Digital In Arbeit

"Es lohnt sich, Gott zu kennen“

Ruth Pucher leiht anderen Menschen ihre Augen, um Kirchen, Bilder oder Städte neu zu sehen. "Wien ORDENtlich“ nennen sich die spirituellen Spaziergänge dieser unkonventionellen Ordensfrau. Über die ganz besondere Mission einer "Missionarin Christi“.

Wie warm oder kühl ist es hier? Ist es bedrückend dunkel - oder bringt die Sonne bunte Fenster zum Strahlen? Wie hoch ist der Raum? Riecht es tatsächlich nach Holz? Jeder Mensch hat erste Eindrücke, wenn er einen Kirchenraum betritt, doch den meisten sind sie nicht bewusst. Wenn Ruth Pucher mit einer Gruppe junger Erwachsener eine Kirche erkundet, soll das anders sein. "Ich leihe Menschen meine Augen als Ordensfrau, um Kirchen zu sehen, die Stadt zu durchwandern, Bilder zu meditieren, Orientierung zu finden“, sagt die 37-Jährige im Wohnzimmer des kleinen Reihenhauses in Wien-Speising, das sie mit zwei Mitschwestern bewohnt.

"Wien ORDENtlich“ heißt Puchers Angebot spiritueller Spaziergänge, das Menschen motivieren soll, bewusster hinzuschauen, hinzuhören und hinzuspüren. Gerade eben hat sie mit einer evangelischen Pfarrerin einen zweiwöchigen Kirchenführungs-Workshop geleitet; Ende August steht eine Radtour von Passau ins Salzkammergut auf dem Programm, bei der die Teilnehmenden auf dem "Weg des Buches“ sowohl die Bibel, als auch Gotteshäuser und Natur mit allen Sinnen erfahren sollen; und dann und wann lädt die ausgebildete Fremdenführerin auch ins Wiener Museum moderner Kunst (MUMOK), um Menschen unter dem lustvoll provokanten Titel "Solche Schmierereien…“ die Möglichkeit zu eröffnen, sich mit heutiger Kunst - und eigenen Vorbehalten - zu konfrontieren.

"Kunst ist immer geistgewirkt“

"Ohne Kunst vereinnahmen zu wollen: Aber ich glaube, künstlerisches Schaffen ist immer geistgewirkt, da ist immer noch etwas anderes dabei“, sagt die junge Frau mit leuchtenden Augen. Ihr selbst gehe es darum, sich gemeinsam mit Interessierten auf dieses andere einzulassen, jenen Fragen nachzuspüren, die Bilder oder Räume aufwerfen. Manchmal sei dabei von Gott die Rede, oft aber auch nicht, erzählt sie: "Doch allein das Sich-Einlassen auf Unbekanntes kann eine spirituelle Erfahrung sein.“

Dass für sie als "Missionarin Christi“ die Kunst zum Werkzeug geworden ist, kommt nicht von ungefähr. Als Kind katholischer Eltern in der Berliner "Diaspora“ aufgewachsen und von ihrer Familie mit einem großen Grundvertrauen ins Leben ausgestattet, beginnt sie in Oberbayern die Lehre zur Kirchenmalerin. Sie schabloniert Ornamente, vergoldet, putzt den Vogeldreck vom Hochaltar und ist dabei "mit den Engeln auf Augenhöhe“, wie sie lachend erzählt. Doch es fehlt an intellektueller Nahrung. Mit dem Gesellenbrief in der Hand beginnt sie ein Kunstgeschichtestudium und findet in der von Jesuiten geleiteten Katholischen Hochschulgemeinde in Würzburg ihre neue, spirituelle Heimat. Hier erfährt sie, was es heißt, "leibhaftig“ zu beten; hier lernt sie die Jesuiten kennen als Gemeinschaft "normaler Männer mit normalen Bedürfnissen und normalem Lebenswandel“; und im Zisterzienserkloster von Cîteaux, wo sie ein Praktikum als Fremdenführerin absolviert und ihre "benediktinische Seele“ entdeckt, taucht erstmals die Frage auf, ob das auch etwas für sie sein könnte.

Ermuntert von einem Jesuiten sucht die 28-jährige Kunsthistorikerin nach einer Gemeinschaft, in der sie ihre Begabungen einbringen kann und so bleiben kann, wie sie ist: offen, tatkräftig, lebensfroh. Schließlich wird sie fündig - und beginnt 2002 bei den "Missionarinnen Christi“ südlich von München ihr Noviziat. Drei Jahre später sendet sie der Orden nach Österreich, in jenes Land, aus dem ihr Vater stammt und dessen Staatsbürgerschaft sie seit jeher besitzt. Hier, in der Großstadt Wien, soll sie Kunst und Spiritualität verbinden und auf ihre ganz persönliche Art missionarisch sein.

Ein Wort mit schwieriger Vergangenheit, ist sich Pucher bewusst. Doch sie versucht es neu zu buchstabieren. "Mission bedeutet für mich, die eigene Beziehung zu Gott in alle anderen Beziehungen hineinwirken zu lassen: über die Begegnung, über das Angebot von Freundschaft und über die Kunst“, sagt sie strahlend. "Schließlich bin ich überzeugt, dass es sich lohnt, Gott zu kennen.“

"Das formt mich im Inneren.“

Erst vergangenen November hat sie vor einer Christus-Ikone ihre "Lebensweihe“ abgelegt. Über hundert Freundinnen und Freunde waren mit dabei - die meisten mit Familie. "Keine Kinder zu haben, ist manchmal ein Schmerz“, sagt die 37-Jährige. "Doch eine Freundin hat einmal zu mir gesagt: Du musst doch später unseren Kindern erzählen, was es sonst noch gibt! Eine solche Rolle zu haben, finde ich schön!“ Sie selbst habe sich bewusst entschieden: dafür, in Gemeinschaft mit ihren Mitschwestern zu leben und sich mit ihnen jeden Morgen um die kleine Gebetsecke im Wohnzimmer zu versammeln; dafür, sich an Gott zu binden.

Ihr Lebensweihering, den die Künstlerin Andrea Auer gestaltet hat, erinnert sie an diese Entscheidung. Außen sieht er aus wie jeder andere Ring; doch auf der Innenseite sind drei kleine Ausbuchtungen zu erkennen, die für die Dreifaltigkeit stehen. "Das prägt und formt mich im Inneren“, sagt Ruth Pucher. "Ich kann es spüren.“

Infos unter www.ordentlich.at

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau