europäischen Ressentiments, das sowohl von manchen Medien als auch von einigen Politikern vermittelt wird und in der Bevölkerung relativ stark verankert ist. Wie sollte der Soziologe dieser Entwicklung gegensteuern?

Beck: Da gibt es kein Patentrezept: Dieses Ressentiment zeichnet sich durch die bereits erwähnte "Entweder-Oder-Logik" aus, die mit der Unterscheidung von "Innen und Außen" arbeitet. Dieser Ausschließungslogik, die oft von Politikern, Medien oder aber auch von Staatsbürgern vertreten wird, muss sich die Sozialwissenschaft entziehen. Ich persönlich denke, dass die Kosmopolitisierung Europas noch mit vielen Widerständen zu kämpfen hat. Der aufkeimende Neo-Nationalismus, der in verschiedenen Formen auftritt, ist eine Reaktion auf den Kosmopolitismus. Der methodologische Nationalismus, also die Vorstellung, dass alle politischen Probleme nur vom Nationalstaat gelöst werden können, ist ja das Gespenst, das sich in Europa herumtreibt. Meine Interpretation der Europäisierung bezieht sich darauf, das Konzept einer nationalen Identität aufzugeben; die Devise ist: Je mehr Europa, desto weniger Nationalität. Wenn wir die Europäisierung bejahen, müssen wir die nationalstaatliche Souveränität verneinen und Europa kosmopolitisch denken. Das Fremde wird nicht als Bedrohung der eigenen Kultur empfunden, sondern als eine Möglichkeit der Erweiterung, der Bereicherung.

Die Furche: Wie ist es möglich, in diesem kosmopolitischen Europa mit sozialen Ungleichheiten und kulturellen Unterschieden umzugehen?

Beck: Der Prozess der Europäisierung wird zahlreiche Probleme aufgreifen müssen: den dramatischen Bevölkerungsrückgang, die daraus resultierenden Rentenprobleme oder die Schwierigkeiten, den Sozialstaat zu sanieren. Alle diese Probleme lassen sich nicht mehr national lösen. Erfolgreiche Lösungen auf der europäischen Ebene könnten dann dazu führen, dass die Vorbehalte gegenüber der Europäisierung abgebaut werden können. Andererseits darf man nicht erwarten, dass die Europäisierung ein Allheilmittel darstellt, um soziale Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Dieses Problem wurde auch im Europäischen Parlament sichtbar: Da wurden Parlamentarier aus europäischen Ländern ganz unterschiedlich bezahlt, was die Frage aufwirft, ob man diese Unterschiede hinnehmen soll.

Die Furche: Und wie kann man kulturellen Unterschieden begegnen?

Beck: Hier sehe ich in der Europäisierung nicht nur die Chance, durch einen wechselseitigen Anerkennungsprozess die jeweiligen Kulturen zu bereichern, sondern auch die Gefahr, dass eine Politik der Anerkennung, wie sie auch der kanadische Philosoph Charles Taylor vertritt, die Konfliktdynamik des 21. Jahrhunderts bestimmen wird, von der man natürlich heute nicht sagen kann, wie sie sich entwickeln wird.

Die Furche: Könnte dies zu einer Polarisierung von Kosmopolitismus und Fundamentalismus führen?

Beck: Das ist genau die Dialektik, mit der wir es zu tun haben. Die Öffnung, die durch den Kosmopolitismus erfolgt, bringt auch eine antipluralistische Reaktion hervor, die lautet: "Zurück zu den alten Sicherheiten." Auch die Parteien sind gerade in Europa gezwungen, auf solche Stimmen des Ressentiments Rücksicht zu nehmen. Das ist genau die Auseinandersetzung, die die Zukunft bestimmen wird: Auf der einen Seite die Offenheit des Kosmopolitismus, die voller Unsicherheiten und voller Risiken ist, und umgekehrt die Bedrohung, die viele Menschen darin sehen, und die dann zu den fundamentalistischen Haltungen führen kann. Wenn man sich das ansieht, kann man durchaus Sorge bekommen, welche dieser beiden Fraktionen in Zukunft die Oberhand behalten wird.

Das Gespräch führte Nikolaus Halmer.

Den Finger am Puls der Gesellschaft

Ulrich Beck, 1944 in Stolp (Pommern) geboren,

gilt heute als einer der führenden Soziologen in Deutschland, der immer wieder Anstöße für neue wissenschaftliche

Debatten liefert. Er arbeitet als Professor für Soziologie an der Universität München und an der London School of

Economics. Beck fungiert auch als Herausgeber der

Suhrkamp-Reihe "Zweite Moderne".

Erstmalig Aufsehen erregte er mit seinem Buch

"Risikogesellschaft", das 1986 erschien. Darin

thematisiert er die destruktive Tendenz der Industriegesellschaften, ihre ökologischen Grundlagen zu zerstören.

In den letzten Jahren - sowie in seinem jüngsten Buch

"Kosmopolitisches Europa" - befasste sich Beck vor allem

mit dem aktuellen "kosmopolitischen" Realismus,

der die Auswirkungen der Globalisierung

- wie das Ende des Nationalstaats oder die Konjunktur

transnationaler Konzerne - reflektiert.

KOSMOPOLITISCHES EUROPA

Von Ulrich Beck und Edgar Grande.

Edition Zweite Moderne.

Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2004.

400 Seiten, brosch., e 18,50.

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